Grete Schröfl - Robert Schröfl: Korrespondenz


[nach oben] [Lebenslauf] [Urlaube] [1920] [1921] [1923] [1925] [1926] [1928] [1929] [1930] [1931] [1932] [1934] [1935] [1936] [1937] [1938] [1939] [1940] [1941] [1942]


Grub, 7.9.1937

Liebstes!

Zwar weiß ich nicht, wie der Brief ausfallen wird, weil ich mich eben über Roberts „verkörperten Widerspruch“ geärgert habe, aber schreiben will ich doch, sonst gehst Du diese Woche leer aus. Heute geht’s ja schon ans Packen. Wie fahren zwar erst übermorgen früh, weil morgen Juli aus Wallern kommt, sonst wären wir morgen gefahren. Die Sachen aber müssen wir heute noch aufgeben, weil morgen Feiertag ist.

Schatz, Dein letzter Brief hat mich wieder ganz besonders gefreut. Die Idee, daß wir alle nach Bulgarien fahren, ist ja großartig. Sie hat mich einmal restlos begeistert. Unsere Großen ja allerdings nicht sehr, aber das wird sich schon noch geben. Momentan sind beide so auf Haag eingestellt, daß für sie sonst gar nichts mehr in Frage kommt. Ich glaube aber, ich selbst habe für die nächsten zehn Jahre genug davon.

Von Aussee bekam ich eine Karte; die Vettern können heuer aus finanziellen Gründen nicht nach Wien fahren. Werde aber nochmals schreiben, vielleicht will Robert allein ein paar Tage früher kommen, damit er ein wenig von Wien sieht.

Fredys Daumen ist besser aber noch lange nicht gut. Morgen werde ich den Arzt fragen, ob ihm die lange Fahrt mit dem Rad schaden kann. Sollte er fahren dürfen und trotzdem Schmerzen bekommen, kann er ja unterwegs bei jeder Bahnstation einsteigen.

Das Wetter war in der letzten Woche schön, nur Sonntag hat es wieder Schusterbuben geregnet.

Vorigen Donnerstag war ein Tanzkränzchen von der Sonntagsschule. Ich habe so viel getanzt, daß ich bald seekrank geworden wäre. Auch die Buben tanzten beide fast alles durch, trotzdem sich Robert noch vor Kurzem heftig dagegen wehrte. Er tanzt übrigens besser als Walter, der die Sache schon zwei Jahre länger betreibt. Alles in allem habe ich mich sehr gut unterhalten; sowohl beim Tanzen wie auch beim Zusehen.

Daß es Dir im Werk nach der Freiheit draußen ein wenig beengt vorkommen wird, kann ich mir denken.

Aber sag einmal, wer ist denn Herr Langhan? Zwar ist mir der Name bekannt, doch weiß ich nicht, wohin damit. Jedenfalls bin ich sehr froh, daß Du Dich so gut unterhieltest. Ist eigentlich wohl nicht der richtige Ausdruck, also besser, daß Dir solch Kunstgenuß geboten wurde. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich so sehr anders klingt als durch’s Radio, oder ob nur das die Ursache ist, daß man dem Radio nie ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Aber auch mir kam es manchmal viel schöner vor, wenn ich auch nur dem kleinen Orchester der Sonntagsschule lauschte.

„Schatten der Vergangenheit“ kenne ich aus der Rezension. Doch ist der Film traurig; wenn ich nicht irre, bis zum Ende.

Wieso gibt’s eigentlich in den bulgarischen Kirchen keine Instrumentalmusik?

Also Liebstes, in 14 Tagen darf ich Dich vielleicht schon erwarten. Wie ich mich freue, Schatz! Kannst Du’s Dir denken?

Aber weißt, ein Bild von mir hättest Du mir auch schicken können, für Schw. Huber.

Heute weiß ich eigentlich nicht, wohin ich Dir schreiben soll. Die Russeer Adresse weiß ich nicht auswendig, so ist’s vielleicht am besten, ich schreibe ins Geschäft. Da wird man Dir’s schon nachschicken.

Nun mein Lieb, auf ein baldiges Wiedersehen! Ich küsse Dich in Gedanken so viel ich kann.

Deine Gretel

Sofia, den 12.9.37

Mein süßes Weib!

Auch dieser Sonntag nähert sich seinem Ende. Es wird wohl der vorletzte sein, bis zu unserem Wiedersehen. Mein Kopf ist ein wenig benommen vom Lesen eines Romans „Die Burgkinder“ von Rud. Herzog. Er handelt aus der Zeit der Befreiungskriege und würde Dir auch gut gefallen, denn er ist recht schön geschrieben. Ich mußte mich überwinden, ihn nicht noch heute nachts auszulesen. Bis 1 Uhr war ich wach. Vorher war ich gestern im Kino und habe „Meine Tochter ist der Peter“ angesehen. Das Resultat war eine schreckliche Sehnsucht nach Daheim. Ich bin froh, daß ich bald nach Hause komme, es wird mir hier immer heimwehiger zu Mute. Und dabei bin ich doch erst einen Monat hier. Ich hab Dich so lieb, mein Liebstes, das ist die Schuld daran. Warum bin ich denn seit dem Urlaub gar so unvernünftig!?

Nach Russe will ich Mitte dieser Woche fahren. Nächste Woche noch die kleinen Arbeiten im Justizgebäude und der Nationalbank durchgehen und Donnerstag morgens (am 23.9.) von Sofia abfahren. Ich komme dann am Freitag abends in Wien Südbahnhof an. So habe ich’s vor, es kann sich aber die Zeit noch ändern.

Der heutige Tag ist wetterlich herrlich. Sonnenschein, warm, das Gebirge rein, so daß es mich schon reute, nicht hinaufgegangen zu sein.

Freitag, 17.9.

Mein Schatz! Ich danke Dir für Deinen lieben langen Brief, bin aber beschämt, daß ich diese Woche mit dem Schreiben sehr faul war. Heute an unserem Hochzeitstag denke ich viel an damals und es tut mir leid, daß ich nicht daheim sein kann. Aber ich bin jetzt so mit den Vorarbeiten beschäftigt, daß ich noch gar nicht nach Russe gekommen bin. Werde wahrscheinlich nächsten Dienstag fahren und 3 Tage dort bleiben. Es wird also doch Ende dieses Monats, bis ich wegkomme. Vielleicht am 28. oder 29.ds. Mts. Desto länger kann ich dann dort bleiben!

Lieb, im Geiste drücke ich Dich fest an mich, in Wirklichkeit gehe ich jetzt essen.

Viele, viele Busserln

Dein Robert

Wien, 15.9.1937, morgens

Mein lieber Schatz!

Wieder der erste Brief von daheim und hoffentlich der letzte, den ich vor Deinem Kommen noch schreiben muß.

Deinem Schreiben nach geht Deine Arbeit ja flott fort, so kann ich Dich ja bald wieder haben!!!

Mein Lieb, ja, ich freue mich auf die Berliner Fahrt, d.h., auf die Fahrt wohl kaum, aber auf das Beisammensein mit Dir und auf all das Neue. Und auch darauf, Leo und Heidi kennenzulernen. Mit Deinem Programm bin ich ganz einverstanden.

Allerdings meint Fritz, der gestern da war, daß auch die Firma die 60 % auf den deutschen Bahnen in Betracht ziehen werde (WENN Du überhaupt fährst, wie Fritz sagt.)

Aber er hat mir gestern alles mies gemacht. Vielleicht war er schlecht gestimmt, weil Mitzi nicht in Uttendorf bleiben will.

Mittwoch war ich noch mit Fredy in Haag beim Arzt, da sagte er mir, er vermutet, daß der Eiterherd im Knochen sitzt, weil der Daumen gar nicht kleiner wird. Man müßte das, wenn sich der Knochen nicht von selbst abstoßt, röntgenisieren und den Knochen operativ entfernen.

Samstag war ich mit dem Buben bei Dr. Pichler. Habe ihm das Obige gesagt. Aus dem Daumen stand oben bei der Öffnung etwas heraus. Pichler faßte es mit der Pincette, fragte Fredy ob’s ihm weh tue und auf die Verneinung zog er’s heraus. Es war der abgestoßene Knochen. Nun heilt seither die Wunde ziemlich rasch und die Dicke des Daumens läßt rapid nach. Auch das vorher befürchtete Steifbleiben des oberen Daumengliedes, das ist ärztlich konstatiert, ist schon behoben.

Nun machte mir gestern Fritz den Kopf voll, daß so ein Privatarzt nichts versteht und daß man nicht weiß, ob das nicht weitergreift und was macht er dann, wenn der Knochen vom unteren Glied auch zu schwüren anfängt u.s.w.

Ich denke aber doch, ich kann mich auf Dr. Pichler wie auch auf meine eigenen Augen verlassen. Auch ist ja das eingetroffen, was der draußere Arzt vorhersagte. Jedenfalls werde ich morgen nochmals mit Dr. Pichler sprechen.

Nun Schatzerl, wegen Untreue brauchst Du Dich bestimmt nicht zu sorgen, wenn Du auch noch mehr Geld verdienst. Ich denke, das kann im Gegenteil nur dazu beitragen, diverse Differenzen zwischen uns nicht aufkommen zu lassen, die sich nur aus dem zeitweiligen Geldmangel ergeben haben.

Und so ganz einsam bin ich ja nicht. Sind ja die Kinder da. Da kämst schon wieder eher Du in Frage. Aber ich weiß doch, wie brav Du bist!

Ja Kind, mit meinen Kleidern denke ich wird’s wohl ohne Anschaffung gehen, doch festere Schuhe und einen Winterhut werde ich brauchen. Sind ca. 30 S. Möchte aber damit warten bis Du hier bist, wenn Du vielleicht wirklich nicht fährst, brauche ich mindestens keinen Hut.

Bernhard war gestern hier. Olga kommt Samstag. Richard ist in Übelbach und Willi in Ungarn. Das wären die diversen Familienneuigkeiten.

Großmama ist wieder verkühlt und bei ihr muß man schließlich immer mit dem Äußersten rechnen.

Mauzi besuchte mich Montag abends. Ich glaube, sie ist schon wieder dicker geworden. Leider konnten sie mit den Rädern nicht viel machen, weil das Wetter zu schlecht war. Sie würde sich natürlich auch sehr freuen, wenn wir mitsammen eine Radpartie machen könnten.

Ja, das Naphtalin hat sich soweit gut bewährt, doch haben mir die Motten in der Zeit eine alte Hose von Werner ganz und meinen Lodenumhang halb zerfressen.

Viele Busserl und auf ein baldiges Wiedersehen! Innigst umarmt Dich

Deine Gretel

Wien, 22.9.1937

Mein lieber Schatz!

Vielen Dank für Dein liebes Schreiben vom 12.-17. War’s auch kurz, so um so lieber. Ich habe gestern nachts von Dir geträumt und wohl infolge des am Tag zuvor bekommenen Briefes, warst Du gar nicht grantig. Das ist mir im Traum überhaupt noch nicht vorgekommen.

Also Deine Ankunft in Wien verzögert sich! Eigentlich solltest Du heute schon da sein! Dann brauchte ich Dir nicht zu schreiben, sondern könnte alles mündlich erledigen. Sowohl die vielen Busserl, die ich Dir geben möchte, als auch einige and’re Angelegenheiten.

Z. Bsp. habe ich Robert und Werner zum Zahnarzt geschickt. Robert braucht nun auf einem Stockzahn eine Krone, das kostet 36 S und ich möchte es nicht machen lassen, ehe ich mit Dir gesprochen habe; ich war nämlich (Du kennst mich ja) für’s Ziehen. Olga hat mir aber einige einleuchtende Argumente dagegen angeführt, so daß ich nicht auf meinem Standpunkt beharren möchte, ohne mit Dir gesprochen zu haben.

Werner hat draußen einige Zähne bekommen, darunter zwei vordere obere Stockzähne mindestens um 4-5 Jahre zu früh. Es müssen nun sämtliche Milchzähne nochmals behandelt werden, um zu verhindern, daß auch die übrigen zu früh kommen. Sind wieder 6 Wurzelbehandlungen. Einige auch zu ziehen u.s.w. Aber darüber ist wohl nichts zu reden, das muß eben sein. Der Arzt sagt, Werner hat im Gegensatz zu den beiden anderen sehr schlechte, wahrscheinlich rachitische Zähne.

Nun aber vorläufig genug davon.

Heute bist Du noch in Russe und geht es Dir wie gewöhnlich dort gut. Deine Freunde werden sich sicher freuen.

Ich aber wollte, Du wärst schon hier! Ich habe unbändige Sehnsucht nach Dir! Denkst Du, nur Du bist so unvernünftig seit dem Urlaub? Liebstes Du, es geht uns doch beiden gleich. Und heimlich fürchte ich doch immer Dein Daheimsein, weil’s dann doppelt schwer ist, Dich zu entbehren. Besonders wenn Du lieb und gut warst, wie in der Urlaubszeit.

Freitag habe auch ich viel an uns’re Hochzeitsreise gedacht. Auch mit Robert ein wenig darüber geplaudert. Ich mußte mit ihm zur Schule wegen des freiwilligen Repetierens. Mußte eine schriftliche Erklärung abgeben, daß wir es wünschen. Auch dazu hätte man eigentlich Dich gebraucht. Ich bin ja doch immer nur Ersatz. Und wie ich schon von jeher sagte, Ersatz ist immer minderwertig.

Freitag muß ich (eigentlich auch Du) mit Fredy zum Verkehrsamt. Er muß dort eine Prüfung über die Verkehrsvorschriften ablegen; außerdem sind noch 3 S mitzubringen. Kostet uns also schon 5 S die Geschichte.

Das Geld fliegt überhaupt. Ich könnt schon wieder einmal Kragerl brauchen, so angenehm es mir sonst ist, nur meine eigene Arbeit zu haben. Für die Schule wird auch verschiedenes gebraucht, wenn auch nur Kleinigkeiten, es summiert sich. 3 Visiten bei Dr. Pichler waren auch 6 S. Und 37 S Fahrgeld.

Fredys Daumen ist jetzt zugeheilt. Pichler sagt, er ist außer Gefahr. Etwas kürzer wird er bleiben, doch sonst gebrauchsfähig.

Freitag waren wir bei Wentys. Weißt Du, das Dummste war, daß Wentys am 31. Juli heimkamen und auch von einer Reise Wentys keine Spur war. Mitte August war er sehr krank, es wurde ihm der Magen ausgepumpt, doch nur konstatiert, daß er zu wenig Magensäure hat. Er muß also auch Salzsäure nehmen.

Fritz war gestern bei mir. Die Kleine hat auch wieder eine Verdauungsgeschichte gehabt, aber sonst leuchtet ihm das volle Vaterglück aus den Augen, wenn er von ihr spricht.

’s ist eben wie überall, es wechselt Sorge und Freude, doch wiegt ja eine freudige Stunde zehn sorgenvolle auf. Außer wenn man ein ganzer Griesgram ist.

Also Schatzerl, ich freue mich auch, denn heute ist’s doch der letzte Brief vor Deinem Kommen. Eigentlich bin ich überhaupt „vorwiegend heiter“.

Nun die letzten Papierbusserln, dafür in nächster Zeit desto mehr and’re.

Innigst

Deine Grete

Sofia, den 26.9.37

Mein Liebes!

Auch dieses ist der letzte Brief! Wenn Du keine weitere Nachricht bekommst,ist meine Ankunft in Wien am Donnerstag, den 30.ds. Mts. um 20.15 am Ostbahnhof. Sollte eine Änderung sein, telegrafiere ich Dir. Nur mehr 4 Tage!

Wegen Roberts Zähnen will ich Dir, wenn die Sache schon so dringend ist, mitteilen, daß wir’s halt machen lassen müssen. Weißt, mit dem Reißen ist, wenn der Zahn noch reparierfähig ist, auch nichts gemacht, denn wenn er einmal fehlt, ist dies ein Verlust für’s Leben. Ich bewundere nur immer die Zähne von den hiesigen Leuten, das ist im allgemeinen eine Pracht.

Heute bin ich wenigstens 15 km spazierengegangen. Die Zeit ist jetzt herrlich, nicht sehr warm, doch so, daß man noch in Hemdärmeln untertags sitzen kann. Und ein Tag schöner wie der andere.

Wegen unseres Kommens habe ich an Lina geschrieben und Du wirst von ihr Post bekommen.

Hast Du schon den Paßvermerk wegen der Reise nach Deutschland? Wenn nicht, bitte besorge ihn Dir. Voraussichtlich werde ich eine Woche in Wien bleiben, so daß wir wahrscheinlich am 8. Okt.abends abfahren werden.

Meinen Koffer habe ich schon halb gepackt. Den neuen grauen Anzug nehme ich mit und lasse ihn in Wien.

Mein Schatz, diesmal ist glaube ich meine Freude grenzenlos, die letzten Tage werden wahrscheinlich recht langsam vergehen, trotz der vielen Arbeit, die ich noch erledigen muß.

Auf Wiedersehen am Bahnhof!

Viele Busserln Dir und den Buben

Robert

Wien, 10.11.1937

Mein lieber Mann!

Eigentlich erwartete ich wenigstens eine Karte von Dir mit der Mitteilung, wie es mit der Sofioter Arbeit steht. Doch da keine Nachricht kam, schreibe ich doch so.

Morgen kommt schon wieder Donnerstag - eine Woche nach Deiner Abreise. Ich hatte so viel zu tun, daß mir die Zeit recht schnell verging. Überhaupt dünkt mich die schöne miteinander verlebte Zeit wie ein längst entschwundener Traum. Und warst doch vor 7 Tagen noch da.

Manchmal, mein Lieb, denke ich, ich muß vergeh’n vor Sehnsucht. Und muß mich doch in den Alltag fügen.

Donnerstag hab ich Werners neues Röckerl fertig gemacht. Freitag angefangen, Roberts Winterrock zu richten. Aus den inneren Rocktaschen mache ich den Kragen neu. Aus dem alten Kragen hab ich Fäden zum Stoppen gemacht. Heute bin ich endlich mit der Stopperei fertig geworden. Es war ja schon sehr viel verwetzt und teilweise auch von Schaben zerfressen. Aber nun denke ich wird’s gehen.

Lilli hätte mir die Arbeit wahrscheinlich gerne abgenommen, doch umsonst wollt’ ich’s nicht und verlangt hätte sie doch wieder nichts. Sonntag nachmittag waren wir (ohne Robert) bei Wentys. Eigentlich hätte ich mich lieber niedergelegt, weil ich wahnsinnig Kopfweh hatte. Aber Trude hatte Werner abgeholt während wir andern in der Sonntagsschule waren; und Post gelassen, daß wir nachkommen sollen.

Werners Nase ist beinahe ganz gut. Ich habe sie mit Zinkpaste und Käsepappeltee ausgeheilt. Aber Fredys Fuß ist noch immer nicht gut.

Für morgen habe ich zu Roberts Geburtstag Lowaks eingeladen. Es ist gerade eine günstige Gelegenheit für ein wenig Revanche.

Auf dem Rückweg von der Bahn sah ich in einem Fenster, daß ein Notenständer zu verkaufen ist; den habe ich für Robert zum Geburtstag erstanden.

Am Montag war ich bei Werner und Fredy in der Schule. Werner ist „sehr brav“. Bei Fredy die alte Klage wegen des Schreibens. Damit hängt dann auch die Deutschnote zusammen. Robert hat auf die Rechenschularbeit ein „sehr gut“.

Sonst derzeit nichts Neues.

Nun leb wohl, mein Lieb! Leider nur viel tausend papierene Küsse von Deiner

Gretel

Montag, den 15.11.1937

Lieber Vater!

Heute habe ich Zeit zum Schreiben und ich will Dir sagen, daß heute Feiertag ist. Donnerstag, den 11.1.1937 feierten wir Geburtstag. Es waren viele Gäste bei uns. Robert bekam eine Mundharmonika, einen Hund und eine Nadel mit der Grafenkrone und ein Wappen. Alles von Lowaks.

Viele Busserl,

Dein Werner

Sofia, den 17.11.37

Mein liebes Weib!

Du wirst wohl schon recht böse sein, weil ich gar nicht schreibe, doch es ist geradezu, wie wenn mich etwas abhalten wollte, solche Unlust habe ich. Aber Du wirst doch warten und so benütze ich die Mittagszeit im Büro mich über die Schreibunlust hinwegzuzwingen.

Danke Dir für Dein liebes Schreiben.

Die Arbeiten hier gehen ganz gut, trotzdem werden wir den vorgesetzten Termin nicht halten können, weil durch andere Arbeiten (Maurer- und Marmorverlegungsarbeiten) wir nicht weiterkönnen. Das ist aber nicht unsere Schuld und spielt in puncto Strafe wegen Terminüberschreitung keine Rolle.

Auch sonst ist es, bis auf die Kälte (-5), hier wie immer. War einige Male im Kino und heute abends gehe ich in die Oper „Thais“ von Massenet. Samstag gibt es hier in einem neuen Saale ein Konzert und es ist möglich, daß ich mir dieses anhöre. Smetanas „Moldau“, Tschaikowskys 5. Symphonie und ein Klavierkonzert von einem Bulgaren, dessen Name mir aber entfallen ist.

Du siehst, es geht mir hablbwegs! Im Büro und am Bau habe ich riesig viel zu tun, so daß es meist 8 Uhr wird, bis ich wegkomme. Aber das macht mir nichts, es vergeht wenigstens die Zeit.

Auch Grütke ist hier, doch komme ich wenig mit ihm zusammen. Mehr mit Nymans; seine Frau ist Wienerin und trotzdem sie mir anfangs als Varferl vorkam, ist sie doch jetzt ganz nett. Man hat halt doch als Landsmann manches Gemeinsame, das einen den anderen Menschen näherbringt.

Ich mußte mir hier eine Brille machen lassen, weil ich meine zu Hause vergessen, gleich den Hausschuhen. Eine schwarze Hornbrille, mit der ich wie ein Professor aussehe.

Nächste Woche fahre ich nach Russe, bin neugierig, was es da Neues gibt.

Im Architektenbüro der B. N. B. wurde schon erwogen, die Arbeit während der Wintermonate einstellen zu lassen, ob es aber tatsächlich dazu kommt, weiß ich nicht.

Wir haben neuerdings die Montage des Justizministeriums begonnen, eine kleine Sache, die nur einige Monate dauern wird.

Wenn aber die Arbeit in der B. N. B. eingestellt wird, dann wäre es doch möglich, daß während einiger Monate eine Pause eintreten wird, das wäre ja herrlich!!

Von Fritz erfuhr ich, daß die Diäten für Bulgarien von 350.- auf 400.- Lewa erhöht wurden. Das würde bei mir 35.- Lewa im Tag ausmachen, auch nicht schlecht. Jedenfalls verrechne ich am Ersten schon die erhöhten Diäten = pro Monat ca S 63.-

Diesen Brief sende ich per Luftpost, damit meine Sünde etwas verringert wird. Das Formularpapier nahm ich, weil ich das Schreiben nicht nochmals verschieben will und gerade kein anderes zur Stelle ist.

Wie habt Ihr Roberts Geburtstag verbracht? Waren Lowaks bei Euch?

Lieb, wenn ich nachts in meinem Bett friere, denn es ist recht kalt da drinnen, dann denke ich oft wie schön es doch wäre, wenn ich ein bißchen zu Dir schliefen könnte. In einem Monat aber sind wir schon näher dem Wiedersehen, darum will ich nicht raunzen, sondern mich der vergangenen schönen Tage des Oktobers erinnern.

Wie gehts den Buben? Küsse sie von mir. Dich umarmt innigst

Dein Robert

Wien, 21.11.1937

Liebster!

Gestern kam nun endlich der so sehnlich erwartete Brief von Dir. Aber sonderbarerweise hat er mich kaum ruhiger gemacht.

Diese Deine Schreibunlust macht mir erst neuerlich Sorge. Fehlt Dir doch etwas, Schatz? Erst dachte ich, es ginge Dir mit der Arbeit nicht gut. Nun aber schreibst Du ja das Gegenteil. Na, aber was nützt mein ganzes Grübeln.

Bei uns ist natürlich nichts Besonderes. Robert hat auf die Stöchiometrieschularbeit sehr gut. Fredy auf einem Diktat gut. Das wäre so das Wichtigste der Woche. Im allgemeinen sind die Kinder jetzt annehmbar.

Daß Lowaks, auch Frau Lowaks Cousine, die sogenannte Komtesse, und Schmied zu Roberts Geburtstag da waren, schrieb Dir schon Werner in seinem Brief. Die Geburtstagsharmonika ist doppelseitig, hat 2 Duren und 96 Töne. Ein sehr schönes Stück. Ist von Frau Lowak und Komtesse Lilli. Das andere waren mehr scherzhafte Artikel. Brauchst Dich nicht fürchten, daß der Hund Dich bei der Heimkehr beißt. Heute ist Robert mit Lowaks in Salmannsdorf eingeladen.

Fredy und ich waren bei Wentys Werner abzuholen, der schon seit gestern dort war. Er war gestern nachmittag mit Trude in der Stöbergasse. Wentys lassen Dich recht herzlich grüßen. Von Bittner kam vor ein paar Tagen wieder ein Brief, da ein and’rer, den er Dir nach Sofia schrieb, unbestellbar zurückkam. Bitte schreibe ihm aber wirklich gleich; der Mann scheint tiefgekränkt. Außerdem hat er Familienpech. Ein Sohn ist diese Woche an Blinddarm operiert worden, der zweite hat im Jänner eine Bruchoperation. Er bittet Dich auch ihm mitzuteilen, wo er das Werk „In Feindeshand“ beziehen kann. Auch hat er Dir ein Foto der Theatergruppe mitgeschickt. Ich hätte den Brief beigelegt, doch ist er sehr schwer und meine Börse schon sehr leicht.

Der Zahnarzt hat nicht 68 sondern 76 S bekommen; heizen muß man nun schon ständig. Wir haben immer um 0 Grad. Und ich habe Schmerzen in allen Gelenken, daß ich manche Nacht nicht schlafen kann. Da hilft doch nichts besser als die Wärme.

Daß ich das Geld für Roberts Schulgeld (gescheit gesagt, gelt?) aus der Sparkasse nehmen muß, dachte ich schon, doch nun kam auch noch Richard mit Fredys Uhr. Das sind auch noch 4.50 S. Na, jedenfalls muß das von der Remuneration wieder rückgezahlt werden.

Wenn Du nun wirklich wieder mehr Diäten bekommst, ist uns das jedenfalls sehr von Nutzen.

Ich hätte ja sehr gern ein paar Schillinge verdient, doch hat auch Hansi schon seit 14 Tagen gar keine Arbeit und vermutlich bis zum Frühjahr nichts. Das ist mir auch wieder eine Sorge mehr.

Trudes Gesuche habe ich vorgestern abgesandt. Karl wie auch Lina werden wohl so lieb sein, sie weiterzubefördern.

Von Lina und Herta erhielt ich vor einer Woche einen Brief. Da er in einem Geschäftsumschlag steckte, dachte ich, er sei von Dir; so wurde mir der Brief eigentlich eine kleine Enttäuschung. Irma ist im Dienst. Herta hatte Ohrenschmerzen, schrieb aber ganz fröhlich. Beide freuten sich, daß Deine Post angekommen war, trotzdem Du nur „Aschau b/“ als Adresse schriebst. Draußen ist natürlich alles verschneit. Heute bekam ich von Schw. Kroiß einen Brief, die dasselbe schreibt.

Da wir just ein paar Tage vor Deiner Abreise vom Synchronisieren sprachen, sende ich Dir einen kurz darnach gefundenen Artikel. Auch einen anderen, der Dich vielleicht interessiert.

Nun Liebes, lasse mich bitte nicht wieder so lange warten. Mein Herz ist krank, nicht nur symbolisch sondern ernstlich. Ich glaube die letzten drei Jahre gab’s zu viel der Aufregung. Freudig wie leidvoll.

Aber ich will nicht raunzen. Mit den Kindern geht’s ja nun so leidlich und die Trennung müssen wir eben tragen. Da gibt’s eben nichts zu ändern, wenn meine Sehnsucht noch so groß und schmerzlich ist. Das sage ich mir ja immer und immer, bloß das dumme Herz will gar keine Vernunft annehmen. Aber bitte sorge wenigstens dafür, daß ich nicht täglich „Die Post“ von Schubert singen muß, wie in den vergangenen Tagen.

Nun umarme ich Dich innig und küsse Dich viel viel tausendmal,

Deine Gretel

Sag! Die Kinder würden braune Skilodenknickerbocker brauchen. Ich dachte für Weihnachten. Soll man das nicht doch unten machen lassen? Für beide natürlich enger als für Dich und für Robert ca 20 cm länger, für Fredy gleich lang, sonst wachsen sie wieder gleich d’raus. Fredy ist die Hose, die wir voriges Jahr gekauft haben, schon zu klein; hauptsächlich zu eng, so daß die Taschen häßlich auseinanderspringen.

Nun aber wirklich Schluß.

Ich küsse Dich nochmals heiß und innig.

Dein Weib

Sofia, den 25.11.37

Mein Liebstes!

Heute kam Dein lieber Brief an. Und da geht natürlich das Schreiben schon besser. Du hast mich aber auch lange warten lassen, jeden Tag abends glaubte ich, daß Post von Dir da ist. Freilich verdiene ich’s nicht anders, doch wird die alte Ordnung schon wieder kommen.

Was mir fehlt, das bist Du, mein Liebes, liebes Weib und auch die Kinder. Du brauchst darüber gar nicht zu grübeln, das läßt sich ja doch nicht ändern. Weißt, mein Schatz, früher galt mein Sehnen zum größten Teil Dir allein, aber jetzt, wo die Buben größer werden, spüre ich, wie sie mir näher kommen und oft wünsche ich sie mir her. Ich glaube auch, daß sich meine Einstellung ihnen gegenüber geändert hat. Vielleicht ist das Zusammensein mit meinen Hausleuten und der Familie für mich von Wert in dieser Beziehung.

Aber heute in einem Monat ist der erste Weihnachtsfeiertag und wir sind dann wieder beisammen. Dann ist ja wieder alles anders.

Also, mein Lieb, mach Dir wirklich keine Sorgen, daß mir sonst etwas fehlt. Es geht mir eigentlich recht gut. Am liebsten bin ich im Büro und arbeite. Außerdem halte ich bei der Firma einen Kurs über Telefonie für die Monteure und sonstigen Leute, die sich dafür interessieren. Dreimal in der Woche von 7 bis 8 Uhr. Auch bin ich viel mit Nymans beisammen, gehe manchmal in’s Kino und führe auch sonst ein ganz beschauliches Dasein. Gestern sah ich „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“, ein gutes Stück, ein wenig aufregend aber unterhaltlich. Vorige Woche war ich in „Mazepa“ von Tschaikowsky, Text von Puschkin. Das Spiel und auch die Ausstattung war gut, die Stimmen leidlich, die Musik recht gewaltig.

Nun zu Deinem Brief.

Ich freue mich über Roberts Geburtstagsfeier und auch, daß Robert bei Lowaks so beliebt ist. Natürlich habe ich auch besondere Freude über die guten Schularbeiten der Buben und auch über Werners Brief. Seine schöne Schrift wurde von den Kindern und den Großen bewundert. Frau Gatschaloff stellte sie dem Iwantscha als Muster hin. Katja, das große Mädel, lernt jetzt in der Schule Deutsch, will aber auch dummerweise nicht sprechen. Herr Gatschaloff sagte, wenn meine Buben kommen, wird sie schon sprechen.

An Bittner werde ich endlich in den nächsten Tagen schreiben. Das ist mir schon eine unangenehme Sache. Vielleicht kann ich die Sache hier bekommen, da ich ja hier mehr Beziehungen habe.

Nun, daß Du mit Deinem Herzen Beschwerden hast, ist mir wieder eine große Sorge. Kind, was machst Du denn dagegen? Freilich sind die Verhältnisse heute nicht günstig für dieses Leiden. Geh’ doch einmal zum Arzt! Damit Du weißt, was ist.

Wegen der Knickerbocker für die Kinder mußt Du mir mitteilen, aus welchem Stoff diese sein sollen (Stoffart). Ich glaube, da nimmt man Tuch dazu. Warum aber enger wie für mich, oder meinst Du nur oben? Du müßtest mir auch das Maß für oben schicken. Sind denn die 20 cm, die Roberts Hose länger sein soll, nicht zu viel? Schreibe mir darüber noch. Ob ich wohl zwei Hosen mitnehmen kann?

Meine Goiserer stehen unbenützt im Kasten. Kein Wunder bei diesem Wetter, das wir jetzt immer haben. Regen, Schnee, dann wieder Nebel wechseln sich ab. Trostlos. Den Witoscha habe ich beinahe noch nicht gesehen. In Russe soll, so schreibt mir ein Monteur, das schönste Wetter sein.

Ich soll schon so dringend dahin fahren, komme aber hier von Sofia nicht weg. Ich bin ja froh über all die Arbeit und auch die Verantwortung, ich kann mir das Leben ohne diese Aufgaben gar nicht mehr vorstellen. Ein Jahr sollten wir halt schon weiter sein. Bin doch neugierig, was dann in Wien los sein wird.

An Lina habe ich auch schon geschrieben, doch scheinen die draußen ganz eingeschneit zu sein. Es wundert mich aber, daß sie meine Karte aus Budapest doch bekommen haben, mir fiel dann ein, daß ich die Adresse nur halb geschrieben habe.

Weißt Du etwas von Fritz?

Wentys lasse ich grüßen, wenn Du hinkommen solltest.

Heute wirst Du wohl mit mir schon zufrieden sein, das heißt übermorgen, wenn Du diesen Brief bekommst. Bei uns schläft schon alles. Ich soll Dir übrigens viele Grüße von meiner Hausfrau ausrichten und daß sie sich schon freut Dich kennenzulernen.

Viele 1000 Busserln

Dein Robert

Wien, 29.11.1937

Mein einzig Lieb!

Nun will ich schnell das bißchen Vormittagsfreiheit benützen, um wenigstens zum Teil Dein liebes Schreiben, das vor zwei Stunden ankam, zu beantworten.

Daß Du auf den letzten Brief ein wenig lang warten mußtest, war wohl eine indirekte Folge Deiner Schreibunlust. Da ich Tag für Tag meine Antwort verschieben mußte, weil ja leider nichts zu beantworten war.

Nun, Schatzerl, diesmal hat mich Dein Brief wenigstens wieder froh gemacht. Wenn ich weiß, es geht Dir gut, die Arbeit freut Dich, so ist das doch die Hauptsache.

Mit unserer Sehnsucht müssen wir uns eben herumschlagen und suchen sie unterzukriegen oder vielleicht noch besser, sie als liebe Gefährtin bei uns bleiben zu lassen.

Und im übrigen sorg’ Dich nicht um mich. Meine Herzschmerzen sind nur Nervosität. Daß ich keinen organischen Fehler habe, haben mir schon einige Ärzte gesagt.

Mit Werners Nase aber will ich heute zum Doktor gehen, denn gerade wenn ich glaube jetzt ist’s ganz gut, fängt die Sache von vorne an.

Liebstes, daß Du Dich nicht allein nach mir, sondern auch nach den Buben sehnst, ist doch natürlich und freut mich sehr. Du mußt ja auch meine Liebe teilen mit den Kindern. Aber je mehr man zu lieben hat, desto größer wird wohl auch der Schatz an Liebe, den man in sich aufgespeichert trägt und von dem man ohne Maß schenken kann.

Die großen Buben werden ja im weiteren Verlauf des Lebens sich immer mehr von mir entfernen und Dir sich immer mehr nähern. Meiner Fürsorge sind sie doch bald entwachsen. Und als Männer stehen sie dann doch eher auf einer Basis mit Dir als mit mir.

Fredy hatte übrigens wieder zwei Schularbeiten. Eine in Deutsch auf gut und eine Rechenschularbeit auf „sehr gut gerechnet, aber entsetzlich geschmiert!“

Gestern als ich eben mit Robert weggehen wollte, war ein Verwandter Herrn Bittners da, um sich persönlich wegen des Apparates zu erkundigen. Also bitte nicht wieder aufschieben. Zum Mindesten schreibe doch.

Wie hältst Du den Kurs? Bulgarisch? Jedenfalls, da Deine Leute doch nicht deutsch verstehen. Ist eine sehr gute Übung für Dich.

Abends

Nachmittag war ich mit Werner beim Arzt. Es hat ihm das Wunde mit Lapis verätzt und uns eine Salbe verschrieben. Wenn’s binnen 8 Tagen nicht gut ist, müssen wir wieder kommen.

Mit Fredy Füßen ist’s eigentlich auch ein Kreuz. Nun ist die große Blase endlich geheilt, jetzt hat er kleine entzündete Blasen an und zwischen den Zehen.

Nun, Kind, natürlich habe ich nur die Taille enger gemeint bei den Hosen. Werde Dir das Maß noch genau angeben. Damit es weniger auffällt, könntest Du nur Roberts Hose braun, die Fredys grau machen lassen. Aber bitte nicht verkehrt, es ist wegen der Sweater. Stoffart ist Skiloden oder Skitrikotloden, wie Roberts letzte braune Hose, die war ja sehr gut. Ich könnte die Hosen auch selbst machen, aber gern tue ich’s nicht, wenn’s nicht unbedingt sein muß. Robert ist auch nicht sehr zufrieden mit meinem Schnitt. Er trägt jetzt die Modehose, die ich seinerzeit gemacht habe und sieht auch wirklich nicht besonders aus, aber ich denke, es ist nur weil sie ihm doch oben zu weit ist und er sie außerdem infolge ihrer Kürze so weit herunterlassen muß.

Maße:

Robert/Fredy: Taille 76/72, Hüfte 95/85, Länge 108/102.

Nun habe ich die Kinder um ihre Weihnachtswünsche gefragt und möchte ein wenig mit Dir darüber plaudern, damit ich doch weiß, was ich kaufen darf (ich denke, ich werde doch das Weihnachtsgeld bekommen, nicht?) und was nicht.

Also vom Größten zum Kleinsten:

Robert wünscht Bücher, aber auch, was ich ihm natürlich als gar nicht erfüllbar hinstellte, Deinen 6 X 9 Fotoapparat der hier ist, mit einer Agfa-Rollfilmkassette, die angeblich 8 S kostet. Eine neue Skibindung auf Deinen Skiern, da Deine nicht intakt ist. Die Bindung hat mir besonders Fredy ans Herz gelegt, wahrscheinlich weil er auf seinen Bretteln die hat, welche Robert vor zwei Jahren zu Weihnachten bekam und noch nie gebraucht hatte.

Fredy wünscht ebenfalls Bücher, aber vor allem ein Tagebuch (verschließbar) und ein Buch zur Erlernung von Jiu-Jitsu. Außerdem aber dachte ich, man könnte ihm einige Schillinge zur Eislaufen zur Verfügung stellen. Desgleichen Robert für die Brettelfahrten.

Werner wünscht sehnlich seine Bahn wieder in Ordnung (Lampen u.dergl.) und eventuell einige Ergänzungsstücke. Wenn’s geht, natürlich auch das schon lange ersehnte Korbuly-Kugelspiel.

So, das wären die Kinderwünsche. Gerechnet habe ich dabei nicht, nur einfach geschrieben.

Natürlich möchte ich von dem Geld die Schuld an die Sparkasse bezahlen und die beiden anderen Raten des Schulgeldes. Eine zu 28 S und eine zu 29.50 S.

Auch das Gradl muß heuer unbedingt gekauft werden und Strümpfe brauchen die Kinder. Die 35 S an Mutter sind zurückzuzahlen, na, u.s.w.

Schreibe mir bitte, wie weit Du mit der Aufstellung einverstanden bist. Ja, noch etwas. Werner braucht Schuhe; die von Olga gekauften werden ihm nun doch zu klein.

Na, aber Schluß der Debatte. Die kleinere Krampusbescherung wird wohl heuer auch à conto gehen müssen, weil ich gar kein eigenes Geld habe und von meinem Wirtschaftsgeld keinen Groschen erübrige. Wenn ich nicht sehr gut überlege, weiß ich die letzte Woche des Monats nie wovon zu leben. Diesmal habe ich meine alten Zähne bei Scheid verkauft, aber nur 2.60 dafür bekommen. Hätte mir Mauzi nicht gestern das Geld gebracht, könnte ich Dir morgen früh den Brief nicht schicken.

Aber nun ist’s wirklich genug. Es geht gegen 10 und ist somit Zeit, sich 45 Min, oder wieviel Du sagst, zu waschen und dann in’s Bett zu kriechen. Es ist trotz Heizens greulich kalt.

Nun Liebstes, in 4 Wochen ist schon der zweite Feiertag und ich hoffe nur nicht auch schon wieder einer der letzten Tage Deines Daheimseins.

Liebes, Süßes, wie freue ich mich auf die Feiertage. Hoffentlich geht’s nicht wieder so dumm wie vor zwei Jahren, als ich Dich auch so sehnlichst erwartete. Aber ich werde einfach gesund sein!

Das Negativ vom Brunnen kann ich beim besten Willen nicht finden. Sende Dir das Bild. Nun ist’s 11 Uhr ohne Waschen.

Viel tausend innige heiße Küsse,

Deine Gretel

30.11.

Will Dir noch schnell ein Gutenmorgenbusserl geben! Das Negativ fand ich im letzten Couvert beim Einräumen.

Sofia, den 5. Dezember 1937

Mein lieber Schatz!

Auf Deinen Brief wartete ich wieder schon sehr. Drei Tage ging ich abends vor dem Nachtmahlen nach Hause, am dritten Tag aber wurde ich doch nicht wieder enttäuscht, im Gegenteil durch so einen langen, lieben Brief belohnt.

Wie Du siehst bin ich noch immer in Sofia, die Abfahrt nach Russe hat sich verzögert, weil die Kommission noch nicht gefahren ist. Außerdem hörte ich, daß H. Schedlbauer bei der Abnahme zugegen sein will, so kann und will ich ihm da nicht zuvorkommen, weil ich nicht weiß, ob er das nicht unrichtig auffassen würde.

Nymans sind auch noch hier und wir sind eigentlich viel beisammen. Frau Nyman ist froh, daß sie jemand hat, mit dem sie sich aussprechen kann; ich glaube auch in dieser Ehe wirken sich die verschiedenen Nationen zum Teil aus, obgleich das gegenseitige Verstehen scheinbar da ist. Fr. Nyman kommt mir manchmal wie die Fini vor. Nur hat erstere mehr Allgemeinbildung. Für mich ist der Aufenthalt von Nymans sehr angenehm, weil ich Gesellschaft habe. Sie fahren voraussichtlich am Montag ab.

Für das Negativ danke ich Dir, ich ließ mir gleich eine Vergrößerung 13 X 18 machen, die sehr gut wurde. Dazu kommt noch ein Rahmen, so daß ich Euch alle hier doch wenigstens sehen kann.

Die guten Schularbeiten der Buben freuen mich sehr, eine große Beruhigung für mich hier. Wegen der Weihnachtswünsche unserer Söhne teile ich Dir mit, daß ich einverstanden bin. Mit dem Geld wird’s schon gehen. Ich habe mir im November ca S 180.- erspart, das gleiche dürfte im Dezember der Fall sein, also brauchen wir nicht so sehr knausern. Das nächste Jahr wird ja auch noch zu den fetten gehören!

Auch das Gradl wird nun endlich gekauft. Und das wünsche ich mir zu Weihnachten, daß Du Dir Deine Zähne machen läßt! Aber es ist nur schade, daß ich nicht selbst mit dem Zahnarzt reden kann, auf alle Fälle muß er Dir die so machen, daß man den Übergang nicht sieht. Da muß es doch etwas geben! Hoffentlich bist auch Du mit meinem Wunsch, als Hauptbeteiligte, einverstanden.

Es ist Sonntag vormittag und Katja will aufräumen, unser Mädchen ist fort und die Hausfrau in einem Dorf, wo sie ½ Schwein (60 kg) einkauft.

Montag.

Will den Brief absenden (Beilage ist für die 2 Großen zu Nikolo), damit Du nicht länger warten mußt. Gestern waren wir noch in Banky, einem Bad mit warmen Quellen.

Nun Lieb, in drei Wochen bin ich schon daheim.

Viele 1000 Küsse

Dein Mann.

Montag, am 6.12.1937

Lieber Vater!

Ein Zwetschkenkrampus kam zu mir
und auch ein roter Schuh,
und viele, viele Bäckerei,
und Zuckerln auch dazu.

Heute habe ich frei, weil Herr Kardinal-Erzbischof Dr. Theodor Innitzer in die Schule kommt.

Viele Busserl, Dein Werner.

Das Gedicht hat Werner selbst gemacht, nur die erste Zeile ist von mir dem Versmaß angepaßt worden.

Viele Busserln von allen Dreien. Die Großen lassen sich für die hübschen Taschentücher bedanken. Lege ein bulg. Bild bei. Es hat Frau Lowak so gut gefallen, daß sie eines möchte. Bitte wenn Du das Negativ hast, vielleicht kannst Du eine Vergrößerung machen lassen, die könnte ihr Robert zu Weihnachten schenken.

Wien, 9.12.1937

Mein Lieb!

Endlich kam wieder ein Brief von Dir! Ich hatte sehr schmerzlich darauf gewartet und auch heute schon die Hoffnung aufgegeben, doch hatte sich nur die Post um eine halbe Stunde verspätet. Gott sei Dank! Ich war schon wieder nicht ganz normal Weißt Schatzerl, bei Tag bin ich ja ziemlich vernünftig, aber die Nächte mit ihren bösen Träumen, die fürchte ich.

Na, reden wir von was G’scheiterem!

Morgen ist Sprechtag bei Robert und nachdem sich das Schreiben ohnehin wieder so hinauszog, schicke ich den Brief nun erst nach der Besprechung ab. Robert glaubt, er hat zwei Genügend, sonst durchschnittlich gut. Fredy hat genügend in Deutsch, Schreiben und Form.

Also mit den Weihnachtswünschen der Söhne bist Du einverstanden! Auch mit dem Fotoapparat für Robert? Du schreibst so in Bausch und Bogen, daß ich unsicher bin. Daß wir heuer nicht zu sehr zu knausern brauchen, ist ja meine Ansicht auch, Liebstes!

Und so sehr unvernünftig wünschen die Kinder ja nicht. Meine Zähne werde ich natürlich machen lassen, wenn Du’s schon so sehr wünschst. Es ist zwar ein teures Geschenk, aber da es für uns beide ist - -

Nun Kind, ich freue mich, daß Du bis jetzt an Nymans Dir zusagende Gesellschaft hattest. Sonderbarerweise habe ich, als Du das erste Mal Frau Nyman erwähntest, auch an Fini gedacht.

Samstag abends spielte ich in der Seidengasse den Nikolo. Und meine schriftstellerische Leistung dabei hatte ganz annehmbare Lacherfolge. Kannst Du Dir überhaupt Deine Frau als Nikolo vorstellen? Robert behauptet, ich eigne mich vorzüglich dazu.

Gestern und vorgestern las ich „An heiligen Wassern“ von Heer. Es hat mir so gut gefallen, daß ich vorgestern sogar in Bett gelesen habe bis 1 Uhr.

Montag war Richard bei mir. Diesmal sogar ziemlich lang. Er mußte mir eine Tragikomödie von seinem Sohn, dessen Braut und Anhang erzählen. Brieflich aber will ich Dir’s nicht berichten.

Dienstag kam Rosa Fink und Bernhard. Mittwoch Wentys. Du siehst, die Zeit kann mir nicht lang werden. Heute war ausnahmsweise niemand da. (Außer Herrn Schiffner, der 8 Plastrons genäht wollte.)

Richard gab ich das silberne Ketterl von Valerie mit. Es fehlt ein Stein und ich möchte es Trude zu Weihnachten geben. Ich weiß, sie hat es sehr gern. Und ich habe doch die beiden Ketten von Dir, mein Liebstes. Da brauch’ ich doch sonst nichts. Eigentlich glaube ich, ich habe die Bernsteinkette noch nie genommen oder abgenommen, ohne in Liebe Deiner zu gedenken. Allerdings tue ich das wohl auch sonst. Wie oft entschlüpft mir das Wort „Liebster“, wenn ich an Dich denke. Zum Glück nur immer leise.

Nun für heute eine recht gute Nacht! Ich hoffe auch, ich werd’ heute wieder besser schlafen als die Nächte vorher. Wenn ich Dich nur einmal lieb sähe im Traum! Ich sehne mich ja so unsinnig nach Dir!

Viele, viele Busserl.

10.12.1937

Mein einzig Lieb!

Nun ist auch der Sprechtag vorüber. Heute hab’ ich im Allgemeinen nur Gutes gehört. Dr. Zorn sagte mir „das war wenigstens g’scheit von Ihnen, daß Sie ihn freiwillig wiederholen lassen.“ Und auch Prof. Hansalik meint, der gute Grund kann ihm nur nützen für die späteren Jahre. Und Regierungsrat Hlavka hat mir heute sehr freudig gesagt: „Ach, das ist unser Gast vom 1. Jahrgang. Der ist sehr brav. Ich hoffe nur, daß sich die Sache hält durch’s ganze Jahr.“ In geom. Zeichnen hat Robert heuer sehr gut. In techn. Freihandzeichnen gut.

Nur bei Prof. Marboe ist er immer noch auf genügend. Doch hoffentlich wird auch das noch behoben. Ich denke, er hat natürlich bei dem halben Kleriker einen doppelt schweren Stand. Umso mehr muß er eben anziehen, in dem Fach.

Nun Schatzerl, denke ich, ich hab’ geschrieben genug. Wenn’s was nützen würde, möchte ich den Brief per Flugpost schicken. Aber für morgen ist’s zu spät und Montag bekommst Du den Brief ohnehin.

Nun leb’ wohl, auf Wiedersehen und Wiederküssen in 14 Tagen! Wenn unsere Korrespondenz so weitergeht, ist das vielleicht der letzte Brief. Ich hoffe, Du schreibst noch genau, wann Du kommst.

Viel, viel tausend Busserl von Deiner

Gretel

Sofia, den 13. Dezember 1937

Mein liebes Liebstes!

Wie ich eben sehe, habe ich Deinen lieben Brief im Büro in meiner Lade vergessen. Aber meine Antwort will ich trotzdem nicht hinausschieben, damit Du nicht warten mußt. Ich hatte schon Angst, daß mein letztes Schreiben nicht ankam, weil ich die Taschentücher hineintat. Ich hätte daher heute auf alle Fälle geschrieben.

Die Hosen für die Buben sind schon in Arbeit. Ich habe aber nur in Grau einen Skiloden, eigentlich Trikot bekommen, für Robert mußte ich einen wohl sehr guten braunen Stoff kaufen. Billig stellt sich die Sache aber nicht. Der Stoff kostete Lewa 740.-, das Machen Lewa 240.-, also rund S 60.- Hoffentlich sind die Buben zufrieden.

Werners Gedicht freute mich sehr und zeigt auch Veranlagung zur Poesie.

Roberts gutes Fortkommen in der Schule ist mir eine große Beruhigung hier. Ich glaube aber, daß es doch auch weiter so bleiben wird, denn durch seinen Platz in den vorderen Reihen wird der Ehrgeiz auch entwickelt, der wieder ein Ansporn ist. Ich glaube, die schlechteste Zeit bei den Buben ist schon vorbei. Und damit hoffentlich auch eine, die größte Sorge weg.

Wegen Weihnachten habe ich noch gar nicht nach Wien geschrieben. Ich will morgen erst mit H. Djakoff die ganze Arbeit besprechen und versuchen, ob ich nicht doch vielleicht im Jänner in Wien bleiben kann. Ich weiß manchmal gar nicht, wie ich es hier noch 1 ½ Jahre aushalten soll. Jetzt, wo ich das Bild von Euch habe, in Großformat, ist mir manchmal noch trauriger. Du weißt ja selbst, wie’s ist, ich brauch Dir gar nicht vorraunzen! Und will es auch gar nicht, immer bin ich ja nicht in diesem Zustande. Nur die letzten Tage waren so neblig.

Erstens sind Nymans Dienstag abgefahren, da war ich dann riesig allein, denn wenn man sich, auch nur für Wochen, aneinander gewöhnt, so spürt man’s dann, wenn das gewohnheitsmäßige Beisammensein aufhört, ganz besonders.

Zweitens ließ mich Mittwoch Danka bitten, ich möchte zu ihr kommen, sie wäre sehr krank. Ich war natürlich zuerst ein wenig erstaunt, doch dachte ich an Deine Worte in den Briefen und auch, daß Danka ohne Grund nicht nach mir schickt. So ging ich abends dahin, wohl wieder mit dem Gedanken, daß vielleicht doch irgendwie Redereien entstehen könnten. Denn im Grunde genommen ist Sofia doch noch eine Kleinstadt.

Danka leidet an einem Unterleibsleiden, Genaueres weiß ich nicht, doch hatte sie riesige Schmerzen und ist vor allem meist allein, wodurch natürlich der seelische Zustand unter solchen Verhältnissen das Leiden noch schlimmer macht. Es pflegt sie zwar ihre Hausfrau, doch die ist halt doch eine Fremde und meist nicht zu Hause. Danka mußte bis heute immer auf einer Stelle liegen, konnte von den Schmerzen auch nachts nicht schlafen, hatte, als ich hinkam, 2 Tage nichts gegessen, na, eine rechte Wirtschaft halt. Dabei war sie seelisch schon so heruntergekommen, daß sie beinahe fortwährend weinte, wie ein kleines Kind.

Nun, es ist für einen solchen Menschen schon eine Beruhigung, wenn er angehört wird. Ich kenne ja doch schon von früher ihre Verhältnisse, so daß Danka sich mir gegenüber über vieles aussprechen kann, was ihr bei anderen Menschen unmöglich ist. Ich tröstete und beruhigte sie so gut dies möglich war, redete ihr ihren Lebensüberdruß aus, schimpfte auch mit ihr, so daß sie schließlich einsehen mußte, daß sie eben die schweren Tage durchstehen muß. Heute geht es ihr schon besser, das Geschwür ging gestern nachmittags auf.

Also spielte und spiele ich noch den Samariter. Aber wie schon erwähnt, das Ganze wirkt auf mich recht deprimierend. Dafür zur Ablenkung ging ich Samstag und Sonntag ins Kino. „Das Mädchenpensionat“ war das eine, „Wenn Frauen schweigen“ das andere. Lustig, aber nicht weltbewegend.

Nun Liebes, weiß Du, was ich so die Woche hindurch treibe. Ich glaube und weiß auch, daß Dich die „Krankenwärterei“ nicht peinlich berührt. Du weißt doch, daß Du mir alles bist, und ich wollte nur, daß die paar Tage schon um wären und ich bei Dir und bei Euch sein könnte.

Übermorgen nun fahre ich bestimmt nach Russe. Herr Schedlbauer kommt nicht, also heißt es zum Abnehmen dorthin.

Wann ich nach Wien komme, weiß ich nicht ganz bestimmt. Ich will am 21. oder 22. hier wegfahren, wenn es so ausgeht. Ich werde auf alle Fälle, wenn es später werden sollte, telegrafieren.

Ob ich nun Deinen Brief beantwortet habe, weiß ich nicht, aber schreiben kannst Du mir doch noch einmal.

An Bittner habe ich schon geschrieben und werde wahrscheinlich den Apparat hier kaufen.

Das Bild ist nicht von mir sondern von H. Horky. Werde es nach Wien senden und fragen, ob er das Negativ hat.

Werner danke ich nochmals für das Gedicht und schicke ihm und den beiden schreibfauleren Söhnen viele Busserln.

Auf Wiedersehen, mein Schatz. Ich umarme Dich fest und innig.

Robert

Wien, 16.12.1937

Mein lieber Mann!

Diesmal warst Du ja sehr brav. Nun bekommst Du auch noch einen Brief vor der Heimkunft. Er wird zwar diesmal vielleicht nicht so lang werden wie sonst, denn ich hab’ noch ziemlich viel zu tun vor den Feiertagen.

Habe für Werner einen Mantelstoff gekauft, denn der grüne Mantel ist schon sehr schlecht. Der Bub weiß noch nichts. Ich will ihn ohne Probe nähen.

Montag war ich beim Zahnarzt. Und nun bitte erwarte nicht mich schon ausgetauscht zu finden. Dr. Pick meint nämlich, wenn man die Zähne mit dem gewöhnlichen Material macht (120 S), werden sie wieder nicht schön sein, weil meine Oberlippe so kurz ist. Doch gibt es anderes Material, das bedeutend natürlicher wirkt. doch kostet das um ca 100 S mehr. Ich sagte ihm nun, ich werde abwarten bis Du kommst. Fredy meint, das Beste ist ich bleibe wie ich bin, es ist schade um das viele Geld. Ganz MEIN Sohn, gelt? Robert ist natürlich gegenteiliger Ansicht. Er ist eben DEIN Sohn. Na ich glaube Schatz, wir werden uns noch in Güte einigen.

Nun zu Deinem Brief. Daß Du Danka nicht umsonst auf Dich warten ließest, ist wohl nur menschliche Pflicht gewesen. Das Mädel tut mir ja selbst leid. Aber wer kommt denn in Frage bei dem „Gerede“? Und die Hauptsache, wenn Sofia wirklich so kleinstädtisch ist, schadet es Dankas Ruf? Daß es Dir schadet, kann ich mir ja doch nicht denken. Also laß sie reden, schweig fein still und tröste Danka weiter, bis sie wieder vernünftig wird.

Nun hab’ ich ein wenig unterbrochen, um dem Lustspiel des Monats zu lauschen. Es war wieder einmal sehr gut. Nur, na Du wirst Dich wundern, wie wunderbar der Apparat geht. Wir hören nur in äußersten Ausnahmsfällen. Wenn’s die Kinder gerade gar zu gerne wollen.

Sag einmal, Schatz, hast Du Stör angewiesen mir 300 S zu schicken? Wenn ich da meine Zähne bis Weihnachten bekommen hätte, sähe die Rechnung so aus: 130 S Schulgeld und Schuld Großmama, 120 S Zähne, ca. 30 S Gradl, bleiben 20 S für Geschenke, Mehrauslagen für die Feiertage und Dein Hiersein u.s.w.

Na, ich kaufe eben jetzt was ich brauche und werde dann mit Dir verrechnen.

Denk’ Dir, heute wollte mir der Gaskassier um 20 m3 mehr rechnen als ich brauchte.

Robert hat heute Wandertag gehabt. Sie waren per Autobus im Burgenland. Preis 6 S.

Die Hosen sind eigentlich wirklich teuer, aber hoffentlich wenigstens gut. Wegen Werners Eisenbahn werde ich warten bis Du kommst; wenn Du ohnehin schon am 21. od. 22. wegfahren willst. Kannst Du dann nicht abkommen, kann ich die Sachen immer noch kaufen.

Ja, noch etwas. Von München ist negative Antwort an Trude gekommen. Man hat sie aber für den Bedarfsfall vorgemerkt.

Na, der Brief ist doch wieder lang genug. Ich möchte Dir eben immer alles erzählen.

Für den Christtag habe ich Wentys unseren Besuch zugesagt, vorausgesetzt, daß Du einwilligst. Es soll ein musikalischer Abend werden. Am 26. kommen Wentys dann zu uns. Na, mir ist die Hauptsache, daß DU da sein wirst. Ich freue mich doch schon so sehr. Ich glaube, ich werde Dich totdrücken.

Für heute viel, viel tausend Busserl von Deinem

Weib

17.12., morgens

Draußen liegt Schnee. Es ist alles wie verzuckert. Ja, daß ich bei meinen Einkäufen nicht verschwenden werde, weißt Du doch!

In inniger Liebe,

Deine Gretel


[nach oben] [Lebenslauf] [Urlaube] [1920] [1921] [1923] [1925] [1926] [1928] [1929] [1930] [1931] [1932] [1934] [1935] [1936] [1937] [1938] [1939] [1940] [1941] [1942]




Wir freuen uns über Ihre Kommentare, bitte senden Sie sie an Paul Schröfl (pauli schroefl.com). Die Benutzung dieser Web Site basiert auf unseren Benutzungsbedingungen. © 1990 - 2022 Paul Schröfl, Lisl Schröfl, alle Rechte vorbehalten. Letzte Änderungen am 7. Dezember 2021