Ignaz Briess — Ghettoleben


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20. Kapitel

Da die Zeit nach einem ehernen Naturgesetze nicht stille steht und man täglich älter wird — die Tage summieren sich ja zu Jahren — so befand ich mich endlich vor der Vollendung meines dreizehnten Lebensjahres. Vier Wochen vorher wurde mir das Tefillinlegen beigebracht und es begann das Einstudieren der Derascha beim Rebbe und der deutschen Ansprache beim Lehrer der Trivialschule.

Auf den ersten Sabbat im Monate Elul des Jahres 1846 fiel der für mich bedeutungsvolle Tag, mit dessen Eintritt der jüdische Knabe als Bar Mizwoh in religiöser Beziehung gleichsam großjährig erklärt wird.

Als Konfirmand durfte ich beim Minjan und ebenso beim Mesumon (ein besonderes Nachtischgebet, welches bei Anwesenheit von mindestens drei männlichen, mehr als 13 Jahre alten Personen verrichtet wurde) als mündige religiöse Person betrachtet werden 1).

An diesem meinem Ehrentag begleiteten mich selbstverständlich die Eltern und Großeltern zum Mussafgottesdienste in die Synagoge.

Während die Eltern bereits moderne Kleidung trugen, hatten die Großeltern noch die altgewohnte jüdische Feiertagstracht und zwar der Großvater ein hohes, weißes Halstuch mit einem Spitzenjabot, einen langen, fast bis an die Knöchel reichenden, schwarzen Tuchrock, an den Füßen Schnallenschuhe und auf dem Kopfe ein rundes, niedriges Barett, „Breitel“ genannt, während die Großmutter ihre golddurchwirkte Haube, den dazu passenden Spenzer und einen hellen, schillernden Seidenrock trug.

Diese ehrwürdige Tracht findet man in den Genrebildern des berühmten Malers Professor Isidor Kaufmann (geb.22.März 1853 in Arad, gest.15.Feber 1921 in Wien) „Aus dem jüdischen Familienleben“ meisterhaft dargestellt.

Nach dem Aufrufen in der Synagoge, wo ich selbstverständlich den Maftirabschnitt und die Haftarah mit dem traditionellen Nigun (Melodie) bekol rom (d.i. mit lauter Stimme) vorgelesen habe, fand in der Wohnung aus Rücksicht auf das Ansehen der Eltern die große Gratulationstour statt, bei welcher ich in Anwesenheit des Rabbiners und der Talmudisten die Derascha fließend hersagte.

Nachdem ich diese beendigt hatte, benschte, d.i.segnete mich der alte ehrwürdige Rabbiner Grün (Bruder der Großmutter väterlicherseits) und prägte mir als Leitspruch (Possuk) folgenden Psalmvers ein: „Adonai auhs jeschuossi, szukaussi l’rauschi bjaum neeschek“, d.i. „Gott ist mein Heil und mein Schutz zur Zeit der Gefahr.“

Diesen Denkspruch sollte ich stets nach dem Olenu und dem Nachtgebet mit Andacht in der Stille hersagen.

In ähnlicher Weise erhält ja bei der Firmung jeder katholische Firmling ein Heiligenbild mit einem Sinnspruch, und der protestantische Konfirmand bei der ersten Communion einen gedruckten oder geschriebenen Geleitspruch für’s Leben, aber ohne Heiligenbild.

Nachmittags gegen 3 Uhr stellte sich wieder eine andere Reihe von Besuchern modernerer Richtung ein, denen ich die deutsche Rede vortrug.

Von den vielen Geschenken — die üblichen Zusendungen von Wein, Zitronen, Pomeranzen, Backwerk usw. übergehe ich, weil sie nicht mir sondern den Eltern gewidmet waren, die auf den Besuch fast der ganzen Kehilla nicht vorbereitet sein konnten - machte mir das von den Großeltern mütterlicherseits erhaltene die größte Freude.

Diese konnten aus Iglau der weiten Entfernung wegen nicht persönlich erscheinen und sandten per Post einen goldenen, mit einem Rubin geschmückten Ring, für den kleinen Finger passend, in einem mit rotem Plüsch ausgeschlagenen Etui.

In meiner Anspruchslosigkeit oder Naivität imponierte mir das Etui mehr als der Ring und selbst in der Gegenwart habe ich für Schmuck keinen Sinn; als kostbarster gilt mir seit dem 15.Jänner 1860 der Ehering!

* * *

Zur Konfirmation erhielt ich einen neuen Anzug und eine bei jüdischen Konfirmationen noch nie dagewesene Neuheit: einen Zylinderhut.

Diese Novität wurde, sooft ich sie aufsetzte, von allen Kollegen betastet und dadurch binnen zwei bis drei Wochen zerknüllt und verbeult. Deshalb wollte ich ihn knapp vor den bevorstehenden Sukkaustagen bei dem „über der Brücke“ in der Lasnikergasse wohnenden Hutmacher ausbügeln lassen.

Ich trug ihn an einem Freitag nachmittag in Begleitung meines Bruders Adolf und meines Cousins W. dahin; beide waren circa um 6 bis 8 Jahre jünger als ich. Während wir beim Hutmacher weilten, brach in der Nähe seines Hauses eine große Feuersbrunst aus, so daß uns der Rückweg abgeschnitten war. Wir gingen zur nahen Beczwa, um sie zu durchwaten, da viele Leute vor uns dasselbe taten. Unglücklicherweise traten wir in eine Untiefe und sanken unter. Mit Gottes Hilfe arbeiten wir uns wieder heraus, und mit vieler Mühe und Not erreichten wir das andere Ufer. Damit die beiderseitigen Eltern von unserem Unfalle nichts merken sollten, blieben wir einige Stunden in der Sonne, um uns und unsere Kleidungsstücke zu trocknen. Erst nächsten Tages, am Sabbat vormittag, erfuhren die Eltern, in welch großer Lebensgefahr wir geschwebt hatten. Mein Vater, der Onkel und ich wurden zur Thora aufgerufen und verrichteten das „Gomal-Gebet“, das ist ein Dankgebet für die Errettung aus der Ertrinkungsgefahr.

Erst im Jahre 1910, also nach 64 Jahren, wurde an dieser gefährlichen Stelle — welcher zweifelsohne viele Menschenleben zum Opfer gefallen waren — ein eiserner Brückensteg errichtet, und doch spricht man immer von der „guten alten Zeit“!

Der Zylinderhut, welcher meiner Hand entfiel, wurde von den reißenden Fluten fortgetragen; der an der Tête der Fischphalanx schwimmende, dicke Karpfen dürfte mit seinem breiten Maul den Deckel der Angströhre (d.i. meines Zylinders) durchstoßend in die runde Hülle geschlüpft sein und, die Katarakte der Beczwa und March mutig übersetzend, erst bei Theben — wo March und Donau zusammenfließen — sich derselben entledigt haben, da man sich in Transleithanien, woselbst Stefan Szechenyi, bezw. Lajos Kossuth, Mitte der 1840er Jahre für Honi-Industrieprodukte Propaganda gemacht hatten, nur mit einem Kalpak sehen lassen durfte.

21. Kapitel

„Söhne müssen in die Welt hinaus,
wenn etwas aus ihnen werden soll.“
(Ludwig Finkh)

Mit dem letzten Tage des Monates Tischri 1846 trat nun der Ernst des Lebens an mich heran.

Es galt bei den Eltern die Frage: „Was soll nun aus dem Jungen werden?“

Nach damaliger Anschauung war die Beantwortung ziemlich leicht. Sie lautete: „An die Jeschiba (Talmudhochschule) gehen und ein Bochur (Talmudjünger) werden.“

Man wußte ja aus Erfahrung, bezw. redete es sich ein, daß man aus einem Bochur alles machen kann!

Ich selbst wurde natürlich nicht gefragt — ein Recht auf Selbstbestimmung oder Rücksicht auf besondere Wünsche, Neigungen oder Fähigkeiten des Knaben kannte man damals nicht — und so reiste ich am 1. Cheschwan (Herbstmonat) an die hohe Schule nach Leipnik, deren Rabbiner Salomon Quetsch s.A. als talmudischer Gelehrter einen Weltruf besaß (s.Anm.37). Selbstverständlich ist darunter nur die jüdische Gelehrtenwelt gemeint.

Wehmütig trat ich die Reise an, handelte es sich doch um die erste längere Abwesenheit vom trauten elterlichen Heim!

Trotzdem die Eltern in ziemlich guten Verhältnissen lebten, mußte ich in „üblicher Weise“ und um kein Präveniere vor den anderen Bochurim zu haben, „Kosttage“ essen. Ich hatte deren bei den Geschäftsfreunden des Vaters vier und zwar Sonntag, Dienstag, Donnerstag und Sabbat.

Montag, Mittwoch und Freitag war ich mein eigener Kostherr, sogenannter Selbstversorger. Das Menu war an diesen Tagen sehr reichlich, da mir der Frächter, welcher jeden Montag zum Wochenmarkte in Leipnik eintraf, stets eine vollgepackte Tasche mit Eßwaren brachte.

Ich erinnere mich mit Vorliebe an das „Einbrenn“, welches eigentlich zur Bereitung der täglichen Frühstückssuppe dienen sollte, das ich jedoch des „Kümmelgeschmackes“ halber vorwiegend im rohen Zustande konsumierte.

Gleichzeitig mit mir kamen noch zwei gleichaltrige Kollegen aus Prerau (s.Anm.38) an die hohe Schule, welche den Rang einer jüdischen Universität einnahm.

Weil wir trotz unseres jugendlichen Alters ziemlich viel talmudisches Wissen besaßen, genossen wir die große, vielbeneidete Auszeichnung, obenan (berausch haschulchan) an der Spitze des langen grünen Tisches rechts und links vom Rabbiner zu sitzen, und man nannte uns das Prerauer Dreigestirn oder das Prerauer Kleeblatt.

Allein bald kamen zwei von uns selbst zur Einsicht, daß wir trotz allen Fleißes keine besonderen Fortschritte werden machen können.

Man muß bedenken, daß ein Übergang vom Cheder an die Jeschiba dieselbe Bedeutung hatte, als wenn ein Untergymnasiast direkt an die Universität gegangen wäre!

Und so erübrigte uns nichts anderes, als gleich vielen anderen — selbst älteren Hörern — einen Korrepetitor, welcher Chasorbachur 1) genannt wurde, behufs Nachhilfe für die ersten drei Monate zu nehmen.

Die Korrepetitoren waren in der Regel erwachsene, 28 bis 30jährige Bachurim, welche nach längerem Aufenthalte an der Jeschiba die Prüfung aus dem gesamten Talmud bei dem Rabbiner ablegten, und wenn diese günstig ausfiel, die Hatorah, d.h. einen Befähigungsnachweis erhielten, wo immer außerhalb Mährens eine Rabbinerstelle bekleiden zu können 2).

* * *

Vorträge des Leipniker Rabbiners fanden statt: Sonntag, Dienstag und Donnerstag von 8 bis 12 Uhr vormittags über die diversen Traktate aus dem Talmud.

Die Kunst und die Spezialität des Rabbiners bestand darin, daß er als Kasuist und Dialektiker ein talmudisches Thema auf vielerlei, oft zehn- bis zwölffache Weise zu interpretieren und zu kommentieren wußte.

Die älteren Bachurim durften Fragen stellen und Gegenbemerkungen machen, nach welchen sich der Rabbiner ein Urteil über ihr Wissen und ihren Scharfsinn bilden konnte.

Zweimal in jedem Jahre, das ist am Schabbos Schuwoh (vor Jaumkipur) und am Schabbos Hagodaul (vor Pessach) hielt der Rabbiner die große „Derascha“ in der Synagoge. Das Thema, welches er zu behandeln beabsichtigte, wurde nicht nur in Leipnik, dem Rabbinatssitze, sondern auch in den benachbarten Gemeinden einige Wochen vorher durch kurze, schriftliche Mitteilungen (Bolletten) bekannt gemacht, damit sich nicht nur die Talmudisten des Ortes sondern auch die von auswärts damit vertraut machen konnten.

Zwischen dem Rabbiner und den übrigen Gelehrten des Ortes entwickelten sich regelmäßig lebhafte Dispute in der Synagoge, so daß die Derascha oft von 1/2 11 bis 12 Uhr mittags dauerte und um 3 Uhr nachmittags in der Wohnung des Rabbiners fortgesetzt wurde, wenn die Gegenpartei mit den Erklärungen und Ausführungen des Rabbiners nicht einverstanden war.

* * *

Die Intervalle vom Schabbos Hagodaul bis Erew Pessach und vom Schabbos Schuwoh bis Erew Sukkaus waren für mich die schwierigste Zeit.

In diesen wenigen Tagen mußte ich den Hauptinhalt der jeweiligen Derascha auswendig lernen, um ihn während der Pessach- und Sukkaus-Feiertage, die ich im elterlichen Hause verbrachte, in Gegenwart des Vaters und jener Talmudisten, die sich auf den Pilpul (Disput) vorbereitet hatten, vortragen zu können.

Hier entwickelte sich nun beiläufig dasselbe Frage- und Antwortspiel wie in Leipnik und aus der Art und Weise meiner Beantwortung bildete sich der Vater sein Urteil über meinen Fleiß und meine Fortschritte im abgelaufenen Semester.

* * *

Meine Lebensweise in Leipnik — hinsichtlich der Reinhaltung der Wohnung und der Regelmäßigkeit der Mahlzeiten, besonders am Montag, Mittwoch und Freitag — war derjenigen ähnlich, welche jetzt seitens der sogenannten Bohème angeblich geführt wird.

Mein Korrepetitor, ein junger Kollege (die Namen beider sind mir leider entfallen) und ich bewohnten bei einem älteren alleinstehenden Ehepaare namens Jarm. Kulka das größere der nur aus zwei Zimmern bestehenden Wohnung.

Die Vermieter waren wohlhabende Marktfieranten, welche nur Sonntag, Freitag und Sabbat zuhause blieben.

An den anderen Tagen der Woche mußten wir unser Zimmer selbst aufräumen; die Art und Weise, wie dies geschah, würde strengen sanitären Anforderungen kaum genügt haben.

Während der heißen Sommermonate mußten wir viele Nachtstunden der Jagd auf die bewußten schwarzbraunen Tierchen widmen, an welche Goethe in seinem Gedichte: „Wer nie in schlummerlosen Nächten auf seinem Bette weinend saß“ gedacht haben dürfte!

Donnerstag hatten wir — das vorhergenannte Kleeblatt — den Mittagstisch bei einer der ersten Honoratiorenfamilien, namens Spitzer. Das vornehme Milieu und die wohlwollende Behandlung daselbst haben damals dankbaren Widerhall in meinem Herzen gefunden und stehen noch heute bei mir in angenehmster Erinnerung (s.Anm.39).

Nach beendeter Mahlzeit erhielt jeder von uns als Ersatz für das Nachtmahl eine Kupfermünze, welche, obwohl sie auf dreißig Kreuzer ausgeprägt war, doch infolge der Valutareduktion vom Jahre 1811 unter dem Finanzminister Grafen Wallis nur 6 Kreuzer wert war (s.Anm.40). Mit dieser Kupfermünze führten wir folgenden Jugendstreich aus:

Wir kauften bei einer jüdischen Obsthöckerin für zwei Kreuzer Obst, gaben ihr die Kupfermünze und bekamen vier Kreuzer zurück. Nach wenigen Minuten kehrte einer von uns um und sagte ihr, er möchte das Groschenstück wieder zurückhaben, weil er es anderweitig benötige; er gab ihr die vorher von ihr empfangenen vier Kreuzer und erhielt tatsächlich die Kupfermünze wieder, so daß ihm das Obst umsonst blieb.

Öfter als zwei- oder dreimal ließ sich dieser Trick nicht ausführen; wir wurden durch denselben am Obstmarkt berüchtigt.

Wir rehabilitierten uns jedoch baldigst durch entsprechende Entschädigung; während der ganzen Dauer unseres Aufenthaltes in Leipnik blieben wir ihre treuen Kunden und machten Reklame für sie bei sämtlichen Kollegen (s.Anm.41).

* * *

Damit ich den Pentateuch, die Propheten und die jüdische Grammatik nicht vergesse, durfte ich dem Unterricht beiwohnen, welchen Herr M. Boss, ein geborener Prerauer, als Hauslehrer den Söhnen des Herrn Itzig Tauber, eines hervorragenden Talmudisten, Exegeten und Freundes meines Vaters, erteilte.

Jeden Samstag wurden wir geprüft.

Herr Boss war ein ausgezeichneter jüdischer Stilist, Humorist, Satyriker und Epigrammatiker und übersetzte mehrere Werke deutscher Dichter in ein klassisches Hebräisch. Ein Teil seiner Arbeiten erschien in den „Kochba Jizchak“ von E.M.Stern, 1846 (s.Anm.42).

Auch nahm ich durch einige Wochen Privatunterricht aus den Realschulgegenständen bei einem Herrn Herrmann Bk.

Lag es an dem unpädagogischen Vortrag oder war ich vom Geschick für mein späteres humanistisches Lateinstudium prädestiniert!? Der pythagoräische Lehrsatz, „Eselsbrücke“ genannt, verleidete mir das Realschulstudium, welches mir in meinem späteren Berufe sehr gut gekommen wäre.

22. Kapitel

Daß sämtliche rituellen Institutionen in der jüdischen Universitätsstadt Leipnik vorhanden waren, ist wohl selbstverständlich. Nichtsdestoweniger wurden wir, das „Dreigestirn“, in unliebsamer Weise an eine derselben erinnert.

Der montägige Wochenmarkt fiel einmal auf einen katholischen Feiertag; infolgedessen kam unser Prerauer Fuhrmann bereits am Samstag vorher und lud den für uns mitgebrachten Proviant zufällig bei einem außerhalb der Stadt, in der Vorstadt Horetzko, wohnenden Bäcker ab.

Gegen 2 Uhr nachmittags holten wir, die drei Unzertrennlichen, das Gepäck ab. Im Begriffe, es in unsere Wohnung zu tragen, rief uns der zufällig von uns wahrgenommene „Eruwdraht“ ein kategorisches „Halt“ zu (s.Anm.43).

Guter Rat war teuer, da wir das Gepäck am Sabbat in die innerhalb des Eruwrayons gelegene Judengasse nicht tragen durften!

Wir gingen damit — es war ein heißer Julitag — längs der Horetzkogasse, woselbst Brot nur auf einer Seite gebacken wird, in die wogenden Ährenfelder, auch zum katholischen Friedhof, wo sich ein Echo mit 6- bis 10maliger Stimmenwiederholung befand, und da uns wegen des erst gegen 1/2 9 Uhr abends eintretenden Sabbatausganges die Zeit bis dahin zu lang war, so haben wir den für die ganze Woche bestimmten „eisernen Vorrat“ bis zum Abend vollständig aufgegessen.

Die natürliche Folge war eine heftige Magenindisposition, welche erst durch ein zweitägiges, unfreiwilliges Fasten behoben werden konnte.

23. Kapitel

„Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe,
die der Mensch, der flüchtige Sohn der Stunde,
aufbaut auf beweglichem Grunde?“
(Schiller)

Nach Ablauf des Wintersemesters 1847/48 war mein jüdisches Universitätsstudium beendet; ich hatte keine Lust, Rabbiner zu werden.

Der gottselige Vater sah nun selbst ein, daß meine geringe Kenntnis des „Deutschen“, trotz des reichlicheren Wissens im „Hebräischen“ nicht ausreichend für den Lebenskampf sei und so hatte er die Absicht, mich öffentlich Latein lernen zu lassen, um mir nachher das Medizin- oder Jusstudium zu ermöglichen.

Er bewarb sich bei dem Brünner Gubernium (gegenwärtig Statthalterei genannt) um die Erlaubnis hiezu unter Beibringung eines Sustentationszeugnisses und der sonstigen, durch mehrere Verordnungen für den Juden erforderlichen Belege (Scari, § 56), weil man ihm beim Prerauer Patrimonialamte gesagt hatte, daß ohne Gubernialbewilligung das Studium an einer öffentlichen Anstalt nicht gestattet sei!

Bevor diese Genehmigung erfolgte, brach in Wien die Märzrevolution aus.

Ihre Wellen schlugen mit Sturmgewalt gegen die „altersschwachen geistigen und obsonanten Mauern“ des Ghetto; sie barsten und aus ihren Trümmern entstand, einem Phönix gleich, auch für mich die Morgenröte einer anderen Zeit, das ist die neue Ära.

„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit
und neues Leben blüht aus den Ruinen.“
(Schiller)


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