Grete Schröfl - Robert Schröfl: Korrespondenz


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Russe, am 1.4.1935

Mein Liebes!

Nun ist wieder ein Sonntag herum, ich hoffe, es wird der letzte sein. Gestern war es aber auch zum Davonlaufen. Regen und wieder Regen. Wenn wenigstens die Kinos frĂŒher spielen wĂŒrden, doch die fangen erst um dreiviertel Neun an, und das ist mir jetzt bei meinem soliden Leben zu spĂ€t.

Deinen Brief vom 25.3. erhielt ich Sonntag und ich bin froh, daß Ihr nun alle wieder gesund und, wie ja aus Deinem Schreiben fĂŒhlbar ist, wieder munter seid. Hoffentlich wird es jetzt auch der Mutter besser gehen. An Wentys muß ich ja wirklich bald schreiben. Karl hat recht, daß er schimpft.

WĂ€hrend ich jetzt schreibe, ziehen, wie alltĂ€glich, große SchwĂ€rme KrĂ€hen an das rumĂ€nische Ufer. Sie dĂŒrften dort ihre Nester haben. Ich beobachte schon einige Tage, daß es zwei SchwĂ€rme, ziemlich gleich groß, schĂ€tzungsweise 5 - 10.000 Vögel pro Schwarm, sind, die immer von zwei Richtungen kommend ineinanderfliegen und sich dann wieder teilen. Dabei ist ein ganz lautes GekrĂ€chze weithin zu hören. Sie ĂŒberqueren so abends 8 bis 10 Mal die Donau, fliegen hinĂŒber und kommen wieder zurĂŒck, zu ihrem Schaden, denn bei jedem Überflug beim MilitĂ€rkasino werden ein bis zwei StĂŒck geschossen. Und doch fliegen sie immer wieder denselben Weg. In Sofia schlafen die KrĂ€hen auf den Gesimsen der belebtesten Straßen. Da hört man sie noch um 8 oder halb 9 abends schreien. Das mutet ganz sonderbar an. Ganz im Finstern, außer der Straßenbeleuchtung, sieht man ganze SchwĂ€rme ihre Nachtlager wechseln.

Samstag habe ich das erste Mal hier zu Hause gebadet. Ein tĂŒrkisches Bad. Es schaut so aus (Skizze). Beim Anheizen des Kessels erwĂ€rmt sich auch gleichzeitig der Fußboden, da die Feuerung unter diesem durchgeht. Dadurch wird einem riesig heiß. Man nimmt sich dann aus dem Kessel heißes, von der Wasserleitung kaltes Wasser und wĂ€scht sich in den vorhandenen Lavoirs. Man ist zwar nachtrĂ€glich durch die Hitze ziemlich matsch, aber es ist das Baden ganz angenehm.

Meine Hausfrau hat mir, da es draußen wieder kĂ€lter ist, eingeheizt, das war nach dem Baden fein.

Gestern schickte sie mir gegen Mittag 4 StĂŒck Mehlspeise herauf durch Katja. Es war so Ă€hnlich wie Äpfel im Schlafrock, von außen, aber wie ich hineinbiß, ist der Teig salzig und innen Topfen, aber auch recht mit Salz. Ich habe die Mehlspeise selbstverstĂ€ndlich gegessen, aber Deine schmeckt mir besser. Ich kann jetzt schon ein wenig reden, denn ich lerne fleißig. Außerdem bin ich schon sehr bekannt. Heute geh ich zur Kredit-Bank, um das erste Mal Geld abzuholen, das ich jedoch nur auf Grund meines Reisepasses bekommen soll. Als ich zu einem Beamten gehe und ihm meinen Paß zeigen will, kommt der Direktor und sagt: „Oh, das ist gar nicht nötig, Herr Schröfl, ich kenne Sie ja schon.“ Die Leute hier sind sehr zuvorkommend. Der Chef des Arbeitsamtes, bei dem ich heute gleichfalls war, sagte mir seine ganze UnterstĂŒtzung zu. Auch das Entgegenkommen der Postleute ist ein großes, so daß es sich hier ganz gut arbeitet.

Was mit Fritz ist, weiß ich nicht. Ich dachte heute von ihm Post zu bekommen, doch kam nichts. H. Schedlbauer versprach mir bei seinem Abschied, daß er Fritz gleich heruntersendet. Nun, vielleicht kommt morgen etwas. FĂŒr die FahrrĂ€der mĂŒssen wir hier Steuer zahlen. Wenn man einem Verein beitritt, so kostet alles insgesamt 360 Lewa = ca 21 S pro Rad. Es ist dies eigentlich teuer. -Heute Nacht hat es ca 8 cm Schnee gegeben. Ich traute meinen Augen kaum, als ich aufwachte. Und dabei war es vor 10 Tagen so warm, daß man ohne Überrock ging.

Daß ich mir Galoschen gekauft habe, schrieb ich Dir mir scheint schon. Samstag kaufte ich mir einen Hut, da meiner schon ein Loch beim Bug bekam (Lw 250 = S 11). Meinen Anzug, den ich jetzt viel getragen, werde ich mir putzen und bĂŒgeln lassen. Und zum Knöpfe annĂ€hen wĂŒrde ich Dich auch schon sehr notwendig brauchen. Meine angenĂ€hten halten nichts. Und ein paar Socken sollten auch schon gestoppt werden. Du siehst, wie notwendig es ist, daß Du kommst. Und dabei hast Du so gar keine Lust. Am 23. April geht das erste Expreßschiff von Wien ab. Nun, in drei Monaten können wir, d.h. ich, uns auch schon freuen.

Nun, mein Lieb, werde ich fĂŒr heute Schluß machen. Morgen bekomme ich die Bilder, die ich wĂ€hrend der Fahrt aufgenommen, da will ich doch dem Schreiben gleich was beilegen. Das Entwickeln kostet nĂ€mlich hier nichts, nur die Kopien pro StĂŒck Lw 2.50 = 15 g. Das ist sehr billig.

Mein Liebes, Du wirst ja gerade Radio hören, denn wie ich gelesen, ist heute 1.-April-Rummel mit einigen Prominenten. WĂŒrde so gern einmal mit Euch hören. Viele Busserln.

Damit ich nicht vergesse: Wenn Du schreibst, gib bitte Marken von verschiedenem Wert auf den Brief. Ich gebe nÀmlich die Marken einem Sammler in Sofia.

(2.4.1935) Heute schrieb mir Fritz, daß er erst am 8.d. M. von Wien wegfĂ€hrt. Na, dann halt noch einen Sonntag! Viele Busserln schickt Dir

Robert.

Weidlingau, 7.4.1935

Mein lieber Schatz!

Jetzt ist also auch Dein letzter einsamer Sonntag vorbei! Oder doch seinem Ende nahe, denn es ist 9 Uhr. Vielleicht bist Du doch ins Kino gegangen, trotz Deiner SoliditĂ€t. Was soll das ĂŒbrigens heißen? Gehst Du schon um neun Uhr schlafen?. Ich möchte es manchmal, komme aber nie dazu. Es wird tĂ€glich 11, Samstag meistens 12 Uhr, bis ich zum Schlafen komme. Sonderbarerweise schlafe ich trotzdem in den NĂ€chten oft nur mit stundenlangen Unterbrechungen. Vielleicht, weil Du nicht neben mir liegst.

Gestern habe ich eine Rundreise zu allen Deinen Geschwistern gemacht. Ich mußte Werner zu Olga bringen (laut Verabredung), da haben wir unterwegs geschaut, was Rudolfs machen, allerdings ohne uns dort aufzuhalten. Nachdem ich Werner bei Olga abgeliefert hatte, fuhr ich nach Meidling, um Filz, Fleisch und fĂŒr mich Schuhe zu kaufen. Eigentlich hatte ich gar nicht die Absicht, Richards zu besuchen, doch fĂŒrchtete ich bei nĂ€herem Zusehen doch, daß eventuell wĂ€hrend der Schuhkaufs mein Rad verschwinden könnte. So fuhr ich doch zu Richard, um das Rad einzustellen. Als ich von Olga wegfuhr, hatte strömender Regen eingesetzt und als ich nach Meidling kam, spĂŒrte ich bereits naß im Schuh. Da sah ich beim Humanic Restpaare zu 6.90 S, und schneller als Du Dir denken kannst, war ich entschlossen, mir solch ein Paar zu kaufen, außer den schönen, die eigentlich schon zur Fahrt zu Dir bestimmt sind. NĂ€chste Woche bekomme ich 15 S Konsumgeld, so daß die Auslage zu drei Vierteln gedeckt ist. Und da meine alten braunen Schuhe im Gelenk auch kaputt sind, sind sie ja nicht zu reparieren. Bei der Gelegenheit: Dein neuer Hut, von dem Du mir in dem letzten Brief schreibst, ist doch eigentlich billig.

Aber jetzt weiß ich auch, warum Du auf mein Kommen so wartest: nur weil Deine Knöpfe abgerissen sind und die Socken zerrissen. Nun, und da bei mir eben solche Argumente wegfallen, ist es nur logisch, daß Du Dich nur allein freust. So, jetzt hast Du’s, Du Bösewicht! Übrigens ist mir, als ich Deinen Brief las, infolge der Lateinschrift ein Irrtum unterlaufen. Ich las: in drei Monaten können wir uns schon „fressen“ statt „freuen“. Die Sache mit den verschieden bewerteten Briefmarken könntest Du der Kinder wegen auch machen.

Aber um auf Deine Geschwister zurĂŒckzukommen, es geht allen gut. Richard jun. ist jetzt im Werkzeugbau und es geht das GeschĂ€ft dort gut. Willi wird Dir ja wohl schon selbst geschrieben haben, nicht?

Dein tĂŒrkisches Bad ist sehr interessant, doch glaube ich, ist ein Wiener „Tröpferlbad“ angenehmer. Daß Dir Deine Hausfrau Mehlspeise schickt, zeigt auf jeden Fall, daß Du ihr sympathisch bist.

Montag habe ich Robert das Rad von Peperl gekauft; der Bub hat eine riesige Freude damit. Das Rad ist wirklich sehr gut und schön. Das April-Spargeld ist nun allerdings weg, bis auf 5 S, so daß meine Gesamtersparnisse bis jetzt 13 S betragen. Das ist gewiß herzlich wenig.

(8.4.1935, 8.30 Uhr) Also, wenn’s wahr ist, daß Fritz und Fini heute fahren, dann geht in 5 Minuten der Zug ab. Als ich Samstag Deinen Brief erhielt, dachte ich einen Moment daran, zur Bahn zu gehen, doch schon im nĂ€chsten Augenblick hatte ich die Regung ĂŒberwunden, denn „zuschau’n is halt gar so schwer“.

Liebstes, weißt Du, was mich immer besonders freut? Wenn Deine Briefe, wie jetzt schon drei Mal, am Samstag kommen, das macht mir die Sonntage um vieles freudiger. Gestern hatte ich ĂŒbrigens einen besonders netten Sonntag. Werner war bei Olga, wie ich schon erwĂ€hnte, und die zwei Großen und ich fuhren mit den RĂ€dern zu Mutter. Robert blieb dort zur Krankenwache und Fredy und ich gingen zur Sonntagsschule. Schw. Czip lĂ€ĂŸt Dich grĂŒĂŸen, Br. Czip war nicht da, weil sein Vater gestorben ist. Ich möchte immer, daß Du die kleine Martha Dozikal siehst; das Kind ist direkt wie eine Puppe, und kein bisserl scheu. Robert, ich glaube, bei unserem Wiedersehen mĂŒssen wir sehr sehr vorsichtig sein. Denn dieses und meine schon wieder groß gewordene Sehnsucht nach dem SĂ€ugling sind zwei gefĂ€hrliche Faktoren.

Großmama sagt, sie fĂŒhlt sich vollkommen wohl im Bett. Übrigens sitze ich momentan auch im Bett; es ist ja die ganze Zeit saukalt. Gestern, als ich heimkam, wollte ich den letzten Rest meines Kokses einheizen; ich mußte aber TĂŒren und Fenster öffnen und mit Werner, trotzdem es regnete, hinausgehen, so sehr rauchte es. Und als der Rauch sich halbwegs verzogen hatte, war der Koks auch beinahe zu Ende. Vorgestern hatte ich den Petroleumofen angezĂŒndet, aber nach zwei Stunden stinkt er halt und es ist schwer, da von zwei Übeln das kleinere zu wĂ€hlen.

Nun, Schatz, noch etwas! Ich wollte Dir’s eigentlich nicht schreiben, da aus einer Freude nur allzuleicht EnttĂ€uschung wird, aber . . . Trude hat vor ca 3 Wochen ein Gesuch an den Polizeidirektor Skubl gemacht (auf Anraten von Gretl Hrubesch), mit der Angabe, daß sie sich auf die StaatsprĂŒfung vorbereitet. Es kam sofort eine Vorladung zum Angestelltenreferat, wo man ihr mitteilte, daß man im allgemeinen auf Ansuchen solcher, die die StaatsprĂŒfung noch nicht haben, nicht antwortet, Trudes Gesuch aber befĂŒrwortet wurde. Sie mußte gleich zur polizeiĂ€rztlichen Untersuchung und wurde fĂŒr „tauglich“ erklĂ€rt. Dann kam jemand ins Haus um Erhebungen zu pflegen, dann mußte sie nochmals aufs Referat, um alle ihre Zeugnisse vorzulegen. Da sagte ihr der Beamte, daß sie sich sofort nach der StaatsprĂŒfung zu melden habe: „Aber, daß S’ ma net erst 8 TĂ€g spĂ€ter kommen!“ Es scheint also, man hat die Absicht, Trude anzustellen. Wenn sie jetzt nur nicht durchfĂ€llt. Am 13. Juli will sie die PrĂŒfung machen. Ich möchte das natĂŒrlich abwarten und dann vielleicht am 14. oder 15. Juli zu Dir fahren.

So, nun habe ich Dir wieder einmal Bericht erstattet. Sag, wird Dir’s nicht zu fad, all diese Kleinigkeiten zu lesen?

Als ich gestern von Mutter wegging, traf ich gerade beim Haustor Hansel. Es hat sich sehr zu seinem Vorteil verĂ€ndert, man merkt ihm die Auslandsschule an. NĂ€chsten Sonntag wird er vielleicht mit Hansi herauskommen. Gestern konnte ich ja nimmer viel mit ihm sprechen, da ich zu Hause Post gelassen hatte, daß ich gegen halb fĂŒnf heimkomme. So fuhr ich, um Werner wieder abzuholen. Olga und Bernhard begleiteten uns bis HĂŒtteldorf. Wir gingen dann hinten nach Hause, um eventuell Wentys zu treffen, wenn sie draußen gewesen wĂ€ren. War aber ohnehin nicht der Fall.

Nun, Schatzerl, laß mir Fritz und Fini recht herzlich grĂŒĂŸen. Es tut mir leid, daß wir uns in letzter Zeit nicht mehr sehen konnten. Na, dafĂŒr im Sommer.

Die Buben werden Dir dieser Tage einen Brief schreiben und ich werde ihn dann zugleich mit einem von Hansi aufgeben. Dem MĂ€del ist begreiflicherweise das Porto zu teuer und schreiben will sie doch.

Viele Busserl von Deiner sehr sehnsĂŒchtigen Gretel.

Ja, noch etwas! Gestern vor 8 Tagen waren Bernhard und Olga mit Herrn Prankl da. Weil ich just mit Werner spazieren war, haben wir uns dann bei MĂŒhlndorfer getroffen und sie waren nur abends auf ein ViertelstĂŒndchen bei uns. Prankl ist scheinbar ein sehr netter Mensch.

Gretel.

Russe, den 7.4.1935

Mein einzig Lieb!

Dein Schreiben vom 28.3. erinnerte mich sehr an frĂŒhere Zeiten. Du weißt gar nicht, wie ich mich ĂŒber Deine lieben Worte gefreut habe. Ja, Kind, das war damals wirklich ein GlĂŒck, daß Du uns erhalten wurdest. Ich will ja die Gedanken gar nicht weiterspinnen, was hĂ€tte sein können, ich will nur wieder bald und noch weit glĂŒcklicher sein mit Dir! Ja, wie ich Dich doch hersehne, mein lieber Schatz! Und doch muß ich noch lange vernĂŒnftig sein, denn buchstĂ€blich rinnt ja bis dahin noch viel Wasser ĂŒber die Donau.

Ich habe schon viel nachgedacht ĂŒber Dein kommen und wie ich Dich so lange, wie mir möglich, hierbehalten kann. Ich glaube, Du fĂŒhlst als Weib und auch, weil ja doch die Kinder bei Dir sind, nicht, wie schwer es ist, so auseinander zu sein. Eines hilft mir dabei viel, die große Liebe zu Dir, mein Liebes.

Heute habe ich einen Vormittag-Spaziergang ein wenig in die Umgebung gemacht. Es ist heute ein herrlicher Tag und heiß. Ich war in den WeingĂ€rten, wo schon herrlich die ObstbĂ€ume blĂŒhen. Auch in unserem Garten blĂŒht schon das Obst. Auch habe ich wieder viel Interessantes betreffs der Wohnkultur der hiesigen Bevölkerung gesehen und auch zwei Aufnahmen gemacht. Ich wollte eine typische TĂŒrkin aufnehmen, doch ließ sie sich nicht. Ihre Kinder hat sie mir bereitwilligst hergebracht. Aber ich glaube, das nĂ€chste Mal, wenn ich ihr ein Bild bringe, sie rechnet natĂŒrlich gar nicht damit, denn die Leute lassen sich gerne knipsen und bedanken sich auch noch schön dafĂŒr, also wenn ich ihr eines bringe, wird auch sie sich knipsen lassen. Du wirst ja sehen, wie primitiv diese Leute leben. Danach bin ich wieder ins BĂŒro gegangen, denn es ist hier sehr kĂŒhl und ich wollte Dir ja schreiben.

NĂ€chsten Sonntag sind ja doch voraussichtlich die Störs schon hier, dann wird’s ja lustiger. Weißt, wenn so ein heiteres Wetter ist, dann geht’s noch, aber wenn es regnet, ist’s furchtbar. FĂŒr das Zimmer zahle ich Lw 700, ca S 50. Nun, die Kleinen sind schon sehr zutraulich, besonders Etzi, aber nur ist’s halt dumm, man kann ohne die Sprache nicht viel mit ihnen anfangen.

Eben flog die erstgesehene Schwalbe vor meinem Fenster vorĂŒber. Ob diese auch im Sommer hier sind? Vom Fenster sehe ich, zwischen HĂ€usern hindurch, ein StĂŒckchen Donau. Weiter am rumĂ€nischen Ufer, weidet eine große Herde, wahrscheinlich Schafe.

So, jetzt habe ich geschwind eine Aufnahme gemacht, damit Du auch sehen kannst, wie es von meinem BĂŒroplatz aussieht. Und jetzt gehe ich essen. Leb wohl, einstweilen.

Nachmittag, 4 Uhr. Nun habe ich den zweiten Spaziergang hinter mir. Wieder zweieinhalb Stunden. Mir tun schon die FĂŒĂŸe weh, aber was soll man denn machen? Die Sonne wird immer heißer, man schwitzt geradezu beim Gehen. Ob es bei Euch auch so schön und warm ist? Es gibt schon Veilchen, die von den TĂŒrken viel gesammelt werden zum Verkaufen. Ich sah jetzt schon eine ganze Schar Weiber von 12 - 70 Jahren auf der Suche. Die meisten in ihren weiten tĂŒrkischen Hosen mit dem herabhĂ€ngenden 
 (unleserlich). Eine schöne Tracht ist das gerade nicht.

Ja, ich darf nicht vergessen, Dir zu schreiben, daß Du vielleicht am 1. Mai nicht den ganzen Gehalt bekommst. Ich habe nĂ€mlich die 500 S in meiner Reiseabrechnung als Reisevorschuß (statt Bauvorschuß) angegeben und nachtrĂ€glich der Firma geschrieben, daß, wenn hiedurch in der Verrechnung Schwierigkeiten entstehen sollten, die Firma den Rest, der nach Abzug der Reisespesen noch bleibt, vom Aprilgehalt abziehen soll. Du mĂŒĂŸtest Dir, vielleicht von Großmama, das Geld einstweilen ausborgen.

Und jetzt werde ich Dir noch meine Essenseinteilung sagen: Also frĂŒh, erst im BĂŒro, das ja nur 5 Minuten entfernt ist, 1 Glas Tee und 1 Bretzel. Mittag Suppe, dann entweder Hammelfleisch, oder Kalb- oder Schweinefleisch, oder Hendl in verschiedener AusfĂŒhrung oder gefĂŒllte Paprika und gefĂŒllte WeinblĂ€tter u.s.w., dann Joghurt mit Zucker. Um 3 Uhr im BĂŒro wieder Tschei und abends, da gibt’s am Rost gebackene Sachen. Leber, Faschiertes, Lamm- oder Kalbsfilet, am Spieß gebackene FleischstĂŒcke, oder aber gebackenen Liptauer (Du wirst lachen, doch wird dieser in Pergament eingewickelt und gebacken). Dazu trinke ich meist Wein, der sehr gut und billig ist. Das kostet: FrĂŒh 4, mittags 30-35, abends auch 30-35, nachmittag 2 Lw, so daß ich mit 100 Lw gut auskomme. Wenn man Wohnung und WĂ€sche und Diverses noch dazurechnet, so sind das pro Tag Lw 150. Es bleiben daher leicht 150 Lw ĂŒbrig. Ich habe jetzt schon Lw 10.000 weggelegt, werde dann aber wahrscheinlich 1000 noch brauchen, so daß immerhin 540 S verbleiben.

Ich lege Dir zwei Bilder bei. Viele Busserln

Dein Robert.

9.4.1935

Lieber Vater!

Samstag wollten wir, Robert und ich, uns in der Volksoper die Meistersinger ansehen. Es war aber Walter und Hans Sachs krank. Sie fĂŒhrten die Fledermaus auf, die mir sehr gut gefiel. Jetzt, 6’ auf 2 Uhr, kam meine Karte an. Ich hatte nicht Namenstag, sondern Geburtstag und die Torte war sehr gut. Schade, daß Du nicht dagewesen bist. Meine nĂ€chste RedeĂŒbung ist unsere Fahrt in das Salzkammergut. In der Schule geht es mir sehr gut. Hans gibt mir ein französisches Lehrbuch, denn der Kurs wird bald aussein, weil wir nur mehr vier Kinder sind. Viele Busserln, Fredi

.

Weidlingau, am 9.4.1935

Lieber Vater!

Vor allem möchte ich Dir fĂŒr das Rad danken. Dasselbe ist sehr schön und geht sehr leicht. Daß wir Samstag in der Volksoper waren, hast Du ja bereits vom Fredy erfahren. Es tat mir wohl leid, daß die Meistersinger nicht aufgefĂŒhrt werden konnten, aber es war auch so sehr lustig. Auf den Aufsatz, welchen wir am 1.d. M. unter dem Titel „Heimaterde wunderhold“ schrieben, bekam ich eine 1. Nun bin ich aber neugierig, ob ich auch das GlĂŒck habe, etwas von den 200 ausgesetzten Preisen zu erwischen. Heute regnet es sehr stark und der Boden ist schon ganz aufgeweicht. Nun muß ich aber schließen, denn es ist schon 5 Uhr und ich habe noch Aufgabe zu schreiben. Viele Busserl, Dein Robert.

10.4.1935

Lieber Onkel!

Ein paar Zeilen werde ich Dir auch dazuschreiben, obwohl ich eigentlich ein bisserl böse bin auf Dich, weil Du uns ĂŒberhaupt noch nicht geschrieben hast.

Ich habe jetzt sehr viel zu lernen. Jeden Tag gehe ich in die Schule und nachher heißt’s immer Aufgabe machen. Wahrscheinlich werde ich im Juli u.zw. am 13. zur PrĂŒfung antreten. Nachher werde ich ziemlich sicher in den Polizeidienst eintreten können. Hoffentlich. Die Aussichten sind ja recht gut.

Zur PrĂŒfung muß ich mir eine Maschine mitbringen. Weißt Du, ich möchte mir dann eine Maschine einen Monat vorher ausborgen, damit ich mich recht gut einĂŒben kann.

Ende Juni werde ich einen zweitÀgigen Ausflug auf die Rax machen. Ich freue mich schon sehr darauf. Kosten wird es mir nichts, oder sehr wenig, weil die Fahrt der Fortbildungsverein zahlt.

Heute war ich mit Tante im Dorotheum. Wir haben einen sehr hĂŒbschen Mantel fĂŒr mich gesehen. Vielleicht bekomme ich ihn.

Also, sei so lieb und schreib uns einmal. Ich werde Dir demnĂ€chst einen langen Brief schreiben. Nun recht herzliche GrĂŒĂŸe und recht frohe Ostern und sonst noch allerhand wĂŒnscht Dir

Trude

10.4.1935

Lieber Onkel!

Da ich Tante sagte, ich wolle einem Schreiben an Dich auch meine Zeilen beilegen, gab sie mir heute die Gelegenheit, weil ja auf den Briefen der Buben Platz genug ist. Vor allem meinen besten Dank fĂŒr die schöne Karte, die Du mir aus Sofia schicktest und die GeburtstagswĂŒnsche; es ist wirklich sehr lieb und anerkennenswert, daß Du auch dort meiner gedachtest, besonders so knapp nach der Ankunft, unter all den neuen EindrĂŒcken.

Viel Neues kann ich Dir leider - Gottseidank - nicht berichten. Großmama geht es schon wieder ziemlich gut, jetzt darf sie auch schon aufstehen versuchen und wenn’s dann zu Ostern so schön und warm ist wie heute, können wir hoffentlich schon mit ihr nach Weidlingau fahren. Trudl lernt wirklich fleißig, das sehen wir auch immer dann, wenn ihr die Lehrerin unter fast jede Aufgabe „sehr fleißig“ schreibt. Daß sie sehr gute Aussichten hat, bei der Polizei angestellt zu werden, wenn sie die PrĂŒfung erfolgreich besteht, wird Dir wohl Tante mitgeteilt haben. Die beiden sind einkaufen gegangen, da ist Trudl ja immer besonders gern dabei, wie Du sie ja kennst, sonst ist sie auch ziemlich unverĂ€ndert; ich denke ĂŒbrigens, sie wird auch etwas an Dich schreiben wollen und diese Gelegenheit benĂŒtzen.

Ich ersetze Tante Steffy seit voriger Woche ihr LehrmĂ€dchen, welches erkrankt ist, und mache ihr die Wege und Lieferungen, welche geschehen mĂŒssen; nur in dieser Beziehung ersetze ich sie, muß ich richtigstellen. Weißt, wenn ich so die Manipulationshilfen bei Krupnik beobachte, denke ich mir immer, das könnt’ ich mindestens ebensogut wie diese, denn wie langsam die arbeiten, davon machst Du Dir keinen Begriff, gegen die bin ja ich ein Wirbelwind. Aber leider bin ich ja zu alt und wenn gleich Tante Steffy fĂŒr mich reden könnte, wĂŒrde es deshalb und weil ich schon so lang nicht mehr beim Handelsstand bin, ja doch nichts nĂŒtzen, sie hat ja auch keinen Einfluß auf Prominente. Ich kann mir nicht helfen, aber ich fĂŒhle mich ĂŒberhaupt so ĂŒberflĂŒssig und unnĂŒtz, daß ich mir öfter denke „ach, wĂ€r ich nie geboren!“ Aber da ich’s nun doch bin, muß ich’s tragen, so gut’s eben geht, dabei kommt mir meine Vergeßlichkeit sehr zu statten, so schnell ich weinen, seufzen und klagen kann, so rasch erfreue und lache ich auch wieder von ganzem leichtem Herzen, viel mehr dem Backfisch als meinem Alter entsprechend, bin ich und hoffe es zu bleiben, denn ich glaub’, ich bin damit nicht schlecht dran.

NĂ€chste Woche kommt endlich wieder mal meine Rosl nach Wien, darauf freue ich mich; wir haben uns nun schon mehr als 2 Monate nicht gesehen, doch glaube ich, ist unsere Freundschaft deswegen doch eine gute, wenn wir uns auch nicht alle Tage sehen, so verrĂŒckt waren wir nie, oder besteht nur darin die wahre Freundschaft? Es gibt Leute, die dieser Ansicht sind.

Ich muß nun Deine ganze Nachsicht erbitten fĂŒr das, was ich Dir da alles an uninteressanten Dingen schrieb, aber anderes weiß ich nicht, und ich muß allen freien Platz vollschreiben, das ist so ’ne Manie von mir.

Ich wĂŒnsche Dir nun auch recht schöne, vergnĂŒgte und angenehme Osterfeiertage.

Sei herzlichst gegrĂŒĂŸt von Hansi und Großmama. Auch Herrn und Frau Stör grĂŒĂŸe bitte frdl. von mir.

Hansi

Weidlingau, 15.4.1935

Du, mein Herzensschatz!

Also an frĂŒhere Zeiten erinnert Dich mein Brief vom 28.3. Kinderl, soll das heißen, daß Du glaubst, ich hĂ€tte Dich frĂŒher lieber? Ich glaube doch nicht. Schau, es ist halt vielleicht so Ă€hnlich wie mit der Liebe, wie mit den Kindern. Solange sie klein sind, herzt man sie eben mehr, ob man sie deshalb lieber hat als spĂ€ter, möchte ich doch dahingestellt sein lassen. Und so lange die Liebe noch jung ist, fallen eben auch die Koseworte hĂ€ufiger. Trotzdem glaube ich, ist bei uns beiden die Liebe im Laufe der Jahre nur grĂ¶ĂŸer geworden. Aber obwohl ich das als ganz sicher fĂŒhle, haben auch mich die lieben Worte in Deinem Schreiben vom 7.d. M., die wieder aussprachen, was sonst nur im Unterbewußtsein lebt, sehr erfreut. Ich weiß gar nicht, wie oft ich die wenigen Zeilen gelesen habe! Das ganze große GefĂŒhl kann man ja nicht bannen auf ein StĂŒckerl Papier, aber doch so ein wenig.

Lieb, glaubst Du wirklich, daß mir das Auseinandersein so viel leichter wird als Dir? Die Kinder sind doch noch klein.

Nun, Kinderl, jetzt wird’s Dir ja auch leichter werden, wenn Störs dort sind. Haben sie schon eine Wohnung?

Ich war heute den ganzen Tag auf Wohnungssuche, trotz strömenden Regens und Sturmes. Ich will Dich nicht mit den Kreuz- und Querfahrten langweilen, aussichts (dieses Wort ist durchgestrichen!) umsonst war es doch alles. Ich hatte einige Anzeigen herausgeschnitten, doch war das eine nur ein BĂŒro und die Wohnung selbst ganz draußen, in Breitenfurth. Um eine Wohnung ist mir sehr leid, die schon vergeben war. Ein Balkonzimmer, 2 Kabinette, Vorzimmer, KĂŒche, 65 S, im 4. Bezirk, Danhausergasse. Ein prachtvolles Haus mit MarmorwĂ€nden und Spiegeln im Stiegenhaus, Lift, VorgĂ€rtchen und kleiner Garten rĂŒckwĂ€rts. Na, kann man eben nichts machen.

Nach vielen Irrfahrten (-gĂ€ngen) war ich in einem BĂŒro in der Malzgasse im 2. Bezirk gelandet, um die Adresse einer Wohnung zu erkunden, in der NĂ€he des Hotels Metropol, 2Z, K, KĂŒ, Vz, Bad und 65 S und 400 S Ablöse. Aber weißt Du, wo das war? In einer Seitengasse der Judengasse. Das Haus sah aus wie ein GefĂ€ngnis und ich ging erst gar nicht hinein. In der Auhofstraße, nicht im schönsten Teil, von uns ein paar HĂ€user nach der Verbindungsbahn, waren auch 2 Zimmer und KĂŒche, 60 S Zins und 540 S Ablöse, doch waren dort die Kinder ein Stein des Anstoßes.

Na, ich wollte, der ganze Rummel wÀre schon vorbei.

Neugierig bin ich, ob Du Deine typische TĂŒrkin noch auf die Platte bringst! Werde mich sehr freuen, die Bekanntschaft der Dame zu machen, wenn auch vorlĂ€ufig nur auf dem Papier.

Ja, mein Schatz, wenn schönes Wetter wĂ€re, könnte ich vielleicht auch alles leichter tragen, aber bei uns ist’s höchstens einmal einen Tag schön und regnet dann dafĂŒr wieder 14 Tage umso heftiger. Dabei ist es schauderhaft kalt. Ich sitze hier mit Pullover und Wettermantel, trotzdem ich erst vor Kurzem den Petroleumofen ausgedreht habe. Wie lange das heuer noch so fortgehen wird?

Bei uns hat alles oder alle Hals- und auch noch verschiedene andere Schmerzen. Doch so lange mich das Fieber verschont, bleibe ich natĂŒrlich auf. Morgen und ĂŒbermorgen ist Waschtag. Ich fĂŒrchte so sehr das Schöpfen. Diesmal wird’s ja vielleicht besser, weil die Kinder schon Osterferien haben. Jetzt, seit Mitzi fort ist, kann man auch nicht viel vorschöpfen.

Sag, sind denn Kinder mit 12 Jahren auch schon Weiber?

Wegen des Geldes habe ich heute gleich mit Großmama gesprochen. Es muß ja da so ungefĂ€hr das ganze Monatsgehalt draufgehen. Angenehm ist’s mir ja nicht, wenn ich dann wieder Schulden hab anstatt Reserve fĂŒr den Fall des Umzugs, doch lĂ€ĂŸt sich’s eben nicht Ă€ndern.

DafĂŒr ist es wieder sehr schön, daß Du so viel ersparst, wenn ich nur schon wĂŒĂŸte, wie wir die Ersparnisse herbekommen werden. Mit Frau Wenty habe ich schon darĂŒber gesprochen, wegen des Verbrauches von Lewa, wenn Wenty und der zweite Herr (irgendein Doktor) nach Varna fahren sollten. Vielleicht könnt Ihr doch irgendwie in Verbindung treten.

Deine Esseneinteilung schreibst Du mir wohl, auch was es kostet, nicht aber, ob es Dir schmeckt. Der gebackene Liptauer ist mir ein RĂ€tsel und die gezuckerte Joghurt ein Greuel, wie grĂŒner gezuckerter Salat. Momentan schmeckt mir zwar gar nichts.

Bitte, eine Gewissensfrage, nicht wieder unbeantwortet lassen: Darf ich Deine alten Bretteln (Ski) einheizen? Die Rodel ja auf jeden Fall. Ich möchte so viel als möglich rÀumen.

Sag, hast Du Brodils schon geschrieben? Ich noch nicht, auch nicht an Louis, Festus und Hubers. Schw. Huber hat Fredy schon vor ein paar Tagen eine sehr lieb gehaltene Osterkarte geschickt, vielleicht schreibst Du auch einmal eine Karte nach Rottenbach.

Letztes Mal habe ich ganz vergessen, Dir fĂŒr die hĂŒbschen Bilder zu danken. Wenn Du noch eine VergrĂ¶ĂŸerung von den Kindern hast, bitte schicke sie mir fĂŒr Festus.

Nun schlaf und trĂ€ume sĂŒĂŸ, tausend liebe GrĂŒĂŸe,

Gretel.

Russe, den 15.4.1935

Mein Liebes!

Diesmal mußtest Du ein wenig warten, die Ursache wirst Du ja erraten. Also Fritz und Finny sind glĂŒcklich letzten Samstag hier angekommen, haben auch schon ein sehr schönes Zimmer und ich komme eben vom erstmaligen Nachtmahlessen bei Störs. Nun bin ich froh, das kannst Du Dir denken, es ist doch etwas anderes als das Gasthaussitzen. Störs Zimmer, das frĂŒher ein Salon war, ist erst heute mit neuen Möbeln eingerichtet worden, es ist mindestens 8 m lang und 6 m breit, mit kleinem Erker und Aussicht auf die Donau. Es kostet zwar 1500 Lw, obwohl Finny die BettwĂ€sche beistellt und ja auch das ZusammenrĂ€umen besorgt, aber Fritz wollte es eben schön haben und das ist recht, denn ich habe es ja dadurch auch schön, da ich ja doch die meiste Freizeit dort sein werde. Mit dem eigentlichen Kochen, wir aßen heute Tschei und Wurst, fĂ€ngt Fini erst dann an, bis sie mit der Wohnung ganz in Ordnung ist.

Und nun zu Deinem lieben Brief. EigentĂŒmlich ist, daß ich die letzte Zeit, genau wie Du, auch oft in der Nacht wach wurde und stundenlang nicht schlafen konnte. Jetzt ist’s schon ein paar NĂ€chte besser.

Es ist sehr schön von Dir, daß Du Rundreisen zu meinen Geschwistern machst, aber nur fĂŒrchte ich, daß sie ĂŒber mich schimpfen, weil ich nicht schreibe. Na, aber es kommt dies schon noch.

Nun, es ist eigentĂŒmlich: Jetzt, wo Finny da ist und mir die Knöpfe annĂ€ht, habe ich doch noch immer Sehnsucht nach Dir und warte doch schon so auf Dich, mein Schatz. Es ist ja doch nicht allein um der Knöpfe willen. Ich schaue doch schon jetzt immer die Donau aufwĂ€rts und stelle mir so vor, daß Dein Schiff kommt. Noch drei Monate!

Also hat Robert schon sein Rad. Das glaube ich, daß er sich darĂŒber freute, nur sollen die Buben auch recht darauf aufpassen, damit die RĂ€der gut erhalten bleiben und wir dann nĂ€chstes Jahr eine feine Urlaubstour machen können.

Nun, mein liebes Kind, wir werden bestimmt, wenn Du kommst, vernĂŒnftig sein und aufpassen, denn die 5 Jahr-Frist wĂ€re ja wieder da. Aber es wĂ€re doch nicht gut, trotz Deiner Sehnsucht. Auch von den anderen abgesehen, wĂ€re es ja fĂŒr Deine Gesundheit schlecht, so leid es mir ja doch wĂ€re, denn sie gefallen auch mir sehr gut, die kleinen Butzerln.

Die Nachricht von Trude freut mich ja sehr, wir wollen hoffen, daß daraus etwas wird, es wĂŒrde doch fĂŒr sie gut sein, wenn sie in eine halbwegs sichere Zukunft schauen könnte, besonders fĂŒr Trude, die ja ein positiver Mensch ist.

Solche Berichte sind gewiß keine Kleinigkeiten und sie sind mir nicht nur nicht fad, sondern sie interessieren mich, auch wenn es auch wirklich Belangloses sein sollte. Darum schreibe nur, mein Liebes, je mehr, desto lieber. Und ich warte auch schon auf den Brief der Buben, auch sie sollen mir viel, auch Kleinigkeiten, schreiben, denn wenn man so von der Heimat weg ist, will man alles hören.

Also Prankl ist Dir sympathisch! Nun ja, er war einmal ein sehr netter Mensch, als er jung war. Jetzt ist er ein Raunzer geworden, obwohl mir Olga sagte, daß er sich in letzter Zeit gebessert hat. Aber selbstverstĂ€ndlich sehe ich ihn ja mit den Augen des Mannes, ein Weib urteilt da oft anders.

Na, Willi scheint im Schreiben auch ein Schröfl zu sein, denn bekommen habe ich von ihm noch nichts.

Fortsetzung morgen, gute Nacht!

Liebe Gretel! Komme soeben wieder von Störs. Das heutige Nachtmahl aus Butter, Rettich, Tee und NĂŒssen kostet mich 6 Lewa = 36 g. Morgen macht Finny das erste Mahl das Mittagessen, Eiernockerln mit Salat. Also ich freue mich schon sehr darauf.

Noch etwas: Du bekommst anfangs Mai von Kritzendorf S 136 zugesandt, die ich hier an Fritz in Lewa gegeben habe. Ich weiß nicht, ob nun die Firma das Geld (Reisevorschuß) im Mai abzieht, auf alle FĂ€lle kannst Du auf das Kritzendorfer Geld rechnen, nur kommt es möglicherweise erst um den 10. Mai.

Morgen ist GrĂŒndonnerstag, aber nicht fĂŒr uns, wir haben ihn erst in 2 Wochen, denn wir halten die bulgarischen Feiertage. Wir haben dann vom 26. bis 29.4. frei. Vielleicht machen wir eine Schiffahrt, wenn es möglich und nicht zu teuer ist und wenn das Wetter danach ist. Momentan ist wieder kĂ€lter geworden, aber es ist doch noch so warm, daß der Flieder blĂŒht.

Ich habe jetzt eine Änderung in meinem Zimmer. Der Ofen und der Schreibtisch sind weg und dafĂŒr ist mein Zimmer wieder grĂ¶ĂŸer und es steht eine fein gepolsterte Bank da. Ich brauche aber noch einen Tisch, wenn die Störs zu Besuch kommen, denn wir wollen uns dann zur Abwechslung das Nachtmahl hierher nehmen. Auch werden wir, wenn es wĂ€rmer wird, öfters hier im Garten sein.

Kind, ich denke oft daran, ob Du nicht den Werner mitnehmen sollst, wenn Du kommst. Sag aber nichts, sondern schreibe mir, wie Du darĂŒber denkst.

Ich habe oft Sehnsucht nach den Kindern und nach Dir, das weißt Du ja, mein liebes Weib.

Jetzt geh ich halt wieder, mit einem Seufzer, allein ins Bett, Du Liebes, ich wollte, Du wÀrst hier.

Robert.

Russe, den 20.4.1935

Mein sĂŒĂŸes Lieb!

Gestern habe ich Deinen wieder so lieben Brief vom 15.d. M. erhalten, heute bekam ich von den Kindern den Brief. Du siehst, ich bin jetzt mit Post gut daran. Auch habe ich, ja staune nur, an Wenty eben 4 Seiten geschrieben und ihm einige Bilder beigelegt. Aber trotzdem will ich Dir noch ein bißchen schreiben, solange meine FĂŒllfeder noch Tinte hat, denn ein wenig hilft das, meine Sehnsucht zu lindern. Ich will Dir gleich mitteilen, daß Finny seit Mittwoch kocht und wir alle drei bis jetzt ganz zufrieden sind. Es ist natĂŒrlich sehr billig im VerhĂ€ltnis zum Gasthaus. Alles in allem wird mir der Tag ohne Nebenauslagen auf ca Lw 60 (mit Quartier) kommen. Wir hatten z. B. vorgestern abends Butter, KĂ€se, Rettich und Tee und heute mittags Rindsgulasch und das kostete Lw 22. Ich zahle tĂ€glich, es ist das allen lieber. Heute sind die Störs bei einer Hitler-Feier (Geburtstag), ich habe aber abgelehnt, denn ich lese lieber Hitlers „Kampf“. Ich glaube, ich habe Dir geschrieben, daß mir dieser sehr gefĂ€llt. Es ist schade, daß man so etwas verbietet.

Nun geht die Arbeit hier bald an, am 30. April kommen noch 5 Wiener Monteure und da wird es mit der Netzmontage ernst. Die Amtseinrichtungen sind auch schon in Russe eingelangt und einstweilen beim Verzollen. Wir werden nun wahrscheinlich anfangs Mai mit der Amtsmontage beginnen können. Das Zusammenarbeiten mit den Herren der Postverwaltung ist ein sehr gutes. Das ist natĂŒrlich angenehm, und wir haben in dieser Weise GlĂŒck, denn in Stara Zagora und in Varna ist das nicht der Fall. Hoffentlich ist uns das Wetter auch hold bei unseren Außenarbeiten. Momentan regnet es jeden Tag mindestens 5 Stunden, die Regenperiode, die hier drei bis vier Wochen dauern soll. Bei uns sind die BĂ€ume bereits verblĂŒht, bald gibt es hier hiesige Kirschen. Es geht so rasch, daß man fĂŒr unmöglich hĂ€lt, daß es noch vor wenigen Tagen 8 cm Schnee gegeben hat.

Meine Feder streikt schon, daher schlĂŒpfe ich ins Bett. Aber die vielen Busserln, die ich Dir schicke, wird sie doch noch schreiben.

Samstag vormittag im BĂŒro.

Mein Liebes! Die Feder ist wieder frisch gefĂŒllt und, da ich den angefangenen Brief zu Hause habe, fange ich halt wieder ein neues Blatt an. Du wirst Dich schon auskennen. Nun zu Deinem Brief vom 15.d. M., den ich aber in meiner Tasche habe, denn ich habe immer ein oder zwei Briefe von Dir bei mir.

Nun, Schatz, ich weiß ja ganz bestimmt, daß wir uns jetzt lieber haben als einst, vielleicht ist es nicht ganz richtig „lieber“, sondern anders lieb als frĂŒher, Da kannten wir uns ja doch nicht so wie jetzt und die Kinder waren auch nicht da. Ich glaube ja doch, daß dies unser Zusammensein beeinflußt. Das sehe ich ja auch bei Störs. Ich glaube nur, daß es sie einmal reuen wird, daß sie es versĂ€umten, Kinder zu haben. Na, die Menschen sind eben, Gott sei Dank, nicht alle gleich.

Warum schreibst Du mir denn immer von langweilen? Glaubst Du denn ernstlich, daß Deine Worte dies tun? Nun, Lieb, bei Deiner Wohnungssuche siehst Du doch, daß es Wohnungen gibt. 65 S ist ja gar nicht so viel. Nur, Schatzerl, mußt Du doch dran glauben, daß wir etwas finden, es ist doch fĂŒr uns alle nötig. Dein vielleicht im Unterbewußtsein geschriebenes Wort (aussichtslos) zeigt aber, daß Du schon im Vorhinein daran zweifelst, etwas zu finden. Schau, wir mĂŒssen etwas finden, bzw. Du mußt, denn den nĂ€chsten Winter bleibe ich bestimmt nicht mehr in Weidlingau.

Du schreibst mir unlĂ€ngst, Du möchtest, daß ich in einer Weise so wie Rudolf wĂ€re. Vielleicht ist aber gerade zu der Entfaltung dieser Veranlagung bei Rudolf die Bedingung gegeben. Ich schrieb Dir, daß Trude ein positiver Mensch ist. In dem Schreiben von den Kindern sehe ich dies nun bestĂ€tigt, denn da habe ich eine treffende GegenĂŒberstellung von Trude und Hansi.

Ich muß mit der Schreibmaschine weiterschreiben, denn erstens komme ich bei dieser Debatte ins Schmieren und dann ĂŒbe ich mich bei dieser Gelegenheit im Schreiben. Also Hansi schreibt mir, sie wĂŒnschte manchmal, sie wĂ€re nie geboren u.s.w. Nun, sie hat ja immer noch dieselbe Gelegenheit etwas anzupacken, statt zu jammern. Schau doch einmal die Rosa an. Freilich sagt man, die findet leichter etwas, weil sie JĂŒdin ist. Ich glaube doch, daß die Ursache darin liegt, weil Rosa eben will und die Unannehmlichkeiten leicht ĂŒberwindet, um zu ihrem Ziele zu kommen. Das sind eben lebensbejahende Menschen, die ihr ererbtes oder anerzogenes Selbst, soweit nötig, ĂŒberwinden. Und das ist im Leben notwendig, um durchzukommen. Hansi schreibt mir z. B., so schnell wie die Krupnik-Manipulanten kann sie auch arbeiten, und bemerkt aber dazu, daß man sich gar keinen Begriff macht, wie langsam die sind. Warum sich denn immer nur an den schlechteren Leuten ein Beispiel nehmen? Weil es eben an Selbstbeherrschung fehlt, weil bei diesen Menschen sich die Meinung gebildet hat, daß man anders nicht sein kann, als man eben ist. Ich gebe da Onkel Neel in „Otto Babendiek“ recht, wenn er sagt, daß die Menschen gute und schlechte ElektrizitĂ€t besitzen, nur bezieht er das meist auf den Charakter, auf das Gute und Schlechte im Menschen, ich möchte dies jedoch auf den Menschen und seine Einstellung zur Welt anwenden. Nun bitte ich Dich, daß dies nur unter uns gesprochen sein soll, weil Hansis Brief im Großen und Ganzen sehr lieb ist, er wĂ€re beinahe sonst mit Deinen Schreiben zu vergleichen, im Stil u.s.w.

Eben ist Fritz gekommen, Schluß der Debatte und viele Busserln, die mit der Maschine geschrieben recht spaßig aussehen.

Fortsetzung Sonntag abend. Ich komme eben vom Nachtmahl beim ZuckerbĂ€cker nach Hause. Wir waren heute in einer Nachmittagsvorstellung im Kino, es wurde der Film „Kaiserwalzer“ gespielt mit Martha Eggerth und Hansi Niese und Szakall, sehr drollig, wunderschöne Aufnahmen, die uns wieder unseren Wald herzaubern, denn der Film spielt in Ischl. Das ist doch fein, daß man in Bulgarien sitzt und doch die schöne Heimat sieht. Heute lese ich noch den Kampf.

Viele Busserln und im Geiste umarme ich dich fest.

Robert.

Fortsetzung Dienstag.

Mein allerliebster Schatz!

Muß doch diesen Brief aufgeben, damit Du ihn noch vor Sonntag erhĂ€ltst. Wir haben jetzt die Amtseinrichtungen transportiert und viel Wirbel und langen Dienst im BaubĂŒro, heute bis 8, gestern bis halb 8. Viele GrĂŒĂŸe an alle Bekannten und Euch kĂŒĂŸt innig

Vater

Weidlingau, 24.4.1935

Mein Lieb!

Also, ob Du heute ganz mit mir zufrieden sein wirst, weiß ich nicht. Trotzdem ich glaube, das Beste getan zu haben, was ich konnte. Habe gestern eine Wohnung gemietet, in der Josefstadt, am Albertplatz 8. Du wirst das Haus wahrscheinlich kennen, das sogenannte „Maria-Theresienschlössel“. 2 Zimmer, grĂ¶ĂŸer als unser jetziges, eine KĂŒche und Vorraum, beides zusammen wohl kaum lĂ€nger, vielleicht ganz wenig breiter als unsere KĂŒche. Werde Dir nach dem 1. Mai, wenn ich die SchlĂŒssel habe, eine genaue Skizze schicken.

Was mich so besonders anzieht an der Wohnung, ist das freundliche GrĂŒn vor den Fenstern, vorne der kleine Park, rĂŒckwĂ€rts ein kleiner Garten. Drei Fenster gehen nach rĂŒckwĂ€rts, zwei nach vorne.

Nun aber der wunde Punkt: Die Wohnung kostet 80 S und außerdem hat das Haus weder eine WaschkĂŒche noch einen Keller. Nun ist da allerdings ein kleiner Gang nur fĂŒr uns, wie ĂŒberhaupt der Aufgang zur Wohnung ganz separiert ist. Auf dem Gang kann man zur Not, wenn es nicht zu kalt ist, waschen. Die BodentĂŒre ist gleich neben unserer WohnungstĂŒre und einen eigenen BodenschlĂŒssel habe ich gleich beansprucht, so daß man die RĂ€der jederzeit auf den Boden hinaufstellen und herunterholen kann.

VorlĂ€ufig kostete mich die Wohnung bereits 170 S, die ich nun Großmama schulde. 120 S VermittlungsgebĂŒhr; privat ist nĂ€mlich ĂŒberhaupt nichts zu bekommen, oder wenigstens nichts VernĂŒnftiges. Und 50 S fĂŒr den Notar, fĂŒr den Mietvertrag. Der ist ja eigentlich bloß ein Schutz fĂŒr den Hausherrn, muß aber doch vom Mieter bezahlt werden. Der Vertrag lĂ€uft auf keine bestimmte Dauer, sondern ist monatlich kĂŒndbar. Doch war mir dies nur angenehm, da der Hausfrau (ca 30 Jahre, Herr ist scheinbar keiner da) nach ihren Worten durchaus nicht einfallen wird zu kĂŒndigen, so lange der Zins bezahlt wird.

Ich aber rechne damit, daß man unter UmstĂ€nden, wenn die Sache mit der Kreitnergasse doch noch flĂŒssig wird, eventuell nochmals umziehen kann. Ich wollte nur nicht zwischen 2 Sesseln auf der Erde sitzen. Es ist die relativ gĂŒnstigste und im VerhĂ€ltnis billigste Wohnung, die ich bisher besichtigt habe.

Gestern hast Du mir ganz furchtbar gefehlt bei der Entscheidung. Ich schicke Dir eine Vollmacht mit. Bitte mir zu bestĂ€tigen, daß ich in Deinem Namen handeln darf, sonst wĂ€re die Wohnung nur auf meinen Namen geschrieben worden, was ich nicht wollte. Auch ein Adressenverzeichnis aus einer Vermittlung im 3. Bezirk lege ich bei, um Dir einigermaßen Übersicht ĂŒber die MietenverhĂ€ltnisse zu geben.

Ja, noch etwas: Zins muß ich bereits ab 1. Mai in Wien bezahlen, doch möchte ich erst Ende Mai oder 1. Juni ziehen, um nicht alles ĂŒberstĂŒrzen zu mĂŒssen.

Lieb, nun endlich zu Deinem letzten Brief. Ich bin so froh, daß Du Störs nun endlich hast. So ist Dir doch die Einsamkeit ein wenig genommen und auch mit der Kost wird’s etwas besser sein; doch nicht immer Fleisch. Abgesehen von der Billigkeit.

Störs Zimmer kann ich mir eigentlich kaum vorstellen, doch ist es Fritz ebenso gegangen wie mir. Ich wollte es eben auch schön haben.

Ob ich Werner nicht mitnehmen soll, hab ich eigentlich auch schon gedacht. Mit Großmama ist momentan ja nicht zu rechnen, Hansi hat ihre Bedienung, wahrscheinlich auch im Sommer die Vertretung der Assistentin und wenn Trudel vielleicht wirklich gleich eine Anstellung bekommt, ist auch mit ihr nicht zu rechnen. Es ist nur, ob uns die Kosten nicht gar zu hoch werden. Überlege Dir die Sache halt noch, ich ĂŒberlasse es ganz Deinem GutdĂŒnken.

Bitte, wegen Deiner alten Bretteln bestimmt antworten! Und schicke bitte die Pendlerkarten. sonst verfallen sie noch.

Nun, Schatz, heute war kaum Gelegenheit, ein liebes Wort einzuflechten, doch glaube ich, Du weißt auch so, wie’s um mich steht. Ich hab Dich ja so lieb!

Gestern ist es halb 9 geworden, ehe ich heimkam, so mußte ich mein Rad drinnen lassen. Heute fahre ich darum und dann gleich zu Wentys um mein Mantelfutter. Stoff habe ich schon aus dem Dorotheum, 19.20 S. Doch bin ich auch das Mutter noch schuldig.

Ja, noch etwas. In der Albertgasse ist ein Realgymnasium. Ich glaube, ich werde mich am 1. Mai gleich erkundigen, wie die Bedingungen sind. Herr Lehrer Matzinger meint, es ist nur ein kleiner Unterschied zwischen Realschule und Realgymnasium (in den Sprachen). Werde mich auf jeden Fall nÀher erkundigen.

Viele, viele Busserl Deine

Gretel.

Bitte, schicke Werner eine Osterkarte. Er wollte Dir’s erst selbst schreiben, ist aber davon abgekommen. Viele GrĂŒĂŸe auch an Störs und die anderen Herren und Damen, die auf der letzten Karte unterschrieben haben. Gretel.

Eben kam Deine Karte an Werner, es erĂŒbrigt sich also.

Russe, den 28. April 1935

Mein lieber Schatz!

Na, und ob ich zufrieden bin mit Dir! Das war wohl eine sehr angenehme Überraschung. Ich glaube, es ist gut so, wie Du’s gemacht hast. Nun bin ich schon neugierig, wie Deine Skizze ausschaut. Du schreibst nicht, in welchem Stock, ob Gas und Elektrisch eingeleitet ist, was fĂŒr Fußboden, ob Wasser und Closett in der Wohnung. Das wĂŒrde ich wohl schon gerne wissen. Mein Lieb, wir werden es uns schon schön machen, gelt? Ist die Wohnung ausgemalt? Na, ich möchte Dich auch so gerne hier haben, um so alles mit Dir durchsprechen zu können.

Heute ist hier Ostersonntag und auf meinem Tisch steht ein Osterkuchen, 2 StĂŒck Mehlspeise und 6 bunte Eier, von meiner Hausfrau, das ist hier so Sitte, daß man beschenkt wird. Ich bin froh, schon gestern 2 Holz-Ostereier mit Inhalt fĂŒr die zwei Kleinen gekauft zu haben, so konnte ich mich gleich revanchieren.

Heute wollten wir eigentlich mit dem Schiff nach Svistov, das ist eine Stadt 60 km stromaufwĂ€rts, fahren. Wir sind um 5 Uhr aufgestanden, da um 6 Uhr das Schiff abfahren sollte, aber, als wir uns die Karten lösen wollten, erfuhren wir, daß wir die Einzigen fĂŒr die Fahrt waren und, da die Gesellschaft fĂŒr drei Personen das Schiff nicht fahren ließ, mußten wir wieder heimgehen. Störs hatten ĂŒberhaupt schlecht geschlafen und legten sich wieder nieder, ich ging zuerst spazieren, spĂ€ter setzte ich mich auf eine Bank im Park und las das Berliner Tageblatt. Um 9 Uhr fuhren wir das erste Mal mit den RĂ€dern fort, doch nur 6 km, dann legten wir uns in die Sonne und ließen uns braten. Wir haben eine schön geschĂŒtzte Stelle gefunden, denn wir haben seit vorgestern starken Wind. Vorgestern abends war so ein Sturm, daß ein kleines Dampfschiff durch ihn an das Ufer geworfen und umgekippt wurde. Der halbe Schiffsrumpf, der Schornstein und die Fahnenstange schauen gerade noch aus dem Wasser. Noch ein GlĂŒck, daß bald Leute hier waren, die das Schiff noch mit Seilen am Land befestigten, sonst wĂ€re es ganz gesunken, denn die Donau ist hier sehr tief, 20 bis 40 m. Nachmittag gehen wir ins Kino „Freut Euch des Lebens“ mit Slezak. Wir haben herausbekommen, daß es Sonntag auch Nachmittagsvorstellungen gibt, die sogar nur die HĂ€lfte kosten. Da können wir nach dem Kino wenigstens noch ordentlich Nachtmahlessen. Fini kocht noch weiter gut und billig.

Ja, was ich noch wissen will: Wie stellst Du Dir denn die Unterbringung der Kinder vor, wenn Du wegfĂ€hrst? Mit Werner glaube ich, ist es doch besser, wenn Du ihn nicht mitnimmst. WĂ€re es nicht möglich, daß er bei Olga bleibt? Freilich wĂŒrde er da von Bernhard verzogen werden, doch wĂŒrde dies auch anderswo der Fall sein. Weißt Du, Du hast ja doch hier, wenn Werner nicht da ist, mehr Ruhe, und wenn wir zusammen ans Meer wollen, dann ist alles viel einfacher. So gerne ich alle die Kinder hier hĂ€tte.

Wenn Du in das Realgymnasium gehst, so erwĂ€hne gleich, daß Fredy konfessionslos ist. Sollte dies Anstoß erregen, so könntest Du vielleicht doch veranlassen, daß die Kinder evangelisch eingetragen werden. Das muß jedoch noch ĂŒberlegt sein und hat ja auch noch Zeit.

Dienstag, 30.4.1935

Liebe Gretel!

Nun sind die Feiertage vorbei, fast möchte man sagen, Gott sei Dank, denn man weiß nicht, was man anfangen soll. Das sonntĂ€gige KinostĂŒck war sehr lustig. Abends fĂŒhrte uns Fini aus, sie zahlte uns nĂ€mlich einen halben Liter Wein. Nach dem Kino waren wir auf dem Jahrmarkt, der zu Ostern stattfindet und bis Donnerstag dauert. Da gibt es so verschiedenes der bulgarischen Heimarbeit zu sehen. Am 6. Mai ist MĂ€dchenmarkt. Da bringen die MĂŒtter ihre MĂ€dels zur Stadt, um sie als DienstmĂ€dchen zu verdingen. Die MĂ€deln bleiben dann gewöhnlich ein halbes Jahr hier, dann gehen sie wieder zurĂŒck ins Dorf.

Montag, gestern abend, sind unsere Kabelmonteure von Wien ĂŒber Bukarest gekommen. Die Fahrt ist verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurz, 30 Stunden. Fini und Fritz sagten: „Nun, das wird fein sein, wenn wir einmal auf die Gretel warten.“ Ja, ich dachte mir dies ja schon lange. Noch zweieinhalb Monate! Wie oft ich mir das schon vorstelle, wie schön dies dann sein wird. Aber wir mĂŒssen dann auch noch unsere Ungeduld zĂ€hmen, wenn Du vom Schiff bist, denn dann kommt noch die Zollrevision, die ca eine Viertelstunde dauert. Da gibt es noch so einen abgesperrten Raum, wo man nicht hindarf. Aber wir werden die letzte Viertelstunde auch noch aushalten, gelt, mein Liebes?

Weißt, mein Schatz, wir haben öfters gesprochen, wie mir sein wird, wenn ich Dich nicht habe. Wie uns seelisch ist, das weißt Du ja, wie ich mich nach Dir sehne. Aber anders komme ich auch ganz gut durch, und Deinen Rat, daß ich mich hier verheiraten soll, brauche ich nicht zu befolgen. Ich warte lieber auf Dich, mein Schatz, mein lieber, um dann wieder ein bißchen unvernĂŒnftig zu sein.

Meine Feder streikt schon wieder, sie ist wieder nicht gefĂŒllt. Bitte schreibe mir vieles ĂŒber die Wohnung.

Viele 1000 Busserln Dir und den Kindern.

Robert.

Weidlingau, 28.4.1935

Liebster!

Wieder ist ein Sonntag vorbei, sogar ein recht netter. Es war ja „Tag der Musik“. Ich hatte von Robert Karten gekauft fĂŒr Fredy und mich, Großmama kaufte eine fĂŒr Trude und Werner haben wir ohne Karte mitgenommen. Das Programm hat alle unsere Erwartungen ĂŒbertroffen. Erst sangen die HauptschĂŒler „Die Himmel rĂŒhmen“ und die „Hoffnung“ von Beethoven. Nachher spielte das Lehrerorchester das Largo von HĂ€ndel und etwas von Bach. Alles wirklich erstklassig. Das Hadersdorfer Volkskonservatorium war auch vertreten und hat einiges zum Besten gegeben. Die MĂ€dels fĂŒhrten VolkstĂ€nze aus u.s.f. So verlief der Nachmittag sehr zu meiner Zufriedenheit.

Olgas heutigen Besuch habe ich allerdings versĂ€umt. Sie kam natĂŒrlich, um sich nĂ€her ĂŒber die Wohnungssache zu unterrichten, von der ihr Richard schon erzĂ€hlt hat. Mittwoch, als ich bei Frau Wenty war, um mein Mantelfutter abzuholen, war sie nicht zu Hause und weil’s noch nicht gar so spĂ€t war, fuhr ich zu Richard, um ihm von der Wohnung zu sagen. Richard brachte mir dann Donnerstag das Futter und fuhr von mir zu Olga. So hat sie es erfahren. NatĂŒrlich ist sie auch ein bissel weg, wegen der 80 S. (Brauchte sie eigentlich nicht zu sein, da sie selbst ja immer mit einem Betrag von 80 S gerechnet hat.) Ich ja auch, aber ich habe eingesehen, daß alles andere noch schlechter war. Und die Wohnung gefĂ€llt mir nun einmal ĂŒber die Maßen gut. An Lage können wir in ganz Wien keine schönere finden, außer in WĂ€hring oder in Döbling, wo aber eine Zweizimmerwohnung durchschnittlich 150 bis 200 S kostet und man außerdem keine Kinder haben darf. Abgesehen davon, daß es dorthin ganz schön weit ist. Ich habe bereits auf dem Plan ausgemessen (mittels ganz dĂŒnner Papierstreifchen), wie weit Du bis zum GeschĂ€ft hast. Es sind genau 5 km, so weit wie von der Apostelgasse bis zur Mollardschule.

Also, Schatz, ich habe von Mutter das Anerbieten, daß sie mir noch 600 S borgt, zu den schon geborgten 170 S (Mantelstoff bestreite ich nĂ€mlich von dem Gehalt, wird also nachher von mir aus retourniert.). Ich möchte nun doch verschiedene Dinge besorgen, z. B. die Kosmoshefte binden lassen. Wenn möglich einen BĂŒcherkasten anschaffen und vielleicht auch Lotterbetten. FĂŒr das zweite Zimmer brauchen wir Karnissen und VorhĂ€nge, Farbe zum Anstreichen der Möbel, eine Kohlenkiste und was dergleichen Dinge mehr sind. Ich werde ja sehen, wie weit ich mit dem Geld reiche und zunĂ€chst immer nur das nĂ€chstnotwendige anschaffen (Kohlenkiste z. B. gehört ja erst im Herbst dazu). DafĂŒr aber jetzt die Reparatur des Gasherdes, das hier Ab- und dort das Anmontieren. Dort haben wir einen Koksofen, der, von der KĂŒche aus beheizt, beide Zimmer heizt. Wie er sich bewĂ€hrt, muß man natĂŒrlich erst sehen. (Ich habe heute gesehen, daß das nicht ganz stimmt: Im vorderen Zimmer steht ein Kachelofen.)

Bin schon so neugierig auf das Maß der RĂ€ume. Übermorgen hole ich mir die SchlĂŒssel. Artmanns habe ich gleich verstĂ€ndigt. Voran Frau Artmann, als ich sie sah, und als ich nachmittag mit Robert zusammenkam, fragte ich ihn, ob ich ihm eine gerichtliche KĂŒndigung schicken soll. „Aber na, is scho erledigt“ war die Antwort, „aber b’such’n darf ma Ihna a amal, Sie hab’n uns zwar net eing’laden.“ Nun, ich bedeutete ihm, daß ich vorlĂ€ufig noch nicht ausgezogen sei und die Einladung bestimmt nachholen werde.

Freitag und gestern habe ich an unserem Sofa gearbeitet. Es waren eine Menge SchnĂŒre gerissen, Federn verschoben und auf einer Seite war es ganz abschĂŒssig, so daß ich auflegen mußte. War gut, daß ich Werners alte Matratze habe. Ich habe den Kopf so voll von Verbesserungen aller Art, daß mir kaum noch Zeit bleibt, mich nach Dir zu sehnen. Und doch geschieht ja alles nur in dem Gedanken an Dich und dem Bestreben, es Dir so schön als möglich zu machen. Hoffentlich wird es mir doch einmal gelingen.

FĂŒr heute noch viele Busserl und ĂŒbermorgen Fortsetzung. Ja, vor lauter Wohnung habe ich Dir nicht einmal geschrieben, wie viele GĂ€ste ich Ostermontag hatte. Also: Olga, Bernhard, Prankl, Richard, Anna, Mutter und Hansi. Halt: Frau Wenty und Trude hĂ€tte ich bald vergessen. Sonntag waren nur Rudolf und Mitzi da, Samstag Willi. Mutter ist nun seit Montag dageblieben und Trude holte sich heute ihre Geburtstagstorte (Mutter blieb weiter).

29.4.1935

Mein einzig Lieb!

Herzinnigen Dank fĂŒr Deinen so lieben Brief vom 20.d. M. Er kam zwar nicht Samstag sondern erst heute, was aber meine Freude in keiner Weise beeintrĂ€chtigte.

Wenty wird sich sicher auch sehr freuen, endlich Post von Dir zu bekommen. Na, jetzt wo Du so viel billiger lebst, kannst Du auch etwas mehr verschreiben, nicht?

Von Hitlers „Kampf“ hattest Du mir nicht geschrieben. Na, ich glaube, ein jedes Buch, das aus einer Überzeugung heraus geschrieben wurde, zu der Sorte gehört es doch wohl, ist gut und wird den Leser fesseln, selbst dann, wenn man dem Verfasser nicht immer ganz beipflichten kann.

Ich dachte nicht, daß Ihr so viele Wiener Monteure hinunterbekommt. Ich hörte frĂŒher ja nur von zwei oder drei.

Es freut mich sehr, daß Ihr mit den Herren von der Post in solch gutem Einvernehmen seid, so wird Euch auch die Sache leichter.

Wie hat sich Fritz und besonders Fini in Russe eingewöhnt? Diesmal scheint mir, als hÀttest Du ein bisserl Heimweh. Also wirklich gut, wenn Du die Heimat wenigstens im Film sehen kannst. Ich wollte auch schon drei Mal ins Kino gehen, aber es ist jedesmal beim Wollen geblieben.

Nun, Schatzerl, ich wĂŒnsche Euch von Herzen gĂŒnstiges Wetter. Bei uns regnet es fast tĂ€glich und zwar nicht 5 Stunden, sondern 12 bis 24 Stunden, trotzdem’s bei uns keine Regenperiode gibt. Dabei muß man stĂ€ndig noch heizen, denn Temperaturen von mehr als +10 Grad gehören zu den AbsurditĂ€ten. Wenn ich nicht die Aussicht auf ein vernĂŒnftiges Logis hĂ€tte, wĂ€re es zum Verzweifeln. Im Zimmer regnet es jetzt an zwei Stellen, auch ĂŒber der Bank. Ameisen gibt’s an allen Enden und seit gestern haben wir auch wieder MĂ€use.

Im Garten ist’s ja jetzt recht schön. Es beginnt zu blĂŒhen. PfirsichbĂ€ume blĂŒhen schon seit 8 Tagen, doch Kirschen erst jetzt und Äpfel noch immer nicht.

Robert, ich freu mich schon so auf morgen. Da hole ich mir die SchlĂŒssel unseres neuen Heims. Vielleicht scheint es mir nur so und die Sache mit der WaschkĂŒche ist bestimmt ein Haken, aber ich glaube, so gut kann es mir gar nirgends mehr gefallen. Dein heutiger Brief hat mich auch noch im Geldpunkt etwas beruhigt. Wenn Du meinst „65 S ist ja gar nicht so viel“, dann scheinen Dir am Ende die 80 S auch nicht so furchtbar wie mir und damit bin ich bereits getröstet.

Über Trude und Hansi werd’ ich mich ein andermal mit Dir unterhalten. Nur, daß Hansi Ă€hnlich schreibt wie ich, ist logisch. Ist sie mir doch ĂŒberhaupt sehr Ă€hnlich.

So, nun muß ich aber Platz lassen fĂŒr morgen. Gute Nacht, mein Liebes, und sei recht innig und heiß gekĂŒĂŸt von Deinem Weib.

Danke Dir noch vielmals fĂŒr das Bild von den Kindern, obzwar ich in nĂ€chster Zeit kaum dazukommen werde, an Festus zu schreiben.


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