Benno Sabath - Aus meinem Leben


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2. Teil

Die Jahre bis 1939 - beschrieben von Lisl Schr├Âfl

Die vorstehenden Aufzeichnungen brechen unvermittelt ab, - auf den (vermuteten) Grund komme ich sp├Ąter zur├╝ck.

Ich werde versuchen, das weitere Leben meiner Gro├čeltern Adele und Benno Sabath ab dem Jahre 1900 zu beschreiben, so weit es sich aus vorhandenen Photos, Dokumenten, Briefen und sp├Ąrlichen Erinnerungen rekonstruieren l├Ą├čt. Leider gibt es nicht besonders viel Material, obwohl meine Mutter Annie eine gro├če ÔÇ×AufheberinÔÇť gewesen ist. Trotzdem ging nat├╝rlich im Laufe von Jahrzehnten so manches verloren, wenn Wohnungen umger├Ąumt oder gewechselt wurden und vieles einfach dort aufgehoben wurde, wo gerade Platz daf├╝r da war.

Aus eigener Erfahrung kann ich praktisch gar nichts Wichtiges hinzuf├╝gen, da ich erst 13 Jahre alt war, als ich meine Gro├čeltern zum letzten Male gesehen habe, und ich von meiner Mutter auch sp├Ąter nichts ├╝ber ihr Leben erfuhr.

Es ist ja meist so, da├č sich Kinder f├╝r die Lebensmst├Ąnde ihrer Familienmitglieder und Vorfahren weit weniger interessieren als f├╝r ihre momentane Umwelt, also Schule, Freunde, spielen, basteln etc. Jahre danach, als meine Mutter schon verwitwet war und mir vielleicht etwas h├Ątte erz├Ąhlen k├Ânnen oder wollen, war ich mit meinen eigenen Angelegenheiten, Mann, Kinder und Beruf, zu sehr in Anspruch genommen, als da├č ich sie nach alten Geschichten gefragt h├Ątte. Das wirkliche Interesse kommt ja eigentlich erst dann, wenn man praktisch von allen Verpflichtungen frei und in einem Alter ist, wo man das eigene Ende schon absehen kann - und dann ist es leider zu sp├Ąt, um noch irgendwen fragen zu k├Ânnen.

Da├č mit Kindern seinerzeit nicht ├╝ber Verwandte gesprochen wurde, scheint auch daran gelegen zu sein, da├č Kinder in bestimmten Kreisen oft wenig mit den Eltern beisammen waren sondern eher in der Obhut von Kinderfr├Ąuleins oder Dienstm├Ądeln aufwuchsen. Die Mutter kontrollierte fallweise Hausaufgaben, Hefte und Fingern├Ągel, der Vater lie├č sich gelegentlich von Schulnoten berichten.

Das war aber auch anders nicht gut m├Âglich, da die Zeiteinteilung meiner Erinnerung nach eine ganz verschiedene war. Wenn ich z.B. in der Fr├╝h in die Schule mu├čte, schliefen die Eltern noch, wenn ich nach Hause kam, fuhr meine Mutter in die Stadt um Besorgungen zu machen oder sich mit Bekannten zu treffen. Abends, wenn die Eltern nach Hause kamen, war f├╝r die Kinder schon Nachtmahl- oder Schlafenszeit.

Nur an den Sonntagen h├Ątte es Gelegenheit zu einem Beisammensein gegeben. Aber bei entsprechendem Wetter wurden fast immer Ausfl├╝ge gemacht oder es wurde ein Bad aufgesucht und zwar meist in gro├čer Gesellschaft von Bekannten und Verwandten, so da├č wir - Peter und ich als einzige Kinder - wieder nur auf uns selbst angewiesen waren. Und sind wir wirklich einmal mit den Eltern allein gewesen, so wurde weder ├╝ber Krankheiten noch ├╝ber Familienprobleme noch ├╝ber sonstige ÔÇ×TratschgeschichtenÔÇť gesprochen. ÔÇ×Attention, les enfants!ÔÇť

Zu den obigen Abs├Ątzen mu├č ich allerdings noch hinzuf├╝gen, da├č mir das eigentlich so ganz recht gewesen ist und ich es auch nicht als belastend sondern als ganz normal empfunden habe.

F├╝r die relativ pers├Ânlichen Erinnerungen mu├č mein (sehr mangelhaftes) Ged├Ąchtnis herhalten, und die Schilderungen sind auch eher subjektiv und mehr auf die ganze Familie als auf die Gro├čeltern direkt bezogen.

Zum besseren Verst├Ąndnis will ich die Verwandtschaftsverh├Ąltnisse grob skizzieren. Auf der nebenstehenden Seite sind aber nur diejenigen angef├╝hrt, die in sp├Ąteren Briefen erw├Ąhnt sind, die ganze Verwandtschaft w├Ąre wohl zu umfangreich.

Im Februar 1900 kam meine Mutter Annie in Pola zur Welt; der Sturz vom Fahrrad hat ihr offenbar nicht weiter geschadet, da sie immerhin 82 Jahre alt geworden ist. Im Mai 1903 wurde Gertrud (Trude) geboren. Nun gab es vier Kinder.

Mein Gro├čvater setzte seine Marine-Laufbahn fort und wurde von Zeit zu Zeit nach Reglement bef├Ârdert: sein letzter Rang war k.und k. Marineartillerie-Oberingenieur 1.Klasse. Die Kinder gingen in die Milit├Ąrvolksschule, wie aus einem Zeugnis von Annie hervorgeht, die Buben sp├Ąter ins Gymnasium. Da es zu dieser Zeit dort au├čer ihnen keine j├╝dischen Sch├╝ler gab und die Schuldirektion wegen zwei Buben keinen eigenen Religionslehrer anstellten konnte, die Gro├čeltern jedoch der Ansicht waren, irgendeine religi├Âse Erziehung m├╝sse sein, egal welcher Konfession, besuchten sie den katholischen Religionsunterricht und waren, wie der Monsignore best├Ątigte, ÔÇ×seine besten Sch├╝lerÔÇť.

Die Familie blieb bis zum Herbst des Jahres 1909 in Pola, dann wurde der Gro├čvater nach Superarbitrierung als invalid in die Reserve versetzt, und die Familie ├╝bersiedelte nach Prag, K├Ânigliche Weinberge.

Die Pension, die mein Gro├čvater erhielt, betrug pro Jahr 5280 Kronen plus verschiedene Zulagen, insgesamt ca. 6000 Kronen. Ob das viel oder wenig war, kann ich nicht beurteilen, da ich keinerlei Vergleichsm├Âglichkeiten gefunden habe. ├ťber seine berufliche T├Ątigkeit ab dem Jahre 1909 (er war ja damals erst 47 Jahre alt), wei├č ich gar nichts.

In Prag blieb die Familie etwa zwei Jahre, dann ├╝bersiedelte sie nach Wien: zuerst in die F├Ârstergasse im II.Bezirk und im Jahre 1913 in den XIII. Bezirk, Hietzinger Hauptstra├če 97.

Aus dieser Zeit gibt es nur ein paar Ansichtskarten, die der Gro├čvater meist an seine T├Âchter Annie und Trude von seinen Reisen, teils dienstlicher, teils privater Natur, geschrieben hatte.

Die Wohnung in Hietzing war in einem Haus mit 10 Parteien und lag im 2.Stock. Sie hatte vier sch├Âne gro├če Zimmer, K├╝che, Badezimmer, M├Ądchenzimmer und eine nach S├╝den gerichtete Glasveranda, die als Speisezimmer diente, mit Ausblick auf einen sch├Ânen Garten mit B├Ąumen und Blumen. Die nach Norden liegenden Zimmer gingen auf die mit B├Ąumen bestandene und damals sehr verkehrsarme Hauptstra├če.

In Wien war der Gro├čvater u.a. Direktor in einer Maschinenfabrik im XIV. oder XV. Bezirk, und fuhr, wie er mir einmal erz├Ąhlte, t├Ąglich mit der Verbindungsbahn (oder der damals noch existierenden Vorortelinie) ins Gesch├Ąft, bei sch├Ânem Wetter ging er wahrscheinlich auch zu Fu├č. (Es gibt ein Schreiben der Maschinenfabrik Negedly aus dem Jahr 1919, in dem best├Ątigt wird, da├č alle das Gehalt betreffenden Abgaben ordnungsgem├Ą├č an das Finanzamt abgef├╝hrt worden sind. Ob er aber nur in dieser Fabrik besch├Ąftigt war und wie lange, und ob es damals schon eine Pensionsregelung gab, und wann er endg├╝ltig in Pension ging, wei├č ich ├╝berhaupt nicht.)

Die Kinder wurden gr├Â├čer, alle lernten ein Instrument (bis auf meine ziemlich unmusikalische Mutter). Ernst spielte Geige, Richard Cello, Trude Klavier, und zwar alle drei so gut, da├č sie sp├Ąter, zumindest zeitweise, ihren Lebensunterhalt damit verdienen konnten. Trude unterrichtete auch bald einige ihrer j├╝ngeren Cousinen, die sich manchmal sehr ├╝ber ihre Strenge beklagten.

Nach der Matura begann Ernst das Medizinstudium, Richard absolvierte die Handelsakademie, Trude studierte nach der B├╝rgerschule an der Akademie Klavier und Gesang und Annie ging in die Handelsschule und trat als Bankbeamtin bei der Credit-Anstalt ein.

W├Ąhrend des ersten Weltkriegs wurden beide S├Âhne eingezogen, haben aber die Zeit ohne Verletzung ├╝berstanden. Ob der Krieg sonst Auswirkungen auf die Familie hatte, ist mir nicht bekannt.

Nach dem Zerfall der Monarchie stellte sich die Frage nach der Staatsb├╝rgerschaft. Der Gro├čvater optierte f├╝r den neuen Staat Tschechoslowakei und war zust├Ąndig nach Kundratitz, Kreis Sch├╝ttenhofen. Was die Gro├čmutter und die erwachsenen Kinder w├Ąhlten (wenn sie ├╝berhaupt w├Ąhlen durften oder automatisch die Staatsb├╝rgerschaft des Vaters bzw. des Gatten erhielten), wei├č ich nicht. Meiner Mutter wurde im Jahre 1921 die ├ľsterreichische Staatb├╝rgerschaft zugesprochen.

Ob durch die Inflation gro├če finanzielle Verluste f├╝r die Familie entstanden sind, wei├č ich auch nicht. Meine Mutter hat einmal erz├Ąhlt, sie und ihre Schwester h├Ątten von einer verstorben Tante einen Betrag geerbt, der ausgereicht h├Ątte, ein Einfamilienhaus zu kaufen, auszahlbar allerdings erst bei Gro├čj├Ąhrigkeit (oder mit 25 Jahren). Nun, sie haben sich dann f├╝r die Erbschaft eine gute Jause geleistet. (In Aussicht genommen soll der Kauf des Hauses Ecke Reichgasse (heute Beckgasse) und Hummelgasse, also neben der Verbindungsbahn gewesen sein.)

Nach beendetem Medizinstudium etablierte sich Ernst als Zahnarzt in Hietzing ÔÇ×Am PlatzÔÇť, und war, wie ich sp├Ąter auch von fremden Leuten geh├Ârt habe, sehr gesucht und beliebt. Richard wurde, wie meine Mutter, Bankbeamter, allerdings bei einer anderen Bank.

Die Kinder waren nun mehr oder weniger aus dem Haus und hatten ihren eigenen enormen Freundes- und Bekanntenkreis. Auch die Gro├čeltern f├╝hrten ein geselliges Leben, da etliche Schwestern der Gro├čmutter mit ihren Kindern in Wien wohnten und die ausw├Ąrtigen h├Ąufig zu Besuch kamen. Auch Rudolf, Gro├čvaters j├╝ngerer Bruder, war mit seiner Frau Anna von manchmal in Wien.

Die jungen Leute waren ├╝beraus sportlich, sie spielten Tennis, gingen schwimmen und skifahren, an den Wochenenden gab es mit Freunden ausgedehnte Wanderungen oder Klettertouren, Rax, Ges├Ąuse, Veitsch etc.

Bei einer dieser Gelegenheiten lernte meine Mutter im Jahre 1920 einen B├╝rokollegen ihres Bruders kennen. Hans war 12 Jahre ├Ąlter und evangelisch. Ein sch├Âner Mann, blondgelockt und blau├Ąugig, 1.88 m gro├č (meine Mutter war 1.52). Sie verliebten sich und diese Liebe hielt ein ganzes Leben lang. Als sie sich im Jahre 1923 zur Heirat entschlossen, gab es gro├če Schwierigkeiten wegen der unterschiedlichen Religion, worauf sich beide entschlossen, aus ihren Religionsgemeinschaften auszutreten und als ÔÇ×konfessionslosÔÇť nur standesamtlich zu heiraten.

Ob diese erste ÔÇ×Misch-EheÔÇť bei den beiderseitigen Verwandtschaften ├╝berall ihre Billigung fand (es gab sp├Ąter noch andere) wei├č ich nicht, denn auch das Thema Religion wurde vor Kindern nicht er├Ârtert. Ich glaube nicht, da├č die engere Familie sehr religi├Âs war; mein Gro├čvater ging zwar in den Tempel, doch eher aus Gewohnheit als aus ├ťberzeugung.

Mein Vater war 1925 zu einem der Direktoren der Bank (N.├ľ.Escompte-Gesellschaft) bef├Ârdert worden, meine Mutter hatte daraufhin ihre Stellung aufgegeben und im Jahre 1926 kam ich zur Welt. Wir wohnten damals in VI.Bezirk, in der Wallgasse, gegen├╝ber vom Raimundtheater. Als sich mein Bruder Peter f├╝r das Fr├╝hjahr 1931 ank├╝ndigte, ├╝bersiedelten auch wir nach Hietzing in eine gro├če Wohnung, Neue Weltgasse 18, eine Viertelstunde zu Fu├č von den Gro├čeltern entfernt.

Inzwischen war der Gro├čvater ganz in Pension, - als ich 6 war, hatte er seinen siebzigsten Geburtstag - und er hatte viel Zeit f├╝r uns. W├Ąhrend meiner Volksschulzeit holte er mich bei sch├Ânem Wetter oft mit meinem kleinen Bruder Peter von der Schule (in Hietzing Am Platz) ab. Wir gingen dann meist nach Sch├Ânbrunn, wo wir mit den andern Kindern spielten, w├Ąhrend sich der Gro├čvater mit den andern Gro├čv├Ątern gem├╝tlich auf einer Bank unterhielt, bis es Zeit war, nach Hause zu gehen. Er konnte wunderbare endlos lange Geschichten erz├Ąhlen, meist grausige Gespenstergeschichten; ich f├╝rchtete mich schrecklich, hatte in der Nacht Alptr├Ąume, aber trotzdem immer wieder: ÔÇ×Bitte, Opapa, noch eine Geschichte!ÔÇť

Auch an den Nachmittagen waren wir h├Ąufig bei den Gro├čeltern zu Besuch. Wir durften dort im Garten mit den Kindern aus dem Haus herumtoben, ballspielen, auf B├Ąume klettern, nur das Naschen von Kirschen, Himbeeren, Ribiseln etc. war uns streng verboten. Ich erinnere mich, da├č der Gro├čvater sehr b├Âse auf mich war, als ich einmal beim Kirschenessen ertappt wurde.

Von meinem Gro├čvater habe ich schon in fr├╝hem Alter, wahrscheinlich mit 7 oder 8 Jahren, Kartenspielen gelernt. Tarock, zu dritt, oder auch, wenn die Gro├čmutter keine Lust hatte, eine vereinfachte Variante zu zweit, genannt ÔÇ×StrohmandlnÔÇť; leider wei├č ich nicht mehr genau, wie das Spiel geht. Jedenfalls habe ich gut addieren gelernt, denn das Z├Ąhlen war recht kompliziert. ÔÇ×MariageÔÇť wurde auch gespielt, aber das habe ich nie begriffen. Ein paar Mal durfte ich ihn zu seiner w├Âchentlichen Tarockpartie ins Kaffeehaus begleiten, wo ich drei Stunden lang still und aufmerksam die Partien der alten Herren beobachtete, eingeh├╝llt in Pfeifenrauch oder, was ich lieber hatte, in den Rauch der ÔÇ×VirginierÔÇť.

So eng die Verbindung mit den Gro├čeltern war, so wenig Kontakt gab es mit der ├╝brigen Verwandtschaft, zumindest was mich betrifft. Von gro├čm├╝tterlicher Seite kannte ich fl├╝chtig ihre Schwestern, soferne sie in Wien lebten, also meine Gro├čtanten Mali, Fanny, Hermin, Paula usw., aber auch diese sah ich eigentlich nur, wenn sie sich mit meiner Gro├čmutter im ÔÇ×Kaiserst├ÂcklÔÇť zum Kaffee trafen, und meine Mutter sie nach einem Sch├Ânbrunnspaziergang mit mir kurz aufsuchte. Deren Kinder bzw. Enkel, also meine Onkel und Tanten, bzw. Cousins und Cousinen kannte ich ├╝berhaupt nicht

Trude heiratete im Jahre 1926 Dr.Ernst Morawetz, der zum Unterschied zum anderen Ernst nun Erni genannt wurde. Seine Eltern waren Valentin und Emma, seine Schwester Lilly. 1928 verheirate sich Richard mit Maria Wei├č (Mutter Lotte, Schwester Anny Pringsheim). Durch diese Heiraten vergr├Â├čerte sich die Familie wieder, da auch mit den ÔÇ×GegenschwiegernÔÇť enger Kontakt bestand, besonders mit Emma.

Da├č es aus dieser Zeit keine schriftlichen Zeugnisse gibt, ist verst├Ąndlich, alle wohnten in Wien, zum Teil im selben Bezirk, es gab ein Telefon, man traf sich ohnehin fast jeden Sonntag zum Baden oder zu einem Ausflug. Auch Urlaubsreisen machten die Gro├čeltern h├Ąufig in Gesellschaft eines der Kinder. Au├čer einigen Ansichtskarten und Briefen aus der Sommerfrische gibt es nichts.

Die einzigen Ausrei├čer aus der Familie waren Trude und Erni; er war als Jurist bei der Dresdner Bank besch├Ąftigt, zun├Ąchst in Berlin, dann, ab 1929 in Kairo. Dort er├Âffnete Trude ein Studio f├╝r gymnastischen Tanz und Erni wurde sp├Ąter Verwalter der G├╝ter eines der ├Ągyptischen Prinzen. Sie kamen fast jedes Jahr w├Ąhrend der hei├čen Sommermonate nach ├ľsterreich zur├╝ck, um mit Eltern oder Geschwistern den Urlaub zu verbringen. Im Jahre 1935 machten die Gro├čeltern in Begleitung von Tante Emma eine Reise nach ├ägypten, wo sie sich mehrere Wochen aufhielten um das Land zu besichtigen und vor allem, um mit den Kindern beisammen zu sein.

Im Gro├čen und Ganzen f├╝hrten meine Gro├čeltern ein normales b├╝rgerliches Leben, sie waren gesellig, besuchten Konzerte, Oper und Theater, machten kleine und gr├Â├čere Urlaubsreisen und d├╝rften keine besonderen finanziellen oder gesundheitlichen Sorgen gehabt haben. Auch in der Familie scheint es keine Schwierigkeiten gegeben zu haben.

Im Feber 1938 war die letzte Hochzeit, Ernst und Dr.Lisl Heller.

Kurz danach machte meine Mutter mit ihrer Freundin Mimi eine Reise nach Ägypten um ihre Schwester zu besuchen und das Land kennenzulernen; die Reise sollte etwa 4 Wochen dauern. In diese Zeit fiel der Einmarsch der Deutschen.

Meine Mutter blieb die vorgesehen gewesene Zeit in ├ägypten und kehrte dann, trotz Warnungen, nach Wien zur├╝ck. Sie f├╝hlte sich vor dem ├ärgsten gesch├╝tzt, da sich die ganze Familie im Jahre 1934 (kurz vor dem sp├Ąter festgesetzten Stichtag) hatte r.k. taufen lassen. Die Gro├čeltern waren zun├Ąchst als tschechische Staatsb├╝rger au├čer unmittelbarer Gefahr, Trude und Erni waren ohnehin in ├ägypten, wohin auch Emma nachfolgte (Vali war inzwischen gestorben), Ernst und Lisl wanderten nach Mexiko aus. Richard ging allein weg - er war zun├Ąchst Musiker auf einem englischen Schiff und verbrachte dann die Kriegszeit mit Trude und Erni in Kairo; seine Frau Maria (eine Christin) fuhr 1941 ├╝ber Schanghai nach Australien, wo sie sich sp├Ąter wieder trafen. Auch Trude und Erni gingen nach dem Krieg nach Australien, Emma kehrte nach Wien zur├╝ck. (An Details kann ich mich nicht erinnern, vielleicht finden sich noch irgendwelche Aufzeichnungen.)

Im Herbst 1939 ├╝bersiedelten die Gro├čeltern nach Prag, und zwar regul├Ąr unter Mitnahme ihrer Habe. Nun sollte es eigentlich einen geregelten Briefverkehr geben, aber ich habe nichts finden k├Ânnen. Sie hatten eine kleine gut eingerichtete Wohnung mit Balkon und allen Bequemlichkeiten. Es gab auch Telefon, mein Vater fuhr von Zeit zu Zeit nach Prag um sie zu besuchen. Erst ab 1941 sind wieder Briefe vorhanden, abgesehen von Weihnachts- und Geburtstagskarten, vor allem an uns Kinder.

Geselligkeit war nach wie vor wichtig. Von den Verwandten lebte nur mehr Anna, die Frau von Gro├čvaters Bruder Rudolf, der bereits im Jahre 1935, kurz nach dem Tode der Tochter Elsinka, gestorben war. Aber sie hatten Feunde und Bekannte, mit denen sie viel beisammen waren und die sich gegenseitig st├╝tzten und tr├Âsteten.

Ich vermute, da├č der Gro├čvater die Zeit in Prag nutzen wollte, um seine Lebenserinnerungen zu schreiben, und mein Vater das vorhandene bei einem seiner letzten Besuche mitnahm, damit es nicht verloren gehe.

Sowohl Ernst aus Mexiko als auch Trude aus ├ägypten (├╝ber Schweizer Freunde) haben sich bem├╝ht, die Gro├čeltern aus Prag wegzubringen. Abgesehen davon, da├č die Gro├čeltern ihren Kindern nicht zur Last fallen wollten, ob es ├╝berhaupt m├Âglich gewesen w├Ąre, sie nach Mexiko zu ├╝bersiedeln - wer wei├č?

An Stelle einer Beschreibung der letzten Lebensjahre meiner Gro├čeltern will ich lieber nur die an meine Mutter geschriebenen Briefe zitieren.


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