Ludmilla Focke - Kinder der Kreta


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Eine Rückschau an meine Kinderzeit

Vorwort

Wenn ich gut aufgelegt bin, sage ich manchmal heute noch, zum Gaudium meiner Gäste, das Gedicht vom „Bettlermädchen“ auf, natürlich in der Mollarz-Mizzi’schen Fassung mit allen falschen Betonungen und dem ganzen „Pathos“ dieses ellenlangen Gebildes. Und ich muß sagen, den Gästen gefällt’s. Ich kann zwar nicht mehr alle Strophen, aber das Wesentliche schon noch.

Dann heißt es immer: „Du solltest Deine Kindheitserinnerungen aufschreiben, sie sind oft so heiter und manchmal unwahrscheinlich und würden auch andere Menschen amüsieren. Nun sind sie ja nicht immer heiter gewesen, sicher nicht, aber vielleicht werde ich es eines Tages probieren, obwohl es sicher nicht einfach ist die richtige Form auf dem Papier zu finden, denn da gelten andere Regeln, als in der Erzählung, wo Laune und Mienenspiel einen wesentlichen Anteil am Erfolg haben.

Lustigerweise ist mein Mann der Initiator dieses Versuches, der mich immer wieder aufgefordert hat, so kleine Episoden zum Besten zu geben.

Jedes Jahr, am Heiligen Abend, sind wir bei einem alten, lieben Ehepaar Abendessen und quasi als Gegenleistung, muß ich dann ein Abenteuer aus meiner Kinderzeit erzählen.

„Geh’, erzähl’ das, wie ihr damals“ … und ich erzähl halt.

***

Damals konnte man auf mancher „Planken“ der Außenbezirke Wiens die Aufschrift lesen: „Geheimnisse des Ganges!“ Wie oft bin ich an diesen Plakaten vorbeigegangen und dachte in meiner kindlichen Einfalt dabei an die Ufer des „heiligen Stromes“ der Inder, an seine weitverzweigten Seitenarme, mit seinem sicherlich geheimnisvollen „Leben“ und an manchen Abenteuerroman darüber, und ich erfaßte lange nicht, daß dieser „Ganges“ sehr nahe lag, in jedem Haus unseres Bezirkes und in jedem Stockwerk, wobei der gemeinsamen „Bassena“ über die Geheimnisse der Anderen geflüstert und diskutiert wurde.

Um den freundlichen Leser also von Anfang an nicht auf falsche Gedanken zu bringen, sei gesagt, daß die „Kreta“ ebensowenig mit Griechenland zu tun hat, wie der Ganges mit Indien, sondern ein Teil von Favoriten also benamst ist, der den letzten Zipfel nach Südosten bildet und unmittelbar in den elften Bezirk (Simmering) übergeht. Warum dieser Teil „die Kreta“ heißt, weiß ich nicht, vielleicht weil hier die Mädchen so schön und stolz sind wie besagte Griechinnen, wobei nur allerdings die Mischung hier alles andere als griechischen Einschlag hat. Aber ‒ oh Wunder ‒ die Schreiberin selbst, ein echtes Kind der Kreta und Abkömmlingin eines daitsch/behmischen Vaters und einer böhmischen Mutter, hat (nach Aussage vieler Freunde) das Profil einer griechischen Statue. Man sieht also hier ein geheimnisvolles Walten der Natur, denn an eine „andere Version“ wäre in meinem ehrbaren Elternhaus nicht zu denken gewesen.


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