Robert Schr├Âfl


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KRIEGS-TAGEBUCH (f├╝r Lina D.)

Jerif├Â, 21.X.1915

My dear sweety Putti!

Etwas ├╝ber ein halbes Jahr ist es nun, seit ich Dir das letzte Mal geschrieben und da├č ich Antwort erhalten habe. Was liegt nun alles zwischen den 6 Monaten und ich w├╝nschte nur, da├č Du und alle zu Hause von meiner Gefangenschaft verst├Ąndigt seid.

Ja, wer h├Ątte sich denn das gedacht, da├č uns beiden so viel bevorsteht, bis wir unser Ziel erreichen. Wei├čt Du, mein Darling, ich werde Dir von heute ab, wenn es die Zeit zul├Ą├čt, immer ein wenig schreiben, wie ja so oft vorher, und Dir die Erlebnisse des Tages und der Vergangenheit mitteilen. Du mu├čt aber immer fr├Âhlich sein dabei, wenn Du das liest, denn da ist ja die schwere Zeit vorbei und alles ├╝berstanden. Und lachen wirst Du ja auch manchmal ├╝ber die Verh├Ąltnisse, in die Dein Robert gelangt ist.

Also, gefangen wurde ich mit vielen meiner Kameraden, als sich unser Regiment von der gewaltigen ├ťbermacht des Feindes gezwungen zur├╝ckziehen mu├čte. Nach 10t├Ągigem strapazen reichem Marsch wurden wir cirka 4000 Mann aus allen m├Âglichen Regimentern in Brzevorsk einwagoniert und fuhren ├╝ber Lublin nach Moskau. Hier wurden die Deutschen und Ungarn von den slawischen Nationen getrennt, denn die letzteren hatten den Vorzug in Ru├čland bleiben zu d├╝rfen, w├Ąhrend die ersteren in das so gef├╝rchtete Sibirien mu├čten. Von Moskau gingÔÇÖs zuerst nach der Stadt Glasoff ins Gouvernement Wjatka, wo wir 13 Tage verblieben. Schon von Moskau sendete ich die erste Nachricht an Papa von meiner Gefangennahme. Von Glasoff schrieb ichÔÇÖs 2te Mal.

Am 12 Mai gingÔÇÖs weiter ├╝ber Omsk, Irkutsk, rund um den Baikalsee nach Misovaja. Von hier schrieb ich die dritte Karte. Hier gingÔÇÖs uns sehr schlecht und wir waren froh, da├č wir am 12.Juni von dort nach Werchny-Udings und nach 3t├Ągigem Aufenthalt nach Antipicha und Talita kamen. Erstaunt waren wir ├╝ber das Klima, denn es hatte eine Hitze von 40 bis 45┬░. Dort hatten wir es einst am sch├Ânsten, wenn auch nicht am besten. Aber als man uns in der Zeit der ├Âsterreichischen Offensive den Brotkorb fast unerreichbar hoch h├Ąngen wollte, meldeten wir uns, als sich die Gelegenheit bot, zur Arbeit und fuhren Anfang August hierher. Diese Station liegt an der ....ischen(?) Eisenbahn, welche noch nicht lange besteht.

Ich will von hier ab ausf├╝hrlich schreiben, denn ich w├╝rde sonst nie zum heutigen Tage kommen, wenn ich ebenso ├╝ber die ganze ereignislose Zeit berichten wollte. Das will ich dann selbst erz├Ąhlen, wenn wir uns wieder haben. Von Antipicha fuhren wir zweieinhalb Tage mit dem Personenzug und es war Sonntag fr├╝h, als man uns auf einmal abgekuppelt stehen gelassen hatte. Wir krochen aus unserer Behausung hervor, kochten uns den unvermeidlichen Tschei und warteten der Dinge, die da kommen sollten. Um cka. 8 Uhr kamen einige Herren in Zivil und fragten uns, wo wir arbeiten wollten. Als Erdarbeiter, Schlosser, Schmied, Anstreicher oder Handlanger. Wir 30 Mann kamen zu Kuselaieff, einen Baumeister, der den Bau von 4 Maschinenh├Ąusern ├╝berhatte. Unser Heim war jetzt ein nagelneues Holzhaus, licht und freundlich. Da Sonntag war, wurde nicht gearbeitet. Also verbrachten wir die Zeit um unseren Kommandanten zu w├Ąhlen, einen Feuerwerker aus Przemysl, ein fescher Kerl, und bedauerten nur, nicht in die Stadt gehen zu k├Ânnen, da dies gerade heute verboten war, wegen eines Besuches des Gouverneurs. Gleich unter unserer H├╝tte war ein Teich, welcher unsere Waschk├╝che war. Also nicht nur am Bosporus, my Darling.

F├╝r heute mit vielen Busserln,

Dein Robert

21.X.15

Heute, mein liebes Putti, will ich Dir ├╝ber den gestrigen Tag berichten, damit ich sp├Ąter nicht vergesse.

Ein sehr lieber Kollege fuhr uns zur├╝ck ins Lager. Ist ebenfalls Mechaniker, aus Wien, aus meinem Regiment, gleichzeitig gefangen, jung verheiratet. Bei unserer Einquartierung lernte ich ihn kennen und hatte ihn im Laufe der Zeit lieb gewonnen. Wir beide waren auch bis gestern beisammen, machten miteinand Freud und Leid durch, bis jetzt. Er ist infolge einer Gehirnerkrankung als arbeitsunf├Ąhig erkl├Ąrt worden und mu├čte ins Lager zur├╝ck. Dort werden wir uns hoffentlich bald treffen. Du mu├čt n├Ąmlich wissen, da├č auch wir nicht mehr arbeiten, da wir keine Kleider bekamen und man es doch nicht verlangen kann, bei -20┬░ in der d├╝nnen Sommerw├Ąsche und der leichten Montur zu arbeiten.

Wie das alles gekommen, sp├Ąter. Jetzt wieder von der Vergangenheit. Den ersten Arbeitstag nach unserer Ankunft gingen wir um 6 Uhr, manchmal war auch 5 Uhr Arbeitsbeginn, auf unseren Arbeitsplatz, den Bau der Maschinenh├Ąuser. Die einzelnen Professionisten wurden eingeteilt. Ich sollte bei den Schlossern arbeiten, aber erst nach einigen Tagen, da das Werkzeug noch nicht hier war. Bis dahin sollten wir Schlosser Hilfsdienste leisten. Wir trugen Ziegel, rollten Zementf├Ąsser und sonstige Arbeit bis Dienstag Mittag. Da hie├č es: 20 Mann werden zur Bahn gebraucht. Und ungl├╝cklicherweise erreichte Kappel (der Mechaniker) und mich das Los. Na ja, man hatte ja gelernt, sich inÔÇÖs Unvermeidliche zu f├╝gen, denn leicht war es uns nicht, da wir ja bei unserer Partie liebe Kollegen hatten und auch gute Menage. Doch, wie gesagt, da lie├č sich nichts machen und wir fuhren eben des Abends im Personenzug III.Kl. nach dem 60 km ├Âstlich gelegenen Mjatka. Schon auf der Fahrt trafen wir einige unserer Leute von der Strecke, welche in der Stadt einkaufen waren. Na, die schilderten uns das Leben dort so, da├č wir schon auf der Fahrt genug hatten. In Mjatka kamen wir um 3 Uhr morgens an und ├╝bernachteten im Warteraum der Station. In der Fr├╝h wurden wir unserem zuk├╝nftigen Herrn, dem Bahnmeister vorgef├╝hrt.

Doch es d├Ąmmert jetzt schon sehr. Noch will ich Dir mitteilen, da├č ich von Antipicha das 4te Mal geschrieben.

1000 K├╝sse.

22.X.15.

Heute ist wieder ein Tag der Arbeit gewesen. Es war n├Ąmlich unser Meister hier, der beste der Russen hier und sagte uns, wenn wir arbeiten, so zahlt er uns 1 R 60 pro Tag. Nat├╝rlich lassen wir das nicht aus. Wir arbeiten an einem Spital, im ganzen 8 Mann. 2 Russen, 4 bezopfte Chinesen und wir 2. Von den Kitaitsky machte mir einer den Vorschlag, nach China durchzugehen. Es ist nat├╝rlich von hier gar nicht weit zur Grenze. Dar├╝ber noch m├╝ndlich mit Dir, mein Herz.

Heute ist Vollmond und so kalt, da├č Eiszapfen auf meinem Bart waren, als wir von der Arbeit zur├╝ckkamen. Wie wird es dann erst im J├Ąnner sein? Der zweite ÔÇ×AustriakÔÇť ist ein Zugsf├╝hrer vom 1.Fest.Art.Reg., in meinem Alter und wir sind in unserem Denken eins und nat├╝rlich auch im Handeln. Er war lange Zeit in Baden, Pforzheim und Karlsruhe.

Eben kommt die Nachricht, wir m├╝ssen in die Kanzlei, betreffs Abfahrt ins Lager.

Antipicha, am 29.X.15

Die Abfahrt ist schneller gekommen als wir gedacht und das alte Lagerleben hat wieder angefangen.

Sonntag, den 24. sind wir in Jerif├ abgedampft und Dienstag den 26. in Piestschanka auswagoniert. Das ist n├Ąchst unserem Nachbarlager. Von dort marschierten wir eine halbe Stunde nach Antipicha, wo wir freudig von unseren Kameraden begr├╝├čt wurden. Eine gro├če Freude f├╝r mich war eine Karte von Gretel, die erste Post aus der Heimat. Es ist dies die Karte Nro.5. Und denke Dir, n├Ąchsten Abend wird auf einmal mein Name gerufen. Hurra, Post ist da. Da bin ich aber gesprungen und erhielt die Karte Nro.3. Aber von Dir nicht, Du bad girlÔÇÖchen, oder richtiger, du b├Âse russ. Post.

Unsere Rotte ist w├Ąhrend unserer Abwesenheit ausgezogen und jetzt in einer Steinbaracke, 700 Mann. In 2 Reihen stehen die Pritschen der L├Ąnge nach, einst├Âckig sogar. Finster ist es hier, da├č man beim hellichten Tag nichts sieht. Zum Beispiel wurde einmal bei unserer Partie beim Suppenteilen eine Portion statt in die E├čschale in den bei den E├čschalen stehenden Pantoffel gesch├╝ttet. Das gab nachher aber ein Hallo.

Und gearbeitet wird im Lager als wie in einem Ameisenhaufen. Du m├Âchtest staunen, was da alles erzeugt wird. Alle Handwerker sind vertreten. Schuster, Schneider, Gie├čer, Tischler, Schlosser, Drechsler u.s.w. Instrumente wurden gemacht, da├č es eine Freude ist. Zithern, Fl├Âten, Geigen, Cellos, ja sogar 2 Ba├čgeigen existieren. Wenn man in Betracht zieht, da├č das alles ohne eigentliches Werkzeug hergestellt ist, sozusagen nur mit dem Messer, so kann man manches als Kunstwerk betrachten.

5.XI.15

My Darling!

ÔÇ×Es ist ein Kreuz, ein gro├čes.ÔÇť

Trotzdem man so viel Zeit hat, kommt man doch nicht zum Schreiben. Es ist ja aber auch so finster hier. Gestern war, wie bereits alle Tage, Konzert. Es bestehen hier einige Kapellen und Quartetts, darunter auch solche, die sich ├╝berall sehen lassen k├Ânnten. Von einer Zigeunerbande ist der Dirigent ein Primas von Temesvar. Da wurden nicht nur ungarische Lieder gespielt, sondern auch M├Ąrsche, Lieder aus Operetten, ja sogar Overt├╝ren; also wirklich gute Musik. Da kannst Du Dir denken, da├č ich der and├Ąchtigste Zuh├Ârer bin. Nat├╝rlich nicht ohne da├č sch├Âne Erinnerungen wachgerufen werden, was besonders bei der Aida-Overt├╝re der Fall war, und damit auch die Sehnsucht. Mein Lieb, es ist nicht leicht, das Schicksal so ruhig hinzunehmen. Es beweist hier aber die traurige Tatsache, da├č schon mehrere unserer Kameraden geistesgest├Ârt wurden. Vorige Woche ein Zugsf├╝hrer und vor 3 Tagen ein Husaren-Korporal, der sich als K├Ânig von Ungarn ausgab und allerlei irre Reden f├╝hrte.

22.XI.15

Mein Liebchen!

Wieder sind einige Wochen vergangen, im Nichtstun. Sogar zum Schreiben ist man zu faul. Es dauert halt einige Zeit, bis man sich hier wieder eingew├Âhnt hat und wir hoffen hier ja alle, da├č bald ein Ende ist. Nach den russischen Zeitungen, die zwar wenig verl├Ą├člich sind, waren ja wieder Friedensverhandlungen. Mit Serbien sollÔÇÖs auch ganz aus sein, doch soll sich der Montenegriner r├╝hren. Nun, mit dem werden wir doch noch fertig. Da wird ja Rudolf auch noch mit dem Krieg zu tun bekommen!

Wir haben jetzt im Lager alle Tage Rapport, abgenommen von einem unserer Offiziere, von welchen n├Ąmlich 400 hier im Lager sind, jedoch abgeschlossen. Sie haben weniger Freiheit wie wir. Erst jetzt gibt man denselben ein wenig Recht, sich um Lagerangelegenheiten zu k├╝mmern, was ja betreffs der gesunkenen Disziplin die h├Âchste Zeit ist. Die Invaliden sind nun alle fort und ich habe einem derselben einen Zettel an Papa mitgegeben mit der Bitte um Geld. Hier bekommt man n├Ąmlich keine Kopeke und das Geld von der Arbeit ist schon alle. Infolge der schmalen Kost hat man manchmal das Bed├╝rfnis etwas Zucker oder Wurst zu kaufen.

Da wir grad beim Essen sind, will ich unsere Menage beschreiben. In der Fr├╝h 7 Uhr gibts hei├čes Wasser f├╝r Tschei, geholt in einer Menagesch├╝ssel f├╝r 10 Mann. Alle Tage hat ein anderer Tour und nachdem man ┬Ż bis ┬ż Stunden warten mu├č, ist dies bei dieser K├Ąlte eine sehr angenehme Besch├Ąftigung. Tschei sollen wir empfangen, doch schautÔÇÖs bei den Russen mit dem Bekommen traurig aus. Ebenso mit Zucker. Um 10 Uhr ist Brotholen, 1 ┬Ż russ.Pfund (60 dkg). Mittags 12 Uhr Suppe, eine halbe E├čschale, mit Fleisch so gro├č wie eine Zwirnsspule, wenn ├╝berhaupt solches zu finden ist. Als zweiter Gang der ber├╝hmte Gascha, den ich Dir ja einmal in Original-Lager-Ausf├╝hrung reichen werde. Abends 6 Uhr wieder Suppe, aber diesmal bestimmt ohne Fleisch. Das ├ľl, das anstelle des Fleisches verwendet wird, hat eine fatale ├ähnlichkeit mit Maschinen├Âl. Das der Speisezettel. Da├č man nat├╝rlich bei dieser Kost gefeit ist vor Magenerweiterung, ist zu denken.

Heute hatten wir in der ├ťbersetzung der russ.Zeitung einen Artikel, darin das Ministerium feststellt, da├č Kriegsgefangenschaft der Verehelichung kein Hindernis entgegenstellt. Nur mu├č sich die Frau nach dem Friedensschlusse verpflichten, dem Mann zu folgen. Nat├╝rlich wurde damit gro├čer Spa├č getrieben und scherzweise schrieb der Zugskommandant alle auf, die sich zu verheiraten w├╝nschen. Ich war dort auch bei dieser Hetz und was sagte mir der Zugsf├╝hrer? ÔÇ×Ah, Sie haben ja ein Liebchen daheim, Sie schreibe ich nicht auf, denn was w├╝rde denn dasselbe sagen, wenn Sie auf einmal mit einer Russin nach Hause kommen w├╝rden?ÔÇť Da mu├čte ich nun ÔÇ×traurigÔÇť abziehen. Da├č ich Dich habe, wei├č er n├Ąmlich, da ich ihm schon klagte, da├č ich von Dir gar nichts bekomme. Von Gretel habe ich schon 11 Karten, von Mathilde Either eine, ebenso von Mitzi Jedlicka.

Wir haben hier ein Bandl, die sogenannte ÔÇ×G├Âtzendorfer GÔÇÖmoaÔÇť. Mitglieder vor allem der B├╝rgermeister, ein Korporal aus G├Âtzendorf b./Wien, origineller Kerl, der gleichzeitig Gemeindeschmied ist, nachdem er uns die Eiseln an den Schuhen macht, weiters der ÔÇ×GÔÇÖmoa-WachterÔÇť, Zugsf├╝hrer, mit dem ich in Jeref├ gearbeitet habe und f├╝r die Ordnung der ÔÇ×GÔÇÖmoaÔÇť haftet, dann ich als Schulmeister und der Sekret├Ąr und Finanzmeister, der aber momentan a.D. ist, nachdem die Finanzen der ÔÇ×GÔÇÖmoaÔÇť gleich 0 sind, 3 Gmeinder├Ąte und der ÔÇ×RechtsverdreherÔÇť, welcher Ortsrichter ist. Da haben wir manchmal ein Theater, da├č man die Umgebung und den Alltag ganz vergi├čt. Da ist aber auch ganz recht, denn auch beim Spinnen kommt nichts Gutes raus.

Gretel schrieb mir, da├č Versammlungen abgehalten werden und sogar ein Bruder in Wien ist. Das freut mich. Ob Du wohl noch Deinen Posten hast? Wenn ja, dann mu├č Hansi schon recht gro├č sein. Valerie hat wieder ein, wie Fredy sagt, ÔÇ×liebes PupperlÔÇť bekommen. Nun, Gott soll ihrÔÇÖs segnen. Da hab ich ja wieder eines mehr.

In der gestrigen Zeitung stand ein langer Artikel ├╝ber die in diesem Krieg Ru├čland so teuer gewordenen Blutsverwandten, die armen Serben. Es ist ein Klagelied, das Ru├čland singt, in dem es die Rettung aus der Hand der Feinde vollkommen aufgibt. Schlu├č f├╝r heute. N├Ąchstens will ich die Erlebnisse auf der Arbeit weitererz├Ąhlen.

Mit 1000 K├╝ssen, Dein

Robert

Tschupa, am 10.Nov.17

Mein einziges Lieb!

So geht es, mein s├╝├čes Putti. Mit diesem ÔÇ×n├ĄchstensÔÇť sind nun schon zwei Jahre verstrichen und viele, viele Erlebnisse gibt es zu berichten. Ich will die langen Winterabende des Nordens ben├╝tzen wenigstens den Versuch zu machen, Dir, mein Putti, alles mitzuteilen, wenigstens das haupts├Ąchlichste. Ich bin jetzt ein ganz ruhiges fellowÔÇÖchen und sitze im Wagen, welcher schon einige Monate mein Wohnort ist.

Hier ist ein Hafen, in welchem ein gro├čes Schiff, die ÔÇ×HoffnungÔÇť, verankert liegt. Viel hat die gebracht an Lebensmitteln, doch wann wird sie einmal den Frieden bringen, und unsere Hoffnungen zur Wahrheit machen? Im Ofen knistert lustig das Feuer. Doch nicht von der Gegenwart sondern von der Vergangenheit soll ich ja erz├Ąhlen. Also zur├╝ck, weit, weit, an die 10.000 km ├Âstlich bis zur kleinen Station Mjatka, wo wir vom Bau der Maschinh├Ąuser auf Oberbau geschickt wurden. Der Bahnmeister sendete 5 Mann von uns, darunter Kappel und mich, zu einer etliche Kilometer weiter gelegenen Station, ÔÇ×Ortok├ÂeÔÇť oder so ├Ąhnlich, genau wei├č ichÔÇÖs nimmer. Nun ging das Arbeiten los und wie! Von fr├╝h 5 Uhr bis abends 8 Uhr. Dabei Mittag zwei Stunden Pause, zu essen Tschei, Butter und Brot. Und dabei immer fest arbeiten, noch dazu eine Arbeit, die wir, zumindest Kappel und ich, noch nie gemacht hatten. Schon die ersten Tage sahen wir, da├č das nicht so weitergehen kann. Wenn wir des Morgens aufstanden, konnten wir unsere Glieder kaum r├╝hren. Dennoch machten wir 14 Tage mit, dann sagten wir, kommt was kommt, weiter arbeiten wir nicht und meldeten uns krank. 2 oder 3 Tage lagen wir zu Hause, und nachdem der Aufseher sah, da├č mit uns nichts zu machen war, schickte er uns mit einem Zettel ins Spital zur Untersuchung. Dasselbe war in Jeref├Â. Dort angekommen wurden wir aber als Simulanten erkl├Ąrt, wir waren ja auch nichts anderes, und man wollte uns wieder zur├╝ckschicken. Man hatte aber die Rechnung ohne uns gemacht. Mit uns war ein Arbeiter, russisch nat├╝rlich, von unserer Partie als Aufsicht, doch als diese Aufsicht uns des Abends am Bahnhof besichtigen wollte, waren wir au├čer Sicht, denn wir waren in die Baracke zu unseren fr├╝heren Kameraden aus dem Lager gefl├╝chtet. Als nun der Zug bald kam, bekam der gute Mann Angst und lie├č uns suchen. Da wurden wir nun von dem Feuerwerker versteckt. Kappel unter einem Mantel und ich unter der Pritsche, 3 oder 4 mal kam man mit Lampen und beinahe w├Ąre Kappel entdeckt worden, wenn nicht der Feuerwerker durch Gespr├Ąche diese Suche abgelenkt h├Ątte. Um 4 Uhr fr├╝h gingen wir schon fort in den Wald, denn wir wollten uns selbst um 9 Uhr im Kontor bei dem Natschalnik, der die ganze Strecke ├╝ber hat, melden. Er sprach deutsch, wir erhofften uns daher dort Geh├Âr. Der Aufseher machte, als wir zum Kontor selbst hineinkamen, ein recht finsteres Gesicht zum Gel├Ąchter aller Kontoristen und -ristinnen. Er hatte heute Blut geschwitzt um uns. Wir sagten, wir haben am Bau ├╝bernachtet und dem Natschalnik, da├č wir unm├Âglich die Arbeit weiter leisten k├Ânnten. Wir erkl├Ąrten ihm, da├č wir im Lager als Mechaniker aufgenommen wurden, er soll so g├╝tig sein, und uns zu solcher Arbeit verwenden. Anfangs wollte er zwar gar nichts h├Âren, aber als auch er sah, da├č mit uns nichts anzufangen ist, sagte er, er wird uns ins Lager zur├╝cksenden. Einstweilen m├╝ssen wir Reinigungsarbeiten in der Baracke machen. Wir waren froh so losgekommen zu sein und wanderten gl├╝cklich in die Baracke. Es war des Nachmittags, als der Aufseher der Baracke dienstlich mit dem Gewehr zu uns kam und uns bedeutete mit ihm zu gehen. Wir fragten wohin und bekamen die sch├Âne Antwort ÔÇ×ArrestÔÇť. ÔÇ×Na, da schauÔÇÖn ma gut aus!ÔÇť Wir machten ihm durch unser bi├čchen Russisch klar, da├č der Natschalnik gesagt h├Ątte, wir sollten in der Baracke bleiben bis zum Abtransport. Alles vergeblich, wir mu├čten mit ihm, packten also unsere sieben Sachen und kracks, drehte sich der Schl├╝ssel hinter uns im Schlosse. Auf diesen Leidensweg ging auch ein Ungar namens Kriz. Wir drei waren also im Loch. Der Raum war ja nicht so ├╝bel, gro├č genug f├╝r drei Menschlein. Nur kalt wird es nachts werden, denn der Boden war Zement. Zum Schlafen gar nichts, doch 2 Bretter, also grad f├╝r eine Person. Und wir hatten uns schon so gefreut auf das Gulasch, welches abends gebracht wurde. Aber unsere Freude war nicht umsonst, denn als alle a├čen, h├Ârten wir hinten an der Mauer unsere Namen rufen und da├č wir eine Fensterscheibe herausnehmen und eine Schnur hinablassen sollten. K├Ânig Richard L├Âwenherz wird wohl Blondel mit der Zither ebenso freudig begr├╝├čt haben, als wir den Feuerwerker mit der Gulaschsch├╝ssel. Rasch war die Vorrichtung hergestellt und wie Rosenduft n├Ąherten sich die s├╝├čen Ger├╝che. In der n├Ąchsten Minute schon sa├čen wir vergn├╝gt um den Topf und taten uns g├╝tlich an dem Inhalt. Die Nacht war recht kalt und an Schlafen war nicht viel zu denken. Wir liefen Laufschritt rund im Raum um uns zu erw├Ąrmen und so verging die Nacht. N├Ąchsten Tag brachte man uns Brot, schwarz wie Kohle. Oh, ihr dummen Menschen, denkt nicht, da├č wir zu dem Schwarzbrot Gulasch und sonstiges Gutes a├čen. Die zweite Nacht verging auch und wir dachten uns jetzt doch schon, da├č uns das auf die Dauer ungem├╝tlich wird.

Da kam die Erl├Âsung in Gestalt einer Schreibmaschine. Dieselbe wurde n├Ąmlich schlecht im Kontor und nachdem 2 Mechaniker im Arrest waren, kam man auf die Idee, dieselben zur Reparatur derselben zu holen. So wurden uns also die Tore ge├Âffnet und alle 3 wurden frei. Wir, Kappel und ich machten die Maschine und bekamen von den Beamten 1 R 30 Kp Trinkgeld, eine Summe damals noch. Dann kam ein Auto und eine Motordraisine an die Arbeit. Als auch diese Arbeit fertig, es verging dabei eine Woche, war es mit unserer Mechanikerei am Ende und wir bekamen andere Arbeit. Kappel wurde Schlosser und ich Glaserer.

Unser Meister, ein lieber Kerl, zahlte uns pro Tag cka. 50 Kp, so arbeiteten wir mit dem Zugsf├╝hrer bis 20.X.15. Dann einige Tage schwarz um 1 R 60 Kop und dampften, wie schon erz├Ąhlt, am 24. von Jeref├ ab.

Einige Tage sp├Ąter war ein sehr trauriger Ungl├╝cksfall. Nahe bei unserer Baracke wurde mit Dynamit gesprengt. Durch die Nachl├Ąssigkeit der Russen blieb eine Patrone unabgeschossen im gefrorenen Erdreich. Ein Kamerad aus Nordb├Âhmen namens Zimmermann haute mit der Hacke auf die Patrone, dieselbe explodierte und verletzte den Kameraden schwer. Gl├╝cklicherweise kam er mit dem Leben davon, b├╝├čte aber ein Auge ein und behielt auch Narben.

Von der R├╝ckkehr ins Lager wei├čt Du schon, will nur hinzuf├╝gen, da├č ich die Bekanntschaft einer Japanerin, sogar im Nationalkost├╝m machte, von welcher ich auch ein paar M├╝nzen als Andenken bekam. Aber Du darfst nicht glauben, da├č mich diese Bekanntschaft von Dir mehr entfernt hat. Ich mu├č Dich sehen, denn wenn Du das liest, bin ich ja schon angekommen und dann kannst Du mich ja beim Schopfe packen.

Nun, f├╝r heute lebe wohl und sei vielmals gek├╝├čt.

Sonntag, 11.XI.17

Sonntag Vormittag, wie sch├Ân ist selbiger zu Hause. Aber nicht raunzen will ich, denn im Grunde betrachtet habe ichÔÇÖs ja ganz gut und es fehlt grad noch die Heimat. Zu essen gibtÔÇÖs gen├╝gend und man k├Ânnte froh sein, wenn alle daheim das h├Ątten. Koche mir heute eine Suppe und mache mir zum Fleisch ger├Âstete Kartoffel. Momentan bin ich beim Gabelfr├╝hst├╝ck, Geselchtes mit Wei├čbrot und dazu den unvermeidlichen Tee. Ja, mein Putti, ich kann Gott danken, da├č ich es so getroffen.

Aber dennoch widert mich alles an was ich betrachte. Es ist ja auch schon nimmer sch├Ân, wie lange sich dieser Krieg hinauszieht. Bin mit dem Wagen heute fr├╝h vom Hafen bis auf die Station, welche 4 Werst (1 Werst = zirka 1 km) entfernt ist, gefahren. Allein, mein Alter kommt zu Fu├č nach. Also jetzt wieder zur├╝ck in die Vergangenheit. M├Âchte doch viel lieber in diese Zeit vorauseilen k├Ânnen. Wie das Leben in Antipicha war, wei├čt Du ja schon. Wir gingen auch auf Lagerarbeit, nat├╝rlich kannst Du Dir ja denken, da├č wir nicht zu viel machten, da ja alles unbezahlte Arbeit war.

Anfangs Dezember, ich glaube zu Nikolaus, hie├č es auf einmal f├╝r unsere Rotte zusammenpacken und fort marschierten wir aus dem Lager. Wir hatten die Hoffnung, da├č es zur Bahn geht, vielleicht schon gar in die Heimat. Ja, Schnecken. In das Nachbarlager Piestschanka II. Da kamen wir in eine sehr sch├Âne Baracke, die aber noch ungeheizt war. Es hatte so cirka -30┬░. Ich wickelte mich mit dem Zugsf├╝hrer, meinem Arbeitskollegen, in seine Decke, so wie wir waren, angezogen und so schliefen wir, uns einander selbst ein wenig erw├Ąrmend. Es dauerte drei bis vier Tage, bis sich die ├ľfen und mit diesen die Baracke ein wenig erw├Ąrmten. Und als es recht gem├╝tlich warm war, mu├čten wir wieder umziehen in eine andere kalte Baracke, die uns aber bis zu unserer Abreise blieb.

Hier erlebten wir Weihnachten, die ersten in der Gefangenschaft. Sie verliefen ganz gut, wir hatten einen Baum auch und mein Weihnachtsgeschenk bestand in einem Krapfen und 2 N├╝ssen. Dasselbe war von unserem Partiekommandanten, Zugsf├╝hrer Lenz. Auch das Neujahr verlief gut und wurde mit einem ÔÇ×Heuer gehÔÇÖn ma!ÔÇť begr├╝├čt. ÔÇ×Ja, sch├Ân warÔÇÖs schoÔÇÖ, aber g`spielt habÔÇÖn sÔÇÖas net.ÔÇť Ich bekam nun schon Post auch von Dir und war dar├╝ber gl├╝cklich.

Anfang J├Ąnner brannte die B├Ąckerei von uns ab, das Resultat war nat├╝rlich an diesem Tag ├╝berhaupt kein Brot, an den n├Ąchsten die halbe Portion nur. Erst nach 8 Tagen empfingen wir wieder unser volles Quantum. Es war l├Ącherlich, wie die Russen sich kopflos beim Brand geb├Ąrdeten. Die Fensterrahmen der Baracke suchten sie zu retten, w├Ąhrend das Brot, das wirklich zu retten gewesen w├Ąre, verbrannte. Unsere Leute wurden ├╝berhaupt nicht zugelassen. Soll ├╝brigens eine Schwindelei dahinter gesteckt haben. Wir f├╝rchteten nur f├╝r unsere Rationen und Sachen, die noch in Kisten verpackt in einer Baracke in der N├Ąhe der B├Ąckerei waren. Wir warteten schon mit Sehnsucht auf die Verteilung derselben, da wir gerade in dieser kalten Zeit die Sachen am notwendigsten brauchten; mu├čten uns aber noch bis M├Ąrz gedulden.

Im Feber kam unsere Rotte in Typhusverdacht und wurde abgeschlossen. Es w├Ąre dies f├╝r unsere Freiheit sehr fatal gewesen, wenn das in einem anderen Land gewesen w├Ąre. Jedoch hier hatte man immer Schlupfwinkel, wo man hinaus kann, denn die Russen sind ja dumm wie die Nacht. In dieser Zeit war es auch, da├č vom Lagerkommando der Befehl kam, es m├╝ssen von jeder Rotte 2 Mann Brandwache halten, wobei sie rund um die Baracke zu gehen haben. Das war nun gar das reinste Theater. Die Russen, die uns zu bewachen hatten wegen Typhus lehnten beim Ofen in der Baracke oder schliefen dort und die Gefangenen standen Posten. O Ru├čland!

Ende April kamen wir aus der einen Quarant├Ąne heraus und sofort in die andere wegen Abtransport. Hier wurden wir gemustert zur Arbeit und trotzdem es hie├č, da├č es auf schwere Arbeit ging, wollte doch jeder mit, denn jeder glaubte nun wieder, es geht der Heimat zu. N├Ąher sind wir derselben ja gekommen um etliche 1000 Werst. ├ťber die Fahrt gibtÔÇÖs ja weiter nicht Interessantes. Wir legten t├Ąglich 200 bis 300 Werst zur├╝ck. Solange wir in Sibirien waren, gabÔÇÖs gutes Essen. Aber in Ru├čland angekommen fing die Fischsuppe an und das Menagegeld, 25 Kp. pro Mann. Vor der Abfahrt bekam ich noch die 15 Rubel von Olga. Vor der Unternehmung bekamen wir 1 Rb und vom schwedischen Roten Kreuz 3. Mit diesem Geld kam ich tadellos aus bis hierher nach Murman. Unsere Rotte fuhr aber nicht hier herauf, sondern wir wurden oberhalb Maschakaja auswagoniert. Wir sollten im Akkord Waggons mit Sand beladen. Wieder eine so sch├Âne Arbeit wie auf der Bahn.

Von dort schrieb ich vom Abtransport vom Lager. Auch vom Lager schrieb ich wenigstens 150 Karten in die Heimat, Ihr d├╝rftet aber nur sehr wenige erhalten haben. Ab dieser Zeit habe ich mir wieder Notizen gemacht und ich will sie hier abschreiben.

21.6.16

Wie eine Erl├Âsung kam pl├Âtzlich meine Abfahrt vom Sandbruch. Ein Natschalnik vom Telegraf kam mit einem Zug an und nahm alle Elektromonteure mit. So fuhren wir in den Tag hinein. Es hei├čt nach Soroka. Die ganze Familie unseres neuen Herrn war schon bei uns. Der Kleine spricht ein wenig franz├Âsisch und bringt uns Cakes, Bonbons und Wurst. Mit mir ist Stransky und Tertsch. Die Linie ist so mangelhaft, da├č der Zug keine 10 km p.Std. f├Ąhrt und in kleinen Distancen 1, 2, ja 3 Wagen entgleist sind, die ganz einfach umgekippt werden und liegengelassen. Schon zweimal hatten wir Aufenthalt wegen Entgleisung eines vor uns fahrenden G├╝terzuges.

22.VI.16.

Wir stehen hier schon seit 8 Stunden wegen 2 entgleisten Waggons. Es regnet wie aus Schaffeln und wir k├Ânnen froh sein, da├č wir in Personenwagen IV.Klasse in guter Unterkunft sind. Haben einen russischen Telegrafenmonteur (Tschogoleff) kennengelernt und bekommen von ihm Brot, Butter und Zucker. Die Leute sind alle sehr zuvorkommend mit uns und wir sind schon begierig, wie die Arbeit aussieht.

Freitag, 23.VI., 8 Uhr.

Endlich fahren wir weg, nachdem wir 26 Stunden 9 Werst von Soroka, unserem Ziel, standen und kamen schlie├člich in Soroka um 9 Uhr an.

Samstag, 24.VI.16

Bleiben noch bis morgen Abend hier und fahren dann per Schiff weiter auf dem Wei├čen Meer. Wohin wir wohl noch kommen? Oft denke ich, wir haben es gut getroffen. Empfingen Fleisch, Butter, Speck und kochen uns selbst. Unser Natschalnik ist wie es scheint ein guter Mensch. Ich schreibe von der II.Klasse im Waggon, in dem wir heute schlafen werden. Weiche Betten wieder einmal nach langer Zeit.

Sonntag, 25.VI.16

Nach einer wohlverbrachten Nacht auf den weichen Diwans unseres Waggons begann die Arbeit. Zwar Sonntag, doch ist bei den Russen die Arbeit nicht so arg. Wir sollen noch heute per Schiff abdampfen.

Montag, 26.VI.16

Meine gestrige Abfahrt wurde durch den Bruch der Schiffsmaschine vereitelt. Wir fuhren wieder zur├╝ck bis zum Hafen, Abfahrt bis ├╝bermorgen verschoben. Richten uns im Zwischendeck h├Ąuslich ein, obwohl es bis zur H├Ąlfte mit Decken, Kisten und R├Ądern beladen. Wir sollten auch arbeiten, aber es wird die ganze Zeit zum Brotempfangen verbracht. Wir fahren fr├╝h mit einem Kahn zur Station. Die Boote werden hier von Fischerm├Ądels gefahren, oft auch von Kindern. Die Stadt hier hat ├╝berhaupt etwas anheimelndes. Die Leute hier sind nicht Russen sondern Karelier, haben mehr germanischen Charakter und sind recht freundlich. Die Zimmer und Wohnungen sind rein und nett, wir hatten beim Brotkaufen die Gelegenheit in zwei derselben zu kommen. Man erkundigt sich eingehend um unser Befinden und auch wie es den Gefangenen bei uns gehen wird und wir machen die Erfahrung, da├č die Leute recht schlecht ├╝ber unsere Verh├Ąltnisse unterrichtet sind. Wir bekommen am Abend vom 11j├Ąhrigen Dimi Fische, die Tertsch in Butter bratet.

Jetzt, mein liebes M├Ądchen, will ich schlie├čen, denn mir tun sowohl die Hand als auch die Augen weh. Auch f├Ąngt es schon zu d├Ąmmern an, um ┬Ż 4 Uhr nachmittag. Drau├čen schneit es und der Schnee bleibt liegen, das erste Mal heuer. Voriges Jahr sind wir schon Schlitten gefahren und auf den zugefrorenen Seen herumgegangen. Heuer ganz andere Witterung. Was wirst denn Du machen jetzt? Nun, hoffen wir, da├č wir uns bald, bald wiedersehen. Mit vielen Busserln,

Robert

Ras Tschuppa, 12.XI.17

Mein herzlieber Schatz!

Mein Alter ist eben mit der Lokomotive nach Hause gefahren, bin also wieder alleine. Drau├čen schneit es noch immer, trotzdem der Schnee nicht so recht liegen bleiben will. Heuer haben wir noch gar kein richtiges sch├Ânes Nordlicht gehabt, ich glaube, die Natur ist auch schon ein bi├čchen verdreht.

Fortsetzung der Berichte vom vorigen Jahr.

Dienstag, 27.VI.16

Fr├╝h wurden wir durch das Getrappel russischer Soldaten am Deck geweckt, die den Draht, der im Rumpfe unseres Schiffes war, auf einen Schlepper umladen sollten. Wir halfen mit und waren bis Mittag fertig. Nachmittag empfingen wir Stiefel, W├Ąsche, auch viel Werkzeug. Abends fuhren wir zu einem anderen Schiff, ÔÇ×AnnaÔÇť, welches zirka ┬Ż Stunde entfernt lag. Als Steuermann hatten wir ein h├╝bsches 14j├Ąhriges M├Ądchen mit sch├Ânen Augen und einem lieblichen Zuckermund. Letzterer war aber auch schneidig wie ein Schwert, das h├Ârten wir bei der Bezahlung. Denn gehandelt wird beim Fahrpreis ebenso wie am Bosporus. Die ÔÇ×AnnaÔÇť ist nicht so ger├Ąumig wie der ÔÇ×NikolaiÔÇť und wir mu├čten unter den Mannschaftsr├Ąumen unser Nachtlager suchen. Mein Platz war auf der Terrasse, auf welcher die Ankerkette aufgefangen.

Mittwoch, 28.VI.16

Wir sind auf dem offenen weiten Meer. Unser Schiff schwankt wie eine Schaukel und mein Magen macht schon Manderln. Das Wetter ist trotz der hohen See ganz sch├Ân. Unser Partief├╝hrer l├Ąuft kreidebleich hin und her auf Deck, hie und da einen einsamen Platz aufsuchend. Aber auch unser Natschalnik sucht mit der ganzen Familie bei uns Rettung aus solcher Not, ihm und den Seinen scheintÔÇÖs auch nicht ganz koscher zu sein. Der Kleine ist ├╝brigens ganz ein lieber Kerl. Er spricht auch ein wenig Deutsch und sorgt sehr f├╝r uns. Wenn wir etwas ben├Âtigen, so brauchen wir nur Erw├Ąhnung zu machen und schon kommt er gerannt damit ...

Unser Kasten schlingert und stampft f├╝rchterlich und die See wird noch immer bewegter. Die Wellen kommen ganz kr├Ąftig ├╝ber Bord und zum Gaudium der andern wird der Eine oder Andere wie ein Pudel begossen. So w├Ąre das Leben ja recht sch├Ân, ohne Bewachung, frei wie ein Familienmitglied Natschalniks. WennÔÇÖs nur so bleibt.

Donnerstag, 29.VI.16

Wir kommen an unserem bisweiligen Bestimmungsort ÔÇ×Tschupa PristanÔÇť an. Es ist dies ein vielleicht ┬Ż Jahr bestehender Landungsplatz mit 7 Baracken, in welchen Ingenieure und sonstige Beamte, Arbeiter, Russen und Kriegsgefangene untergebracht sind. Meine erste Arbeit hier, das Ausbauen der prov. Leitung Fri....(?) - Pas....(?). Wir bauen uns ein Zelt, da in den Baracken kein Platz ist.

Freitag, 30.VI.16

Werden eine Linie von 60 Werst L├Ąnge in der Richtung Soroka ziehen und empfangen Produkte. Auch das Werkzeug wird zur Arbeit vorgerichtet.

Samstag, 1.VII.16

Unsere ganzen Habseligkeiten werden auf 3 ÔÇ×SchlittenÔÇť, jetzt im Sommer, bis zu der Station (4 Werst) transportiert. Eine Teufelsfahrt ohne Weg und im bergigen Terrain. Stransky macht mit seinem Gef├Ąhrt dreimal Salto.

Wenn man das mit unseren Pferden machen w├╝rde, w├╝rde man 22 mal von der Polizei, 17 mal vom Tierschutzverein aufgeschrieben und m├╝├čte sich noch ├╝berdies mit 159 alten Weibern herumstreiten. Drau├čen auf der Station kam zu uns Kontrol-Mechanik Kurkin. Unweit von hier wird ein Zelt aufgeschlagen.

Sonntag, 2.VII.16

Wir m├╝ssen heute arbeiten und werden zuerst die Nebenlinie von 4 Werst, dann die Hauptlinie ziehen.

Montag, 3.VII.16

Mache abends mit Baumgartner eine Blitzableiteranlage aufs Dynamitmagazin, in welchen 150 Pud (1 Pud = zirka 16 kg) Dynamit sind. Man l├Ą├čt uns hier ganz allein hantieren und traut uns wohl nichts B├Âses zu.

Dienstag, 4.VII.16

Alles im Alten. Wir sehen, da├č der Aufseher sich die Arbeit gar nicht einteilen kann. Die Russen arbeiten auch bereits nichts bis auf einen, der ein t├╝chtiger Mensch ist. Machen dem Aufseher den Vorschlag, ├ľsterreicher zu nehmen und er sagt uns zu. Urban und ich machen den Blitzableiter fertig (Ia), Tertsch ist Koch, und wir haben tadellose Menage.

Mittwoch, 5.VII.16

Es wird beschlossen, wegen zu gro├čer Hitze bei Nacht zu arbeiten. Anfang abends 6 Uhr. Nur pa├čt es uns nicht, da├č der gute Mann immer verlangt, da├č ├ťberstunden gemacht werden.

Donnerstag, 6.VII.16

Alles im Gleichen. Haben sehr unter den M├╝cken zu leiden. Auch m├╝ssen wir uns ├Ąrgern ├╝ber die schlechte Einteilung der Arbeit.

Freitag, 7.VII.16

Zwischen dem Aufseher und uns kommt es zu einer kleinen Spannung, da er Tagl├Âhnerdienste verlangt. Wir sollen B├Ąume aushauen und abscheiden, Masten aufstellen u.s.w. Wir sehen, die Sache wird sich nicht lange halten.

Samstag, 8.VII.16

Die Nachtschicht wird wegen der vielen M├╝cken in Tagschicht umgewandelt. Diese Woche machten wir 8 Werst.

Sonntag, 9.VII.16

Auch heute wird Arbeit verlangt. Kluft wird immer gr├Â├čer

Montag, 10.VII.16

Der Vulkan kommt um Ausbruch. Wir streiken und sagen, da├č wir von jetzt ab nur UNSERE Arbeit machen. Man willigt teilweise ein.

Dienstag, 11.VII.16

Gestern wurde Tabak gefa├čt, wovon wir aber nichts bekamen. Unser Zelt wird um 6 Werst weiterverlegt.

Mittwoch, 12.VII.16, Feiertag

Donnerstag, 13.VII.16

Es regnet und wir arbeiten von 6 Uhr abends bis 12 Uhr nachts.

Freitag, 14.VII.16

Der Aufseher h├Ąlt sich auf, da├č wir ihm zuviel fassen. Tertsch l├Ą├čt das Kochen stehen. Auch sollten wir heute bis 12 Uhr Nachts arbeiten und es gab wieder Krach und er reduzierte die Zeit auf 11 Uhr. Er droht uns mit Gendarmen und Tscherkessen, wenn wir aber darauf bestehen, so steckt er um und f├Ąngt im Guten an.

Samstag, 15.VII.16

Der Bruch ist ein vollst├Ąndiger und wir verlangen nach Tschuppa gebracht zu werden.

Sonntag, 16.VII.16

Wir wandern zur├╝ck nach Tschuppa in Begleitung unseres Vorarbeiters. Unsere Gr├╝nde, die wir dort angeben, werden als gerecht befunden und wir sollen von Natschalnik Utalaska ├╝bernommen werden, m├╝ssen aber warten, da selbiger krank ist.

Montag, 17.VII.16

Auch heute noch nichts Sicheres; haben in der ├ľsterreicherbaracke ein Quartier, da wir wahrscheinlich hierbleiben. Empfangen noch immer am alten Platz, bekommen aber auch von den ├ľsterreichern Menage.

Jetzt, mein Liebchen, mit vielen K├╝ssen, Schlu├č.

Ras.Tschupa, 14.XI.17

Mein Liebchen!

Gestern bist Du durchgefallen mit dem Schreiben, was jetzt wieder mehrmals der Fall sein wird. Wenn wir n├Ąmlich auf der Tour sind, so ist zum Schreiben weniger Zeit, denn wenn der Zug f├Ąhrt, kann man nicht und wenn wir in irgendeiner Station sind, ist die Zeit sehr bemessen, da es ├╝berall Arbeit gibt.

Nun wieder die Fortsetzung.

Dienstag, 18.VII 16.

Endlich sollte es sich entscheiden. Wir waren auch schon der Meisterei ├╝brgeben, wo ich als Elektromechaniker arbeiten sollte. Aber es sollte nicht sein. Denn ungl├╝cklicherweise kam abends mit dem Schiff der Natschalnik, von dem wir aufgenommen waren. Er machte sofort die ├ťberstellung r├╝ckg├Ąngig und versprach uns den Aufseher abzusetzen, der bei der Partie ist und uns selbst├Ąndig arbeiten zu lassen.

Mittwoch, 19.VII.16

Der Natschalnik reitet selbst hinaus zur Partie. Der Telefonarbeiter von Tschupa meldet uns aber, da├č wir wieder hinaus sollen. Wir gehen noch zu sp├Ąter Stunde im Nebel aufÔÇÖs Schiff und sagen ihm, da├č wir nicht mehr auf der Strecke arbeiten. Er wird wild und zwingt uns mit Tscherkessen. Wir m├╝ssen sofort unter Aufsicht von einem Tscherkessen 300 Bund Draht zusammenbinden.

Donnerstag, 20.VII.16

Heute arbeiten wir auf der Strecke Tschuppa-Linie und haben vormittags auch Bewachung mitgehabt. Nachmittags warÔÇÖs dem Kerl aber schon zu dumm und er lie├č uns allein. Nicht einmal Gregori war mit uns. Das Essen kochen uns die ├ľsterreicher mit.

Freitag, 21.VII.16

Alles beim Alten. Sind den ganzen Tag allein.

Samstag, 22.VII.16

Ebenso.

Sonntag, 23.VII.16

Heute bringt man uns mit allerlei Versprechungen wieder auf die Linie. In der Zeit n├Ąmlich, wo wir auf der Station waren beim Gendarm um uns zu erkundigen, ob wir gezwungen werden k├Ânnen hinauszugehen, ihn aber nicht daheim trafen, wurde unser Gep├Ąck ganz einfach auf einen Wagen geladen und als wir am R├╝ckweg waren, begegnete uns dieses Fuhrwerk schon am halben Weg mit Kurkin, der uns freundlich zuredet, hinauszugehen. Es w├Ąren nicht mehr als 20 Werst zu machen, von dort aus sollten wir nach Kandalakscha, wo wir alles fassen und unser Geld bekommen. So gingen wir halt wieder. Man ist halt immer ein Gefangener. Nachts treffen wir in einer Baracke unsere Partie und quartieren uns im Dachboden ein.

Montag, 24.VII.16

Wir haben, da der Kontrollor bei unserer Partie ist, Gelegenheit ihn n├Ąher kennenzulernen. Er ist ein ganz n├Ąrrischer Kerl. Obwohl er zu uns immer freundlich und zuvorkommend ist, treibt er die russischen Arbeiter mit allem Tod und Teufel zur Arbeit, droht ihnen mit Erschie├čen u.dergl. Es geht aber auch vorw├Ąrts. Wir machen heute 5 Werst. Als wir 6 Uhr nach Hause gehen wollen, ÔÇ×ersuchtÔÇť uns der Kontrollor, bis 10 Uhr zu bleiben, da die Arbeit dringend ist und verspricht uns p.Tg. 2 Rbl.

Dienstag, 27.VII.16

Bis auf einen kleinen Wirbel wegen der Menage vergeht der heutige Tag gut.

Mittwoch, 28.VII.16

├ťbersiedelte heute in eine Baracke, in welcher ├ľsterreicher sind. Der Barackenkommandant war mit Br.Niedermayer in Tauria. Selber d├╝rfte, da er eine schwere Verletzung an der Hand hat, als Invalide ausgetauscht worden sein.

Donnerstag und Freitag nichts Neues.

Samstag 29.VII.16

sind wir endlich mit unserer Arbeit fertig. Treffen mitternachts mit der zweiten Partie zusammen. Es sind dies lauter ├Ąltere Russen und machen einen sehr guten Eindruck auf uns. Wir trinken bei ihren Zelten Tschei. Erst gegen 6 Uhr morgens kommen wir zur├╝ck in die Baracke.

Sonntag 30.VII.16

Der heute Tag verging im Schlafen. Tertsch kocht tadellos Fleischkn├Âdel, neun an der Zahl pro Mann.

Montag 31.VII.16

Heute nachmittag ging es weg von hier zur├╝ck nach Tschupa, wo wir 12 Uhr Nacht anlangten.

Dienstag 1.VIII.16

Unsere Fuhrwerke kommen mittags an, wir kochen und fahren mit einem kleinen Dampfer um 10 Uhr ab nach Kofta (cirka 120 Seemeilen).

Mittwoch 2.VIII.16

Vormittag Ankunft in Kofta, eine kleine Hafenstadt mitten in den Inseln des Wei├čen Meeres gelegen. Erwartung weiterer Befehle.

Donnerstag und Freitag nichts Neues.

Samstag, 5.VIII.16

├ťbersetzten um 2 Uhr nachmittag mit einem Boot zum Hafen und von dort im Schlepptau eines Motorboots 7 Werst bis zu einem Anlegeplatz (Suag). Von hier unsere Bagage zu Wagen und wir per Fu├č 5 Werst bis zur Hauptlinie.

. . . . .

Hier, my dear, h├Âren wieder die Aufschreibungen auf, doch will ich versuchen, mich zur├╝ckzuerinnern, damit hier ein zusammenh├Ąngendes Ganzes wird. Aber heute will ich schlafen gehen, es ist ┬ż 12. Du wirst wohl schon s├╝├č tr├Ąumen. Wie w├╝nschte ich, da├č ich schon mit Dir tr├Ąumen k├Ânnte. Schlaf wohl, mein Liebes, und mit Ku├č Schlu├č.

Polarny Kruk, 17.XI.17

Mein innigstgeliebter Schatz!

Stehe hier auf einer geografisch h├Âchst interessanten Stelle, n├Ąmlich auf dem Polarkreis. Drau├čen ist eine recht nordische Nacht, kalt aber unbeschreiblich sch├Ân mit der reinen Sternenpracht. Der Winter hatte hier momentan seinen Anfang genommen, mit einer ganz empfindlichen K├Ąlte von -10-15┬░. Man ist dieselbe nicht gew├Âhnt, sp├Ąter sp├╝rt man keine 25 - 30┬░, nicht so wie jetzt die wenigen. War gestern und vorgestern auf St├Ârung und konnte daher nicht schreiben. Daf├╝r war ich bei unserer Partie und habe mich da wieder unterhalten, in meiner Einsamkeit auch wohltuend. Gestern von 4 Jahren waren wir in Breitenfurt. Wie ist die Zeit doch schnell entschwunden und wie wenig Sch├Ânes liegt in ihr. ÔÇ×brcestagÔÇť w├╝rde der Russe sagen, denn ich komme ja schon wieder in das Raunzergeleise. Also schwups heraus und vorausschauen auf die Zukunft, die uns noch erwartet. Was sie uns doch bringen wird! Ich habe so rechte Hoffnung, da├č wir bis Ostern doch daheim sind. Dann machen wir miteinander eine Wachauerpartie, und suchen alle die Orte und Stellen wieder auf, die uns so gl├╝cklich gesehen und feiern das zweite Mal unsere Verlobung. Ich denke mir, Putti, wenn wir uns wieder haben, m├╝ssen wir wieder von vorne anfangen uns kennenzulernen. Und es wird wohl manchmal wieder hier und dort ein Schnutchen geben. Aber das macht alles nichts. Ich w├╝rde mich gerne verpflichten, eine Woche lang keines zu machen, wenn die Zeit schon da w├Ąre. Das w├╝rde Dich wohl freuen, da k├Ânntest Du mich uzen und ich d├╝rfte gar nichts sagen. Bin eigentlich recht neugierig, inwiefern ich mich ver├Ąndert habe. Ich denke, nicht zu meinen Gunsten, es ist dies aber auch gar kein Wunder, denn die Zeit der letzten Jahre war nicht danach, feine oder zarte Gef├╝hle im Menschen auszubilden. Na, es wird aber schon wieder ausgeglichen werden, wenn ich bei meinem lieben Putti bin.

Was Emmy nur macht? Ich habe von ihr im Anfang einige Karten erhalten und war recht erfreut dar├╝ber, aber jetzt istÔÇÖs aus. Warum? Sagen wir Postst├Ârung.

Wenn ich nach Kandalakscha wieder komme, erhoffe ich dort wieder recht viel Post. Wei├č schon auswendig, ein Teil von Dir und zwei Teile von Gretel. Das ist halt schon so und ich kann nichts daf├╝r. Und da denkt sich das ÔÇ×bad girlÔÇÖchenÔÇť, da├č ich es nicht mehr so lieb hab wie fr├╝her. Das mu├č es aber nicht tun.

Jetzt, mein Lieb, mu├č ich essen, denn mein M├Ąglein knurrt schon. Mit 1000 K├╝ssen,

Dein Robert.

Wieder in Tschupa, am 27.XI.17

Mein s├╝├čes Putti!

Nun war wieder eine l├Ąngere Pause. Kann nun nicht mehr so wie ich will, da meistens, wenn ich Zeit h├Ątte, die Tinte und Feder ben├Âtigt wird. Wir haben n├Ąmlich jetzt einen Schreiber hier, im Bunde der dritte, und der schreibt von Fr├╝h bis Nachts, d.h. wenn man 11 Uhr Fr├╝h nennen darf. Es wird n├Ąmlich jetzt erst um 10 Uhr licht und um 3 Uhr schon wieder finster. Und in einem Monat mu├č man den ganzen Tag die Lampe brennen haben, da dann die Sonne erst um 11 Uhr auf- und um 1 Uhr schon wieder untergeht. Eine Zeit, in welcher man sich richtig ausschlafen kann. Ich f├╝r meine Person halte aber noch die europ├Ąische Ordnung ein, da das viele Schlafen ungesund ist in diesem Klima. Man bekommt hier recht leicht Tsinga (Skorbut), eine Krankheit des Blutes, die mit Zahnschmerz und schwarzen Flecken an den F├╝├čen anf├Ąngt und in diesem Klima ├╝berhaupt nicht zu heilen ist. Die Gliedma├čen ziehen sich ├Ąhnlich der Gicht zusammen und schmerzen riesig. Wieviele Hundert sind schon dieser Tsinga zum Opfer gefallen. Gegenmittel sind wenig schlafen, fett essen und fest arbeiten, welches erstere und letztere ja nur vom Willen des Einzelnen abh├Ąngt und auch zu erf├╝llen ist. Und fett zu essen habe ich hier auch Gelegenheit. Habe daher keine Angst.

├ťbrigens eine Neuigkeit, die schon seit einigen Tagen hier bekannt ist, da├č s├Ąmtliche Kriegsgefangene von Murman wegkommen sollen und der baldige Frieden zu erwarten ist. Oh, w├Ąre es wahr und das Wiedersehen endlich m├Âglich. Du wei├čt gar nicht, wie ich mich schon sehne nach Dir, mein Schatz, mein Lieb. Wir sollen alle Tage schon abfahren nach Kandalakscha und dann gibtÔÇÖs wieder Post. Vielleicht auch eine Fotografie, um die ich ja schon so oft geschrieben und die ich so gerne haben m├Âchte.

Momentan zischt drau├čen eine Lokomotive, die uns vielleicht mitnimmt nach Polarny Kruk, aber auch nur vielleicht, denn es h├Ąngt dies hier ganz von dem Willen des Maschinisten ab. Du m├Âchtest schauen, was es hier jetzt f├╝r eine Wirtschaft gibt nach der Revolution, die ja im Gro├čen recht sch├Ân war, deren aber das dumme Volk hier nicht w├╝rdig ist. Dar├╝ber aber m├╝ndlich mehr.

Heute war es schon h├╝bsch kalt, -22┬░ und dabei ein herrlich reiner Tag. Nur wei├č ich nicht, warum man heuer das Nordlicht nicht in dieser Pracht sieht, wie das vorige Jahr. Mag wohl noch kommen.

Fortsetzung der Berichte.

Von Kofta zogen wir unseren Draht wieder weiter, bis wir mit einer anderen Partie Kriegsgefangener zusammenkamen, die uns entgegen arbeitete. Es waren meist Ungarn, wenig Deutsche. Wir fuhren mit dem Gep├Ąck weiter bis Kurascha, und arbeiteten von dort bis Kandalakscha, wo wir endlich unser Geld bekamen und Sachen zur Bekleidung. Kandalakscha selbst ist ein nettes Dorf am Meer und an beiden Ufern eines Flusses gelegen, mit 2 Kirchen und mehreren Gesch├Ąften, wo man noch so manches kaufen konnte. Von hier geht auch schon die Bahn nach Kola, also nordw├Ąrts und verbindet so das Wei├če Meer mit dem Eismeer. Zwei Tage blieben wir da und fuhren dann mit dem Postdampfer nach Kofta zur├╝ck, wo wir den 2. Draht bis Krut zogen. Nach Beendigung dieser Arbeit hatten wir einen gro├čen Krach mit unserem Aufseher, der aber st├Ârrisch war und beinahe w├Ąren wir 3 Tage eingesperrt worden. In diese Zeit fiel es auch, da├č ein deutsches Unterseeboot im Wei├čen Meer gewesen sein soll und Minen ausgelegt hat, aus welchem Grund der Schiffsverkehr eingestellt wurde und wir zu Fu├č die 125 Werst bis Kandalakscha zur├╝cklegen mu├čten. Nach zirka 8 Tagen, in welchen ich meinen Geburtstag in einer Zivilbaracke in einer Station, f├╝r mich allein nat├╝rlich, feierte, gelangten wir dort an und wurden dort in einer 3 Werst entfernten Baracke nicht weit von der Wohnung Kurkins untergebracht. Hier verlebten wir eine sch├Âne Zeit. Die Arbeit war wenig, die Menage auch nicht viel und Hrabal, ein Mechaniker aus Wien und ich hatten Gelegenheit auf Apparaten zu arbeiten mit 2 Soldaten. Leider schied hier einer von uns 6 aus, Tertsch, der es besser fand, nach Ru├čland zu fahren. Er meldete sich krank. Die Feiertage kamen, man hatte ein wenig Geld um Zuckerwaren zu kaufen und wir machten uns einen kleinen aber sch├Ânen Christbaum. Ich holte diesen selbst aus dem Walde. Wir verbrachten die Tage froh, viel besser und freier als im Lager. Nach denselben wurden Stransky und Urban als krank abgeschrieben und verlie├čen uns am 31.Dezember, an welchem Tage wir auch um 3 Werst nach Punkt 5 ├╝bersiedelten. Ich unternahm das erste Mal eine Wanderung ├╝ber das gefrorene Meer und es war herrlich so allein als kleines Gesch├Âpfchen im Scho├če der Natur. Zirka 1 Monat arbeitete ich bei der Partie und kam dann wieder zur├╝ck nach Kandalakscha in die Meisterei und nach wieder 1 Monat fingen wir an den 3. Draht zu ziehen und wurden Ende Feber damit fertig. Wir bekamen ausbezahlt und wurden, aus dem Grund weil alles auf Urlaub fuhr, bis zum April an den 2. Punkt ├╝bergeben. Auch hier hatten wir eine sch├Âne ruhige Zeit. Ich arbeitete auf ├ľfen mit Baumgartner. Am 25.III. bekam ich endlich die erste Post, 2 Karten von Gretel. Und dann gingÔÇÖs wieder alle Wochen 2 oder 3 St├╝ck. Aber auch endlich von Dir, mein schlimmes M├Ądchen. Die Freude war recht gro├č, obwohl ich mich auch ├╝ber einige Karten ein wenig ├Ąrgerte. Na, Schwamm dr├╝ber. Im April wurden wir wieder ÔÇ×gratis und frankoÔÇť ├╝bergeben und von Kurkin ├╝bernommen, fingen an wieder mit Schabaroff den 4. Draht zu ziehen.

My dear, die Lampe geht aus.

Klupoky, am 29.XI.17

Mein liebes Putti!

Nun hat uns vorgestern doch die Maschine mitgenommen und wir sind gestern abend gl├╝cklich bis hierher gelangt. Es geht hier n├Ąmlich nicht sehr eilzugsm├Ą├čig und man kommt manchmal zu Fu├č schneller voran als mit der Bahn. Mein Alter ist heute mit dem Schlitten nach Kniaschaja (9 Werst von hier) gefahren, um f├╝r uns Filzstiefel zu besorgen.

Habe Dir heute zwei Karten geschrieben und hoffe, da├č Du dieselben in Gesundheit bekommst und da├č in der Zeit, wenn Du dieselben erh├Ąltst, ich schon auf der Heimreise bin.

Ja, mein Putti, das wird ein Wiedersehen werden. Doch w├╝nschte ich, da├č wir uns ganz allein, ohne andere Menschlein wiedersehen k├Ânnten. Ich denke jetzt recht oft zur├╝ck an die sch├Âne Zeit, die wir miteinander verlebt haben. Und der Abschied von Dir, mein s├╝├čes Lieb, wird mir unverge├člich bleiben. Und dennoch hatten wir es ein wenig leichter als alle diejenigen, welche vorm Abgang ins Feld voneinander gerissen wurden. Auch bin ich froh, da├č Du Deinen Posten behalten hast, wo es Dir ja nicht schlecht gehen wird und Du mit weniger Sorgen die schwe re Zeit ├╝berstehst. Im Stillen hoffe ich, da├č in Kandalakscha eine Fotografie von Dir ist, wie w├╝rde ich mich dar├╝ber freuen. Ich habe schon oft um solche geschrieben, aber bis jetzt ohne Erfolg.

Wenn wir zur├╝ckkommen auf Polarny Krug, ziehen wir in einen IV.Klasse-Waggon um und dann haben wir, n├Ąmlich mein Alter und ich, es noch besser. Ersterer ist ein so ziemlich netter Mensch und besonders gegen mich sehr gut. Ich bin aber auch seine rechte Hand und er vertraut auf mich mehr als auf seine eigenen Leute. So wie in der Arbeit, so auch privat. Er gab mir erst heute eine gewisse Summe Geld zur Aufbewahrung in der Zeit seiner Abwesenheit. Und ich koche, ja, staune und lache nur, ich koche ihm eine gute Suppe und Erbsen, die gar nicht weich werden wollen. Du siehst, wir leben also recht gem├╝tlich und es w├Ąre mir wirklich leid, wenn ich hier wegkommen sollte und an einem anderen Platz in Ru├čland noch l├Ąngere Zeit bleiben m├╝├čte. Habe ihm auch schon versprochen zu schreiben, wenn ich einmal in der Heimat bin. Trotzdem er schon 44 Jahre alt ist, hat er eine sehr junge Frau und ein 6 Monate altes S├Âhnchen. Bin, so oft er zu Hause, zum Essen geladen. Aber nur so nicht denken .... Pst, nicht weiter, sonst kommt ein Schnutchen.

Einen treuen Begleiter habe ich noch bei mir, n├Ąmlich das Schachspiel, das einzige au├čer den Socken, die Du mir zu Weihnachten 1914 schicktest. Auch diese will ich noch einmal nach Hause bringen, zwar in sehr ver├Ąndertem Zustand, aber doch.

Ich wei├č nicht, ob ich Dir schon mitgeteilt habe, da├č auch das Hemd, das Du von Frau Buchinger hast und das Du mir zum Andenken mitgabst, verloren ist und zwar schon in den Karpathen. Aber daf├╝r bring ich dir mein Herz wieder so wie es war zur├╝ck, ohne ein St├╝ckel davon verloren zu haben.

Aber glaubst Du mir das auch? Ich denke immer, Du zweifelst ein wenig und denkst, da├č meine Liebe zu Dir nicht mehr die alte ist, aber wie schon geschrieben, das mu├čt Du nicht tun. Wenn Du ├╝brigens das liest, so haben wir uns ja schon wieder und dann ist alles anders.

Jetzt w├Ąre mir aber beinahe das Feuer ausgegangen bei meiner Kocher- und Schreiberei. Und - o je - die Erbsen. Die sind statt gekocht gebraten, denn das ganze Wasser hat sich verkocht, so da├č sich die Erbsen so allein ganz ungem├╝tlich f├╝hlen in der Kasserolle. Ja das kommt davon, wenn man statt ans Kochen an verlorene Herzen und geflickte Str├╝mpfe denkt. Aber der Alte i├čtÔÇÖs schon, er ist nicht so heikel. Gestern hat er die Erbsen gegessen, die noch halb roh waren und nur so gescheppert haben auf dem Blechteller, als er sie herausfa├čte. Du mu├čt n├Ąmlich wissen, da├č bei uns die Erbsenwoche ist, so wie beim Gerngro├č die wei├če und andere Wochen. Die kochen wir jetzt so lange, bis wir sie genug haben und dann kommt wieder was anderes.

Drau├čen h├Ârt man einen Menschen mit Ski herumklappern, das Bef├Ârderungsmittel der Finnen, die Hunderte von Kilometern auf den Bretteln zur├╝cklegen.

Bis auf weiteres umarmt Dich Dein

Robert

Kandalakscha, 2.Dezember 1917

Mein Schatz!

Endlich sind wir ja doch bis hierher gelangt. Ja, und denke, ich bin jetzt da und meine Post, bei 35 Karten hat ein Kamerad von mir mitgenommen nach Polarny. Da hei├čtÔÇÖs wieder 2 - 3 Tage warten.

Drau├čen ist heute ein sch├Ânes Nordlicht und ich w├╝nschte manchmal, da├č Du hier w├Ąrst und ich mit Dir alles beschauen k├Ânnte. Es gibt auch hier viel Sch├Ânes, dieses aber nur in der Natur. Auch das Meer ist nun eingefroren und man kann schon mit dem Schlitten hin├╝ber, wobei man manchen Umweg abschneidet.

Hoffe, da├č wir auf der Heimreise sind, bevor es aufgeht. Heute habe ich von Kurkin geh├Ârt, da├č Frieden sein soll. Auch wurden die Gefangenen von hier weggenommen und man f├Ąngt bei den Deutschen eben an. Wir ├ľsterreicher kommen erst sp├Ąter dran.

O w├Ąre doch alles wahr!

Heute ist es bei mit 32 Monate, da├č ich gefangen und wenn man bedenkt die lange Zeit, kann manÔÇÖs selbst gar nicht glauben. Wenn uns das jemand gesagt h├Ątte, da├č wir uns so jahrelang trennen m├╝├čten! Was h├Ątten wir da geantwortet? Und wie man alles ertr├Ągt, viel leichter als man denkt.

Gestern machte mir mein Alter den Vorschlag, nach Friedensschlu├č wieder zu ihm zu kommen, ich sollte dort arbeiten. Und was w├╝rde mein Putti dazu sagen? Wenn wir auf einmal nach Sibirien oder anderswo wanderten? Alles kann werden und nichts scheint mir jetzt unm├Âglich. Mein Alter hat, wie er voriges Mal in Kniaschaja um Filzstiefel war, dieselben zwar nicht bekommen, jedoch Zucker und Speck mitgebracht, auch Reis und Kaffee, also auch was Gutes, und daher ist meine Zuckerb├╝chse wieder ganz voll.

Ob ich mich daheim wohl doch gew├Âhnen k├Ânnte ohne Tschei zu leben? Oder Du mu├čt mir alle Tage das Samowar heizen. Werde aber dann nur Fr├╝chtentee trinken und wieder ein braver boy werden.

Viele 1000 Busserl gibt Dir Dein

Robert

Polarny Kruk, 5.I.18.

Mein Putti!

So w├Ąre das 18er Jahr angekommen. Fast unglaublich, eine so lange Zeit in der Gefangenschaft zu erleben. Wenn man endlich aber den Nachrichten, die aus Ru├čland zu uns dringen, glauben darf, so ist die Zeit nicht mehr fern, die uns zur Heimat bringt. Und dem Liebchen zu. O Freude dann!

War zu Silvester wieder in Kandalakscha und erhielt eine Karte von Dir. Die Post kommt jetzt sehr sp├Ąrlich, ob das den inneren Wirren zuzuschreiben ist?

Polarny Krug, 22.I.18

Mein liebes einziges Lieb!

Ich war nun wieder sehr faul zum Schreiben und Du darfst mit Recht schimpfen. Aber das machen die verschiedenen Nachrichten, die sich hier herumtreiben und welche einen ganz dumm machen. Einmal ist oder wird Frieden, den n├Ąchsten Tag ist wieder Krieg, dann werden wieder diejenigen, die zwei Jahre gefangen sind, ausgetauscht u.s.w. Das Ende ist immer, da├č es halt doch wieder weitergeht. Die einzige Zerstreuung ist die Arbeit und ich widme mich ihr auch mit all meiner Kraft.

Barnaul, 15.Mai 18

My Darling!

Nach einer Pause eines halben Jahres will ich Dir, mein Lieb, meine Erlebnisse weitererz├Ąhlen. Wir sind jetzt wieder im Lager, was wir uns wohl fr├╝her nicht tr├Ąumen lie├čen. Es ist dies ja auch nur hier in Ru├čland m├Âglich, da├č man tausende Menschen tausende von Werst spazierenf├╝hrt. Unser Lager liegt zirka 25.Breitegrade s├╝dlicher von unserem fr├╝heren Aufenthalt, trotzdem istÔÇÖs noch immer kalt und auch hie und da Schnee. Wir k├Ânnen mittels Zettel in die Stadt gehen. Dieselbe ist von den St├╝rmen der Revolution recht mitgenommen worden. Von den besseren H├Ąusern sind meist nur noch die Stein- und Ziegelmauern erhalten. Man gibt sich sehr wenig M├╝he, dieselben wieder aufzubauen. Im Lager selbst befanden sich 12.000 Mann, darunter zirka 1000 Deutsche und 600 T├╝rken. Unter letzteren habe ich einen Gendarm aus Istanbul kennengelernt, welcher deutsch lernt. Wir sind alle Tage beisammen und unterhalten uns sehr viel von Cospoli. Von den ├ľsterreichern gehen t├Ąglich Transporte inÔÇÖs Innere ab, unsere Baracke f├Ąhrt wahrscheinlich ├╝bermorgen. Aus diesem Anlasse sind auch die Deutschen, welche bis gestern mit uns beisammen waren, und unter welchen sich unsere alte Telegrafen-Kolonne befand, in eine eigene Baracke gekommen, so da├č ich wieder einmal allein geblieben bin. Es geht ja jetzt nun endlich doch bald nach Hause. Ich rechne, in zwei Monaten, da├č wir, wenn auch nur vielleicht auf einige Wochen, beisammen sein k├Ânnen.

Will nun wieder mit der Fortsetzung meines Berichtes beginnen.

Ihr werdet wohl schon lange keine Post bekommen haben, doch seid Ihr ja schon Pausen gew├Âhnt und werdet Euch daher nicht viel Sorgen machen. Eben istÔÇÖs schon ein Jahr nach den Begebenheiten, von welchen ich zuletzt berichtet habe. Wir montierten also die 4. Leitung von Kandalakscha oder eigentlich vom 6.Punkt, welche Stelle dadurch bemerkenswert ist, da├č die Bahn ├╝ber diesen 1 1/2 Werst langen Steindamm, welcher mit riesigen Schwierigkeiten und einigen Menschenopfern ├╝ber eine enge Stelle einer dortigen Meeresbucht gebaut worden ist, f├Ąhrt. Auch f├╝hrt von dort eine Stra├če nach Finnland (65-70 Werst).

Wir arbeiteten mit 4 Russen au├čer Schabaroff nat├╝rlich und 6 ├ľsterreich-Ungarn. Die ersten 14 Tage gingÔÇÖs so ziemlich, und wir kommen vor Ende April bis Kofta. Dann jedoch machten die Russen so horrende Anspr├╝che und wollte dabei so eine ideale Arbeitszeit, da├č sich nun Kontrolleur Kurkin entschlo├č, nur mit Gefangenen allein zu arbeiten. So bekamen wir in den ersten Tagen des Maies, dessen Erster nat├╝rlich als sozialer Feiertag gefeiert wurde, trotzdem bei den Russen noch der 18.April war, Ersatz von 3 Reichsdeutschen und in 14 Tagen darauf noch 3 Mann. Schabaroff mu├čte nach Kandalakscha, da seine Frau der Geburt eines Kn├Ąbleins entgegensah. Wir arbeiteten mit einem Russen als Ersatz, aber richtiger gesagt, wir arbeiteten nur allein, denn der gute Mann scheint Morpheus mehr zu lieben als die Telegrafenarbeit. Doch sorgte er, das mu├č man ihm lassen, ganz anst├Ąndig f├╝r Produkte. Ende Mai warten wir fertig und fuhren von Polarny nach Kandalakscha. Angekommen, erfahren wir, da├č bei einem Fluchtversuch von 60 Kriegsgefangenen, welcher aber zunichte wurde, leider zwei deutsche Unteroffiziere erschossen und ein Deutscher schwer verwundet wurde. Uns er├Âffnete sich nun ein neues Arbeitsfeld, n├Ąmlich das Aufstellen von Masten. Hier profitierte ich ein wenig, denn diese Arbeit war auch mir neu.

Und vor Beendigung der 4. Linie bekam ich viel Post, welche in Kandalakscha festgehalten wurde und bei Gelegenheit nachgesandt wurde. Aber auch ich schrieb nun und hoffe, da├č Ihr auch etwas davon erhalten habt. Bis Juni noch f├╝hrte Kurkin das Regiment, dann wurde der Telegrafendienst den offiziellen Beh├Ârden ├╝bergeben und wir bekamen einen neuen Kontrolleur, welcher Ende Juni kam. Da Schabaroff ihm sagte, da├č ich etwas von Apparaten verstehe, so kam ich sofort in seinen Waggon, denn er verbrachte der Gro├čteil der Zeit in demselben und ich lernte in ihm einen sehr guten, man mu├č schon sagen, zu guten Menschen kennen. Wir kochten auch da, ich oder er, gerade wie wir Zeit hatten und vertrugen uns ganz gut. Ich arbeitete auch so, da├č er zufrieden sein konnte und war, denn er selbst verstand nicht gerade viel von der Sache und er behandelte mich dadurch auch besser als einen Russen, denn von denen war auch nichts zu erwarten, weil ihnen ihre ÔÇ×herrliche RepublikÔÇť zu Kopfe stieg. Wenn man so ihre Arbeit auf der Linie betrachtete, so war es auf den ersten Blick zu sehen, da├č sich so ein Staat, in welchem so gewirtschaftet wird, nicht lange fortbringen kann. Zum Beispiel schafften an mehreren Stellen Arbeiter Steine von der Linie einige Meter weit zu Pl├Ątzen, wo sie dem Betrieb nicht hinderlich waren. W├Ąre das bei uns oder von unseren Leuten gemacht worden, w├╝rden 2 Mann mit Brechstangen so einen Stein in wenigen Minuten zu seinem Platz transportiert haben. So jedoch standen 14 - 16 Mann bei demselben, um ihn wurde ein Strick gebunden und nun ging man dem Stein mit Gesang, der etwa so 2-3 Minuten dauert und nach welchem dann ein Ruck von 15-20 cm erfolgte, zu Leibe. Es dauerte dann so zirka ┬ż Stunden, bis man so mit einem Stein fertig war. Nach je so einem Werke kam nun eine Rauchpause von 20-30 Minuten, so da├č man vielleicht mit 12 Steinen im Tag rechnen konnte, welche 14-16 Mann bew├Ąltigten. Wenn man jetzt noch den Lohn von 6 Rubel im Tag, was aber noch wenig ist, rechnet, so kommt die Arbeit f├╝r einen Stein auf 9 Rbl. Hiebei ist noch zu bemerken, da├č man den Stein ├╝ber eine schiefe Ebene hinaufzog, wo er sich auf dem Weg aus der Schlinge zog und unter dem Gebr├╝ll der Arbeiter zur├╝ckkollerte, so da├č manchmal die Arbeit 2, 3 mal so lang dauerte. Und ├╝berall warÔÇÖs so. Bei uns verlangten die Russen einen Lohn von ├╝ber 9 Rbl. im Tag. Mir wollte unser Alter 360 Rbl. monatlich geben, wenn ich dableiben wollte. Also fristete ich mein Leben im Waggon bei unserem neuen Kurk M.Metorikin angenehm. Die Zeit verging infolge vieler Arbeit gut und schnell. Im September hatten wir einen Unfall mit unserem Wagen, welcher gl├╝cklicherweise noch gut ausfiel. Ich fuhr allein von Tschupa nach Polarny, als bei unvorsichtigem Anfahren des Lokomotivf├╝hrers die Zugstange des, von r├╝ckw├Ąrts gez├Ąhlt, vierten Waggons ri├č und diese letzten Waggons infolge der Steigung, die der Zug zu nehmen hatte, zur├╝ckfuhren. Unser Wagen, ein Bremswagen, w├╝rde ja die ganze Sache angehalten haben, jedoch bei der hiesigen Ordnung waren die Bremskl├Âtze so angeschliffen, so da├č man anziehen konnte, so weit sich nur das Gewinde drehen lie├č, nat├╝rlich ohne Erfolg. Zirka einen Werst fuhr ich mit. Immer schneller und schneller wurde das Tempo so da├č ich es f├╝r geraten hielt, unserem f├╝hrerlosen Zuge Ade zu sagen und auf den weichen Bahndamm abzuspringen. Noch zwei Werst weiter unten arbeitete man mit kleinen Sandloren. Als nun die Leute ├╝berrascht auf einmal die Wagen ankommen sahen, waren sie so erschrocken, da├č es ihnen nicht schnell genug gelang alle Loren herauszuheben, an welchen nun die Ausrei├čer anfuhren; unser Waggon entgleiste und wurde so aufgehalten. Es fehlte nicht viel, w├Ąre unser Wagen ganz und gar umgekippt. Du kannst Dir nun vorstellen, wie es hier in dem Waggon ausschaute. Alles drunter und dr├╝ber. Wir hatten 5 oder 6 Tintenf├Ąsser drinnen, welche nat├╝rlich zerbrachen und alles mit dunkelgr├╝nem Ton ├╝berzogen. Nur gut, da├č es noch so glimpflich ablief. Es sollte uns noch mehr beschieden sein. Bis abends wurde unser Wagen, die anderen drei hatte man noch denselben Tag ins alte Geleise gebracht und mit Menschenkraft nach der Station Krotosno geschoben. Unterwegs schon verst├Ąndigte ich mittels Telefon, welches ich an der Unfallstelle an die Leitung anschlo├č, meinen Alten, welcher nachmittags mittels Draisine ankam. Er freute sich, da├č ich ihm gesund entgegenkam. An unserem Waggon wurden die Lagerschalen besch├Ądigt, welche, wie es zuerst hie├č, in Krotosno repariert werden sollten. Nachher beschlo├č man aber, den Waggon nach Polarny Kruk zu bringen, mit einem Zug, welcher abends ging. Kaum aber fuhren wir 2 Werst, als es schon lichterloh bei den Achsen zu brennen anfing. Ich schrie mit aller Kraft dem Kondukteur, welcher im vorhergehenden Wagen war und derselbe hielt den Zug auf. Man schmierte und pfuschte an den Lagern herum. ÔÇ×Nun, bis Polarny gehtÔÇÖs schonÔÇť, hie├č es und weiter gingÔÇÖs jetzt, aber nicht als h├Ątte man einen kaputten Waggon im Zug, sondern im Schnellzugstempo. Ich atmete schon erleichtert auf, als wir an dem Sandberg, welcher nur 1 Werst von Polarny entfernt war, vorbeifuhren, aber da auf einmal kam ein Sto├č, und dahin gehtÔÇÖs ├╝ber die Schwellen. Wir waren entgleist. Der Lokomotivf├╝hrer bemerkte es anfangs gar nicht und konnte sp├Ąter den Zug nicht mehr so schnell aufhalten, so da├č wir noch eine gute Strecke mitgezerrt wurden. Dabei sprang ich wieder ab da ich dachte, da├č der Wagen ├╝ber den dort ziemlich hohen Damm geschleudert werden w├╝rde. Dem war aber nicht so. Als ich wieder nachkam, stand unser Waggon in ganz erbarmungsvollen Zustand im Sande. Unser Alter, der von Tschuppa auf der Maschine unseres Zuges mitgefahren, betrachtete unter Vorw├╝rfen meinerseits die Bescherung. Im Wagen alles drunter und dr├╝ber, der eben erst gemauerte Ofen eingefallen, Schriften, B├╝cher Telefone, Werkzeug, Bekleidungsst├╝cke, alles im wirren Durcheinander. Er bewahrte aber seine eiserne Ruhe und sagte dann, da├č man eben nichts machen kann. Aber alles noch zu wenig. Der Waggon sollte noch in derselben Nacht, es war nun schon nach 11 Uhr, auf die Geleise gebracht werden. Zu diesem Zweck war ein Aufseher zu uns gekommen, der nun auf die Arbeiter wartete. Unser Alter fragte denselben noch, ob wir, ohne die Arbeiten zu st├Âren, im Wagen schlafen konnten. welches derselbe bejahte. Wir richteten uns also, so gut es die Wirtschaft zulie├č, ein und legten uns nieder. Ich hatte Zahnschmerzen und konnte nicht gleich einschlafen. Von der Ferne h├Ârte ich eine Maschine kommen, mit der Arbeitsmannschaft, wie ich dachte. Sie kam n├Ąher und n├Ąher, ohne da├č sie irgendein Signal zum Stehen gab. Da kam mir der Gedanke, da├č man dieselbe nicht verst├Ąndigte, da├č ein Waggon auf dem Geleise stand und diese uns nun zusammenfuhr. Aufspringen, den Aufseher wecken und unserem Mechaniker zuzuschreien, da├č er schnell weggehen sollte, er lag mit dem Kopf gerade in der Pufferh├Âhe der Maschine, denn unser Wagen stand ja tief im Sande, war ein Augenblick. Eine Sekunde sp├Ąter kam schon mit Krach die Maschine in unseren Waggon. Die Wucht des Sto├čes wurde aber einesteils von dem Gegensto├č, andererseits dadurch, da├č der Maschinist noch im letzten Moment unseren Waggon, trotzdem eine Kerze in demselben brannte, gesehen und noch Konterdampf gab, aufgehalten und auch wir nur noch einige Meter fortgeschoben. Wenn Du aber denkst, Darling, da├č sich der Maschinist k├╝mmerte, was und wen er eigentlich zusammengef├╝hrt hatte, irrst Du. Derselbe fuhr ruhig zur├╝ck. Unter einem dreifachen Fluch war der Alte runter mit dem Aufseher auf die Station und ich dachte, ihr k├Ânnt mich alle lieben, band mit Draht die T├╝r so gut es eben ging, denn alles war schon aus den Winkeln, zu und ging mit Decke und Mantel in eine nahe Baracke zu Gefangenen. In der Nacht hob man den Wagen noch ins Geleise und dabei auch viele Sachen aus ihm heraus. Darunter auch das Portemonnaie aus Cospoli.

Tobolsk, 26.Mai 18

My Sweaty!

Die Zeit oder richtiger der Jahrestag unserer Wachauerpartie ist nun wieder gekommen und nichts hat sich noch ge├Ąndert. Noch immer sind die Tore verriegelt, ob von au├čen oder von innen, wir wissen es nicht. Und doch eine Ver├Ąnderung unseres Aufenthaltsortes hat stattgefunden. Wir sind von Barnaul ├╝ber Tjumen hierher.

Schlu├č fehlt


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