Grete Schröfl - Robert Schröfl: Korrespondenz


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Weidlingau, 20.2.1935

Mein Liebstes!

Habe ich auch Deine Adresse nicht, so möchte ich doch ein wenig mit Dir plaudern. Lieb, ich bin ganz tapfer und habe noch gar kein Mal geweint. Schon als wir zur Bahn fuhren, dachte ich, es sei doch um vieles besser, als z. B. im Jahre 1914, als man gar nicht wußte, ob man Dich ĂŒberhaupt wiedersehen werde.

Nun verbringst Du heute schon die zweite Nacht in Sofia (bist vielleicht sogar schon im Bett)! Ich bin schon neugierig auf Deinen Reisebericht. Zu Hause geht alles den gewohnten Gang. Die Kinder sind weder schlimmer noch braver. Die Großen sind noch nicht aus dem Theater zurĂŒck; der Kleine schlĂ€ft schon. Schon in seinem neuen Bett. Rudolf brachte es gestern herĂŒber und Robert half mir beim Aufstellen. Es kostet (Matratzen inbegriffen) 50 S, zahlbar irgendwann. Es ist dies die HĂ€lfte des Neupreises.

Montag kam ich erst um dreiviertel Vier heim, obwohl ich nicht bei Wentys war. Ich schlenderte langsam ĂŒber GĂŒrtel, Favoritenstraße u.s.w. bis zur Mutter. In der Favoritenstraße kaufte ich Fredy eine neue Mundharmonika. Es ist eine Konzertharmonika von großartigem Klang, D-Dur. Sie ist wohl kleiner als die andere, hat aber bei jeder Öffnung zwei Töne. Fredy ist ganz begeistert davon. Preis 3.50 anstatt 4.50 (angeschrieben).

Die 50 S Schuld habe ich Mutter natĂŒrlich nicht bezahlt, da ich ja nur insgesamt 50 S habe. Es ist also derzeit 100 S Schuld vorhanden, natĂŒrlich auch als Gegenposten, das Bett.

Da es gestern und heute sehr schön und warm war, trotz morgendlichem Frost, ließ ich Werner hinausgehen. Wir waren gestern miteinander im Consum und haben dann draußen Äpfel geschĂ€lt. Heute machte ich draußen aus Olgas Tuchent, die als solche sowohl der Schwere wegen, als auch wegen des schlechten Inletts nicht brauchbar war, 2 Polster. In Ermangelung von Inlett verwendete ich den starken Molino, innen fest mit trockener Seife ausgestrichen. So konnte Werner wieder lĂ€ngere Zeit in der Sonne sein. Wenn er allein ist, fĂŒrchtet er den Hund, die Flora.

Ja, also um weiterzukommen mit Montag. Ich kam um 10 Uhr zu Mutter, plauderte bis halb 12; dann ging ich mit Trude zu Gerngroß und Falnbigl, und als wir um 1 Uhr zurĂŒckkamen, ging ich zu Steffi. Erstens weil ich Zeit hatte, zweitens weil ich Fleckerln wollte, um die Decke, die wir im Bett haben, einer Reparatur zu unterziehen. So wurde es 2 Uhr. Und mit Mittagessen und nochmaligem Geplauder verging die restliche Stunde.

Die Kinder sind nun schon eine halbe Stunde da. Es hat ihnen natĂŒrlich sehr gut gefallen.

Gute Nacht, mein sĂŒĂŸes Lieb! Und ruhe Dich ordentlich aus!

22.2. Heute erhielten wir Deine lb. Karte aus Belgrad auf Umweg ĂŒber Weidling. Du wirst doch Hadersdorf dazuschreiben mĂŒssen.

Rudolfs sind heute um 5 Uhr glĂŒcklich mit dem Packen fertig geworden. Mitzi hat mir noch einen weißen Anzug von Rudolf gebracht. Doch ist es eben eine MilitĂ€rbluse, so daß ich nicht weiß, ob ich’s Dir schicken soll. Passen wĂŒrde Dir der ganze Anzug, nach meinem GutdĂŒnken. Der Rock ist genau so weit, wie Dein Schafwolljanker.

Heute war ich bei Söllingers. Sie sind seit vorgestern auf. Auch Emil hatte die Seuche noch erfaßt. Es blieb also bloß Grete verschont. Bei Söllinger kostet ein weißer Anzug, Sacco und Hose, 28 S. Bitte, schreibe mir darĂŒber.

Gestern war ich mit Werner bei Dr. Allmeder, der es sehr bedauert, die Schröfls (Rudolfs und uns) als gute Kunden zu verlieren. Von dort gingen wir dann gleich zu Spiegel. Nun sind wir noch fĂŒr Dienstag zum Abschleifen bestellt. Dann wird doch endlich Schluß werden. Aus einem Celluloidkopf, den wir auch von Mitzi hatten und der ehemals eine GlĂŒhbirne beherbergte, machte ich Werner gestern eine Puppe. Ich habe zwar den ganzen Tag damit verbandelt, aber Werner hat eine Riesenfreude damit, was mir die Zeit ja reichlich aufwiegt. Gestern war Bernhard da. Er hat mit Herrn Zach noch immer nicht gesprochen.

Nun, Liebstes, kĂŒsse ich Dich recht, recht innig! Ich sehne mich ja doch so nach Dir, auch ohne TrĂ€nen.

Deine Gretel

25.2.1935

Eigentlich wollte ich Dir gestern schreiben, doch war ich in solch einer Verfassung, daß ich’s lieber sein ließ. Morgens kamen die so lange zurĂŒckgedĂ€mmten TrĂ€nen zum Durchbruch. Darnach hatte ich bis nachts furchtbare Kopfschmerzen.

Vor einer Stunde bekam ich endlich Deinen Brief aus Sofia. Bin schon froh, daß ich endlich Deine Adresse habe, mein Liebes!

Eben ist Olga gekommen. Ich habe ihr gleich Deinen Brief vorgelesen. Hansi war gestern da, heute morgens haben wir sie nach Mariabrunn begleitet. Wir haben nĂ€mlich WĂ€rme und Sonnenschein wie im FrĂŒhling. Bernhard hat Herrn Zach noch nicht getroffen, wird ihn aber aufsuchen. Ich wĂ€re jetzt schon wirklich froh, wenn man endlich Gewißheit hĂ€tte, was wird.

Hansi sagte mir auch wieder von einer Wohnung. Aber beinahe in Mauer und 100 S Zins. Ist, wie sie ja gleich selbst sagt, nichts.

Weißt Du, daß ich gestern nach langer Zeit wieder einmal Geige spielte?

Werner hat Dir schon vor Tagen einen Brief geschrieben mit einem Bild, doch hat es scheinbar jemand weggeworfen.

Nun fĂŒr heute sei innig umarmt und gekĂŒĂŸt

von Deiner Gretel

Sofia, den 22.2.1935

Meine Lieben!

Nun aber ist es höchste Zeit, ĂŒber meine Fahrt zu berichten. Und dies auch gleich in duplo zu tun und die Durchschrift nach Kritzendorf senden.

Also, nach dem schnellen Abschied, als Ihr beide hinter der ZugskrĂŒmmung verschwunden wart, da saß ich in meiner gepolsterten Ecke und es kam mir erst recht zur Besinnung, wie weit und lang wir nun von einander getrennt sein werden. So saß und spintisierte ich, bis der Schaffner kam und mich aus meinem Sinnen aufmunterte. Das erste war, daß ich meine Karte nicht fand. Wieso die in meine Hosentasche kam, weiß ich nicht. Nun, immerhin wurde ich abgelenkt. Draußen schien die Sonne, im Westen sah man die Alpenkette, im Osten die Ebene, da freute mich auf einmal das Fahren wieder. Nach Bruck zog ein Schwarm SchneegĂ€nse schnatternd nach Norden. An der ungarischen Grenze ging’s ganz gemĂŒtlich zu. Das GepĂ€ck wurde gar nicht angesehen. Wachleute, die ganz sonderbare Helme, wie aus der Zeit Attilas, haben (Skythenhelme), stehen am Bahnhof Wache. Von der Grenze ging’s nun bis Budapest elektrisch. Die Gegend nahm allmĂ€hlich einen bergigen Charakter an. Bei Györ, einer Industriestadt, fuhren wir ein StĂŒck entlang der Donau. Möwen waren dort in Menge, kreischten und schwammen im Wasser. Berge in der Höhe des Wienerwaldes kamen immer nĂ€her und bald schlĂ€ngelte sich pustend der Zug zwischen TĂ€lern hindurch, vorbei an einem großen Portland-Cement- und Carbidwerk, bis die Höhe erreicht wurde, von wo man schon einen Ausblick auf die Ofener Burg und die Berge der Budapester Umgebung hatte. Nach dem Anhalten im Budapester „HĂŒtteldorf-Hacking“ ging’s dem Hauptbahnhof zu, wo ca.5/4 Stunden Aufenthalt ist. Gerade Zeit zum Essen. Ich wechselte nun meine Schillinge um, am Bahnhofseingang ist eine Wechselstelle, und kaufte mir ein Mittagessen um 2 Pengö. Bei meinem GepĂ€ck paßte ein GepĂ€ckstrĂ€ger auf, dem ich 1 Pengö gab. Ich schreibe dies, damit sich Fritz danach richten kann. WĂ€hrend der ganzen Fahrt ab Wien hatte ich herrlichen Sonnenschein, der auch nach Budapest anhielt.

Die Gegend wurde immer flacher und öder. Hie und da leuchtete eine kalkgetĂŒnchte HĂŒtte mit dem ĂŒblichen Ziehbrunnen aus der Steppe. Große Teile des Ackerlandes waren ĂŒberschwemmt, die Straßen teilweise unter Wasser. Dörfer, die aussahen wie zusammengestellte Strohhaufen, zogen vorbei. Der Zug hielt bis zur Grenze einige Male, man bekam ein paar neue Gesichter zu sehen, sonst war nichts Neues. An der Grenze um Ÿ 5 Uhr wieder die bespitzen Wachleute, eine Revision wegen Valuten. Der Zug wurde ein paar Mal hin und her geschoben und dann ĂŒber die jugoslawische Grenze. Diese ist mit einer ganz neuen improvisierten Station und einer großen Tafel „Jugoslawien“ gekennzeichnet, die wahrscheinlich erst jetzt wegen der Zwistigkeiten errichtet wurde. In Subotnica war große Durchsuchung des Wagens. Die Sitze wurden ausgehoben, die Polsterung mit Nadeln durchstochen, alle ungarischen Drucksachen konfisziert. Nach einem einstĂŒndigen Aufenthalt ging’s nun aber erst recht durch die Puszta. Der Schnee, der ab Wien durch ganz Ungarn beinahe ganz verschwunden war, nahm jetzt zu und bald fuhr der Zug bei schöner Vollmondnacht durch eine Winterlandschaft. Endlich kamen wieder HĂŒgel, dann Berge, ĂŒber eine ziemlich große BrĂŒcke kamen wir nach Novisad. Immer höher klettert die Bahn, Tunnels werden durchfahren, dann geht’s schnell bergab. Nach einer Zeit sieht man Lichter, zuerst ein paar, dann immer mehr, bis bei Semlin ganz Belgrad im Lichtermeer erglĂ€nzt. Es ist dies ein wunderschöner Anblick. Wir ĂŒberfahren die Donau, in der sich die Stadt spiegelt. Hier bleibt der Zug ca. 2 Stunden stehen. Auf dem Bahnhof stehen 2 Kolonnen Zivilgefangener unter MilitĂ€rbewachung. Ich fragte wohl, konnte aber nicht herausbekommen, was mit ihnen los ist. Von Belgrad bis Nisch konnte ich fein schlafen. Ab Nisch ging’s wieder durch Hochgebirge, herrlich im Mondenschein. Alles hoch mit Schnee bedeckt. SpĂ€ter weitet sich das Tal, die Berge bleiben wohl hoch, aber mugelartig. Dörfer mit grauen und braunen LehmhĂŒtten sind da, der Zug fĂ€hrt jetzt entlang eines Flusses, es wird immer heller und auf einmal ĂŒberziehen sich die Spitzen der Schneeberge mit einem rosigen Schimmer. Auf den HĂ€ngen des Gebirges sieht man zuerst einzelne HĂ€user, angeklebt, dann Dörfer und schließlich fahren wir in Pirot ein. Pirot liegt sehr hĂŒbsch, das sieht man erst nach der Ausfahrt, an einer Talgabelung, umgeben von schneebedeckten Berggipfeln. In der aufgehenden Sonne ein schönes Bild.

Wir passieren die serbische Grenze. Auf einem Berggipfel sieht man Posten auf serbischer Seite, ein Drahtverhau von ca. 4 m Breite geht entlang der Grenze. Vor der Grenze kam noch die letzte serbische Stadt Caribrod, wo eine leichte Revision war. Auch die bulgarische Zollrevision war ohne Schwierigkeiten. Nur bitte Fritz, man soll dort sein ReisegepĂ€ck nachsehen lassen. Ich tat dies nicht, weil ich’s nicht wußte und hatte dann hier Schwierigkeiten.

Mein Liebes! Nun habe ich mich schon ein bißchen eingewöhnt. Zwar ist’s sehr einsam, doch gibt’s viel Neues hier zu sehen, was natĂŒrlich ablenkt. Hier ist’s schon sehr orientalisch. Aber davon will ich ja spĂ€ter berichten.

Es kĂŒĂŸt Dich und die Kinder innigst

Dein Robert.

Sofia, den 27.2.1935

GrĂŒĂŸ Euch Gott, alle miteinander!

Nun ist höchste Zeit, daß ich fortsetze. In Sofia angekommen - vor der Einfahrt begrĂŒĂŸte uns ein Aeroplan, der, Kufen statt RĂ€der, auf dem Schneefeld aufstieg und uns winkend ein StĂŒck, beinahe bis zum Bahnhof, begleitete - war natĂŒrlich niemand am Bahnhof, also ging ich ĂŒber die LöwenbrĂŒcke und fragte dort einen Wachmann: „Gde je zariza joanna?“ Der Wachmann, eineinhalb mal so groß wie ich, klappte die Fersen zusammen und fragte mich in Habtachtstellung, ob ich zu Fuß gehen will oder mit der Elektrischen fahren, die eben kam. Ich zog letzteres vor, bedankte mich ebenso höflich und stieg, natĂŒrlich erst von der verkehrten Seite, da man hier rechts fĂ€hrt, ein. Das Kartenlösen ging auch ganz gut und wir fuhren nun die „Maria Luise“, eine der grĂ¶ĂŸten Straßen, vorbei an der Moschee ins T. B. Bei Herrn Siefers nahm ich mir gleich meine DiĂ€ten fĂŒr Feber, er telefonierte Herrn Nikoloff, der mich abholte und zugleich Essen fĂŒhrte. Das Lokal heißt II. Tschertscherliga und ist am Boulevard Dondubow Nr 26. Es ist jedoch am besten, wenn Ihr ankommt, Ihr nehmt am Bahnhof ein Auto und fahrt direkt ins „Kommerzial“. Dort kostet ein Zimmer mit 2 Betten 150 - 200 Lw, dazu kommen noch die 10 %. Das Auto kostet 60 Lw.

Beim Essen trafen wir H. GrĂŒtke, privat auch KĂ€p’ten genannt, ein Ă€ußerst lieber Ă€lterer Herr mit immer freundlichem Gesicht und GemĂŒt. In der Montageabteilung mit schönen RĂ€umen, lernte ich H. Ritter kennen, und ich muß sagen, daß auch er mir immer sympathischer wird. Da er noch kein Fernamt gebaut hat, können wir uns gegenseitig ergĂ€nzen. Abends, hier wird bis halb 7 Uhr gearbeitet, schaute ich mir nun die Stadt, so weit es im Finsteren möglich war, an. Da ich noch Bischofsbrot hatte, kaufte ich mir eine Orange (6-8 Lw, sie sind jetzt sehr teuer) und legte mich schlafen. Das ist aber nicht ganz wahr, denn Niko und ich fuhren noch auf die Bahn und holten das GepĂ€ck (Auto 100 Lw) und dann ins Hotel (Zimmer 100 Lw).

Hier gibt natĂŒrlich allerlei Welt. Die Damen, meist im Pelz, fast durchwegs mit roten Lippen und greulich gefĂ€rbten roten FingernĂ€geln, daneben tĂŒrkische Frauen in weiten Hosen, Zigeunerweiber mit zerfetzten Lumpen, die hier gekennzeichneten Dienstboten (sie mĂŒssen alle, auch wenn sie alt sind, Zöpfe tragen). Die MĂ€nner, EuropĂ€er, TĂŒrken, Zigeuner, Mazedonier, VerkĂ€ufer, alle schreiend ihre Waren anpreisend.

Verschiedene Preise: Schuhputzen 5 Lw, Tee 2 Lw, 1 Wecken Brot (Âœ kg) 3 Lw, 1 Huhn 28-35 Lw, 1 kg Zucker 28 Lw, 1 kg Äpfel (gute) 14-16 Lw, ausgelöste NĂŒsse kg 40 Lw, Keks kg 40 Lw, 1 Ei 1.50 Lw, Âœ l Wein 8 Lw, 1 Seitl Bier 7 Lw, Mittagessen 30-40 Lw, 1 Ansichtskarte 3 Lw, Marke fĂŒr Karte 4 Lw, fĂŒr Brief 7 Lw, Topfen kg 24 Lw.

Es gibt hier eine große Markthalle, wo man auch um 9 Uhr abends alles zu kaufen bekommt. Am meisten imponieren mir da die Fische und es erinnert mich der Fischstand immer an ein GemĂ€lde von einem HollĂ€nder in unserem Naturhistorischen Museum. Vor einer Woche, heute schaut’s ganz anders aus, weil wir ein paar Tage Sonnenschein hatten, war auf den Straßen und Gehsteigen noch viel Eis, das bei Tage immer taute, morgens jedoch wieder fest gefroren war. Sofia ist trotz der hohen Lage eine sehr nebelige Stadt. Und dabei rußig, weil man hier sehr schlechte Kohle verheizt. Die Berge sind bis Sonntag ĂŒberhaupt nicht zu sehen gewesen, darum kann ich mich auch nicht erinnern, wie ich im 14er Jahr durch Sofia fuhr. Aber dafĂŒr war Samstag ein herrlicher Tag, als ich abends spazieren ging, sah ich auf einmal oberhalb der Moschee den Schneegipfel herausschauen. Da zog es mich aber gewaltig dorthin und ich ging noch zu Fuß so weit, daß ich den ganzen Gebirgsblock sehen konnte. Und weil das so herrlich war, faßte ich den Entschluß, Sonntag so weit als möglich da hinauf. Der Zufall wollte es, daß ich abends bei Tisch einen Lehrer der deutschen Schule kennen lernte, der mir einen Weg sagte. Sonntag, als ich erwachte, regnete es, aber um halb 9 wurde es leichter und so fuhr ich mit der Straßenbahn (Nr.5) nach Kinaschato (6 Lw), von wo man, wenn man will, bequem aufsteigen kann. Ich aber wollte ein wenig mehr machen und stieg entlang einer Telegraphenleitung, die zu einer SchutzhĂŒtte fĂŒhrt, bergan. Das letzte StĂŒck war, weil der halb bis dreiviertel Meter tiefe Schnee in der Mittagssonne weich wurde und die Steigung ca. 40% war, ein Schinder, aber oben war’s dann herrlich. So weit man rundum sehen konnte, Bergspitze an Bergspitze, alle mit Schnee bedeckt. Unten, wieder im Nebel, die Stadt.

Leider aber dauerte diese Schönheit nicht lange. Vom Westen her kam ein Sturm, Nebel und Regen, so daß ich noch Ÿ Stunden von der HĂŒtte entfernt, umkehrte. Abends um 5 Uhr war ich wieder zurĂŒck. Ganz gemacht habe ich ihn nicht, den Vilir, aber ca 1500 m war ich doch hoch (Fortsetzung folgt).

Mein Liebes! Heute habe ich Deinen lieben ersten Brief bekommen, Nun, Du kannst Dir ja denken, mit welcher Freude. Eigentlich bin ich froh, daß ich nĂ€chste Woche wahrscheinlich weiterfahre, denn das Neue, was man hier noch sehen kann, wirkt nicht mehr. Ich denke doch sehr viel an Euch. Gerade den Tag, wo Du mich im Bette wĂ€hntest, war ich mit den bulgarischen Herren drahn. Bin erst um halb 2 nach Hause gekommen. Nun, gefreut hat’s mich den anderen Tag nicht.

Nun, die 50 S fĂŒr das Bett sind wohl nicht besonders billig. Aber auch gut! Ich werde mir diesen Monat ca 90 S ersparen, fĂŒr 10 Tage wohl ganz schön, da ich außerdem fĂŒr das Zimmer viel zahle. Dann will ich 30 S (500 Lw) an Vorschuß rĂŒckzahlen. Es wird also doch gehen, daß ich mir in Russe ca. 200 S pro Monat sparen kann.

Wegen der Wohnung wird sich schon etwas finden, muß sich ja, nicht?

Schreib recht viel, mein Schatz! Viele Busserln an die Kinder und viele, viele Dir.

Dein Robert.

Weidlingau, 27.2.1935

Mein lieber Mann!

Heute war Bernhard mit einer neuen Wohnungsnachricht hier. Es ist in HĂŒtteldorf eine Wohnung frei, 2 Zimmer, Vorzimmer, eine kleine KĂŒche, eine große Terrasse und BenĂŒtzung eines großen Gartens. Es ist das Haus vor der Schule bei der Endstation HĂŒtteldorf. Das wirst Du ja wahrscheinlich kennen. Es war einstmals ein Schloß.

Ich werde mir die Sache morgen mit Bernhard ansehen. Soweit wĂ€re mir ja alles sympathisch, doch kostet es eine Ablöse von 2000 S und 45 S Zins. Ich finde das eigentlich ein wenig viel. Andererseits muß man wieder in Betracht ziehen, daß wir mit den Kindern nicht so leicht etwas Passendes finden werden, wĂ€hrend man dort mit den drei Kindern einverstanden ist. Immerhin ein gewaltiger Vorteil.

Ich werde natĂŒrlich versuchen, die Entscheidung hinauszuschieben, bis ich von Dir Antwort habe. Morgen schreibe ich Dir dann meine eigenen EindrĂŒcke. Ich weiß ja noch nichts ĂŒber Wasser, Closet, WaschkĂŒche, Boden und Keller.

Unsere Neueinrichtung wĂŒrde natĂŒrlich auf’s Unbestimmte hinausgeschoben. Auf jeden Fall werde ich Samstag gleich mit Fritz sprechen. Ja, noch etwas: Olga erfuhr von der Sache durch Schwarzböck, deren Nichte in den vorderen Trakt des Hauses einzieht, wĂ€hrend die Fenster unserer Wohnung alle in den Garten gehen. Mir sehr angenehm. Schwarzböcks bezahlen momentan 1500 S und 500 S lassen sie in den Zins einrechnen. Das kann man nĂ€mlich auch, die Ablöse in den Zins einbeziehen lassen, mit 8% Verzinsung.

Gestern war Rommel hier. Er hatte geschĂ€ftlich in der Herzmansky- Stiftung zu tun. Den Römerziegel hat Herr Wassermann umsonst bekommen. Da bleiben noch alle 120 S fĂŒr BĂŒcher ĂŒbrig. Auch von einem Telegramm von Dir erzĂ€hlte er etwas, das nicht angekommen ist.

Sag, was ist mit dem neuen Pensionsversicherungsgesetz? Fritz erzĂ€hlte nĂ€mlich auch, daß wir darnach eine verschwindend kleine Pension bekommen. Doch sind wir da irgendwie in ein anderes Fahrwasser gelangt, so daß ich gar nichts weiß.

Nun, recht viele Gutenachtbusserln! HĂ€tt’ ich Dich lieber da, mein Schatz!

28.2.1935.

Mein lieber Robert! Heute hÀtte ich Dich eigentlich noch lieber da! War mit Bernhard die Wohnung ansehen und war so gar nicht befriedigt davon. Sie ist mir nÀmlich viel zu klein. Wahrscheinlich sehr zu Olgas EnttÀuschung, denn sie ist laut Bernhards Aussage ganz vernarrt in die Wohnung und wird Deine Entscheidung kaum erwarten können. Ich habe mich jedoch in keiner Weise gebunden und selbstverstÀndlich auch dem Baumeister volle Freiheit zur Vermietung gelassen.

Die VorzĂŒge, die ich Dir gestern beschrieb (Garten und Kinderfreundlichkeit), besitzt die Wohnung wohl noch. Aber wenn doch wenigstens ein Zimmer normal groß wĂ€re. Aber ich denke, die Skizze, die ich Dir beilege, stimmt. Der Baumeister selbst gab mir zur Orientierung ĂŒber die Breite an, daß im zweiten Zimmer rĂŒckwĂ€rts (ich zeichne es ein) zwei Betten und daneben auch noch zwei Nachtkastln stehen können und „da kann man noch die TĂŒr aufmachen“. Also just so breit, als ich es schĂ€tzte, als ich vorher mit Bernhard beim Fenster hineinschaute. Das Kleinste aber, ganz abgesehen vom Vorzimmer, das ein durch 4 TĂŒren begrenzter Quadratmeter ist, ist die KĂŒche. WĂŒrde ich in die eine Nische den KĂŒchenkasten stellen, in die zweite den Herd, so bliebe höchstens vor dem Fenster noch Platz fĂŒr die Abwasch, und unter der Wasserleitung fĂŒr ein kleines Waschstockerl. Dann dĂŒrften aber schon kaum mehr als 2 Leute drinnenstehen, um sich noch um die eigene Achse drehen zu können. Werde nun vorlĂ€ufig doch nicht mit Fritz sprechen, denn wenn Dir nicht sehr daran gelegen ist, lehne ich die Wohnung ab. Ich denke, wir kĂ€men in puncto Raum vom Regen in die Traufe.

Nun leb wohl! Vielleicht schreibe ich noch etwas dazu. Viele Busserl

Gretel.

Lieber Vater! Heute hatten wir Rechenschularbeit, die gut ausgefallen ist. Gestern bin ich viel radgefahren, weil es schön war, und ich es mir am Montag geholt habe. Wenn Samstag schönes Wetter ist, so fahren Robert und ich mit den RÀdern nach Wien. Der Werner will eine kleine Bulgarin und Du sollst ihm eine mitbringen. Die zwei Karten, die Du dem Werner und dem Robert geschrieben hast, sind heute angekommen. Bitte schicke mir eine Ansicht von einer Kirche. Viele Busserln, Fredi.

LIEBER VATER ICH SCHICKE DIR VIELE BUSSERL.

WERNER

3.3.1935

Mein lieber Mann!

Die Abschickung des Briefes hat sich gewaltig verzögert. Habe gestern noch mit Fritz und Fini gesprochen und erfahren, daß nach Deinem Abgang noch kollossale Verwicklungen im GeschĂ€ft entstanden sind. Gegen die Wohnung ist Fritz gleich mir. Er meint, ich soll Dir den Brief gar nicht schicken; ich tu’s aber doch.

Heute kommt Hansl in Wien an. Sucht natĂŒrlich auch eine Wohnung, Arbeit wird er bei der Post bekommen, durch seinen zukĂŒnftigen Schwager.

Heute vor 14 Tagen sind wir noch alle zusammengewesen. Heute bin ich lieber aufgestanden, ehe alle wach waren, sonst wĂ€re ich wahrscheinlich in dieselbe Stimmung geraten, wie vorigen Sonntag. Und es heißt doch ZĂ€hne zusammenbeißen und durchhalten, wenn’s auch noch so schwer geht.

Hatte mich beim ersten Brief auf der Post erkundigt, wieviel Porto ist, doch hab ich seither erfahren, daß es wahrscheinlich nicht stimmt.

Das Geld hatte ich bis gestern nicht bekommen, so hab ich Fritz telefoniert, daß er sich erkundigen soll, ob es schon abgeschickt ist. Er hat mir’s dann mitgebracht, nachdem man die Absicht hatte, es erst Montag abzuschicken. Die 50 S an Mutter hab ich gestern bezahlt. Das Bett möchte ich auch erledigen. 75 S von gestern und 33 S werden mir nach Eingang des Krankenkassenbetrags von dem Betrag bleiben, den Du mir hiergelassen hast. Genauere Abrechnung folgt.

Viele, viele Busserln,

Deine Gretel.

Weidlingau, 6.3.1935

Du, mein Lieb!

Vorgestern erhielt ich Deinen zweiten Brief, heute kam die Karte an Fredy. Wir danken Dir beide herzlich. Es ist ja immer solche Freude, Schatz, wenn etwas von Vater kommt.

Also, wie es scheint, ist Bulgarien gar nicht so billig. Bis auf Tee, Brot und Eier, sind die Preise ungefĂ€hr in selber Höhe wie bei uns. Zucker sogar noch teurer. Wenn Du trotzdem hoffst, 200 S pro Monat zu ersparen, so ist das ja sehr schön.

Deine Berichte ĂŒber Reise, Land und Leute haben uns sehr interessiert. Ich freue mich schon darauf, zu Dir zu kommen, allerdings mehr wohl noch Deinetwegen, als um aller anderen Dinge willen.

Wohnung werde ich schon finden. Ich habe vergangenen Sonntag das Tagblatt gekauft, zur Orientierung ĂŒber den Wohnungsmarkt. WĂ€ren auch diverse Sachen gewesen, die man sich hĂ€tte anschauen können (ich lege Dir, auch zur Orientierung, einige bei), doch hatte ich gestern und vorgestern Waschtag. Auch will ich mir das viele Hineinfahren aufheben, bis ich wieder das Rad benĂŒtzen kann. Momentan haben wir - 10 bis 12 Grad, was bestimmt nicht dazu ermuntert. Aber wunderschönes Waschwetter. Nachdem es Samstag den ganzen Tag geregnet, Sonntag Quatsch geschneit hat, heiterte es sich Montag auf und gestern und heute hatten wir herrlichen Sonnenschein, so daß ich bis heute abends alles abgetrocknet habe. FĂŒr morgen ist bereits wieder Schnee und nachfolgendes Tauwetter angesagt.

Also, mir scheint, Du gehst sehr viel drah’n! Und gefallen Dir die angestrichenen Damen gar nicht? Fini hat sich schon Samstag (vor Deinem Bericht) um 8 S eine Puderdose und Puder gekauft. Weiß der Kuckuck, mir wĂ€r um’s Geld leid. Fritz hat mir schon gesagt, daß ich mir unbedingt einen Schleier kaufen muß, aber ich denke, wenn ich schon 40 Jahre ohne den Firlefanz ausgekommen bin, wird’s auch heuer noch gehen.

Was ich mir gekauft habe, ist ein neues Handtascherl aus grauem Wildleder, ledergefĂŒttert, und das nur, weil man bei FaKo einzelne Tascherln zu sehr billigen Preisen bekam. Es kostet 6 S. Gekauft habe ich es schon den Tag, als Du wegfuhrst, doch wollte ich Dir’s erst schreiben, bis ich sicher wußte, ob’s mir von dem Feberhaushaltungsgeld bleiben wird. Nun, es ist geblieben, das gibt mir eigentlich GewĂ€hr dafĂŒr, daß ich mit den festgesetzten 140 S auskommen werde, denn es waren mit den 6 S Schulden, die ich vom JĂ€nner ĂŒbernommen habe, eher mehr als 15 S, die ich fĂŒr außerhaushaltliche Dinge ausgab. Sag, soll ich Dir eigentlich detaillierte Angaben machen, ĂŒber unsere Ausgaben, oder genĂŒgt es Dir, wenn ich Dir nur die MonatsabschlĂŒsse schreibe? Werden wohl immer gerade ausgehen, da ich widrigenfalls ja irgendetwas Notwendiges kaufen werde. Diesen Monat rechne ich damit, daß mit den Schuhen fĂŒr Fredy und Robert das Geld so ziemlich aufgeht.

Robert fĂ€hrt ĂŒbermorgen mit der Klasse ins Technische Museum, kostet auch 90 gr. Ende des Monats werden die Meistersinger gegeben, da möchte ich ihn auch gehen lassen. Am 31.d. M. spielt man im Kino „Per Gynt“, da gehe ich vielleicht selbst.

Schw. Negrini hat uns eine Einladung zu ihrer am 11. stattfindenden Hochzeit geschickt. Wenn’s nun halbwegs geht, möchte ich mit den Kindern Sonntag nach Wien. Die Buben könnten schon Samstag fahren und gleich zur Zahnbegutachtung. Ich wĂŒrde mit Werner und Mutter Sonntag frĂŒh hineinfahren. (Ich weiß nicht, ob ich Dir schrieb, daß Mutter seit Samstag hier ist.) Ich könnte Schw. Negrini gleich Sonntag gratulieren. Außerdem wird Br. Niedermeier hier sein, mit dem ich gleich Fredys wegen sprechen könnte. Nachmittag wĂŒrde ich dann versuchen, Wentys zu treffen. Nun weiß ich ja endlich die richtige Bestellung. Eigentlich hoffte ich diese Woche, wenn Mutter da ist, mit dem Rad hineinfahren zu können, ist aber bei der KĂ€lte nicht möglich. Auch tut mir noch der ganze Körper weh von der WĂ€sche.

Ja, um nochmals zur Geldgeschichte zu kommen. Es bleiben mir, wenn ich, wie ich erwarte, von der Kasse 18 S fĂŒr Werner bekomme, von dem Geld, das Du mir auf dem Bahnhof gegeben hat, noch 33 S. 75 S sollte ich vom Gehalt einlegen, macht 108 S. Davon kommen jetzt ab 50 S fĂŒr Mutter und 50 S fĂŒr das Bett (reichlich teuer finde ich das auch). So bleiben mir fĂŒr die Sparkasse eigentlich nur 8 S. Die werd’ ich mir in Reserve lassen, denn wie es scheint, kann man sich auf die Firma in puncto Geldabschicken nicht ganz verlassen.

Ich weiß nicht, ob ich Dir im ersten oder zweiten Brief von dem weißen Anzug geschrieben habe. Auf jeden Fall ist Deine Antwort noch ausstĂ€ndig und ich bitte Dich darum.

Nun, fĂŒr heute „Gute Nacht!“ Du mein Liebes.

8.3.1935

Werde den Brief heute abschließen und abschicken. Viel Neues gibt’s ohnehin nicht mehr. Gestern war Bernhard wieder da. Herr Zach hat ihm geschrieben, daß die Sache nun bald zur Entscheidung kommt. Ich werde schon wirklich froh sein.

Nach Wien fahre ich Sonntag wahrscheinlich allein, oder nur mit Fredy. Ich möchte nĂ€mlich gern, daß er mit Br. Niedermeier bekannt wird. Alle können wir nicht fahren, da das Wetter einfach schrecklich ist. Kalt und schneeig. Von dem Aufgehen, von dem Dir Robert schreibt, ist kaum etwas zu spĂŒren.

Sag, Schatz, ist in Bulgarien etwas los? Ich bin heute beim Mittagessen direkt erschrocken, als es hieß, Bulgarien hat an der tĂŒrkischen Grenze Soldaten aufstellen lassen, was natĂŒrlich sofort Erwiderung fand. Man findet es auf tĂŒrkischer Seite ganz unbegreiflich, da niemand Bulgarien mit einem Kriege bedroht. Ganz begriffen hab ich die Sache nicht, weil ich anfangs nur mit halbem Ohr hinhörte. Vielleicht, möchte sagen hoffentlich, hĂ€ngt die Geschichte nur mit den AufstĂ€nden in Griechenland zusammen.

Es wĂ€re ein Krieg dort ja fĂŒr uns ein persönlicher Schlag. Fritz sagt ja, es ist im GeschĂ€ft außer der bulgarischen Sache ĂŒberhaupt gar nichts zu tun.

Werde heute mal schauen, vor 10 Uhr ins Bett zu kommen. Ich bin so riesig mĂŒd, es scheint, ich bringe die WĂ€scherei diesmal ĂŒberhaupt nicht aus den Knochen. Und zum Schlafen komme ich trotz aller guten VorsĂ€tze doch nie vor 11 Uhr. Die Arbeit nimmt kein Ende, wie halt immer.

Wie geht’s Dir ohne Radio? Weißt Du, daß ich in der ersten Woche nach Deiner Abreise beinahe gar nicht hörte und auch jetzt noch viel seltener als frĂŒher. Dienstag abends war die Löwinger-BĂŒhne. Spielten sehr was Nettes, Lustiges.

Nun hab ich noch fĂŒr 3 Tage Koks, wenn die Witterung so bleibt, muß ich doch noch welchen bestellen.

Werner hatte Dienstag den Kinderball, wovon wir erst Montag verstĂ€ndigt wurden. Kam mir kollossal ungelegen, gerade am Waschtag. Robert ging mit hinunter und hat ihn angezogen, so brauchte ich ihn doch nur abzuholen. Heute hat er ein Photo gebracht, bei Gelegenheit werd’ ich Dir’s schicken. Jetzt muß er sich’s noch immer anschauen.

Nun, Liebstes, schlaf wohl und denke mit solcher Liebe an mich wie ich an Dich denke. Die Kinder schicken Dir auch viele Busserl. GrĂŒĂŸe auch von Mutter. Sei innig umarmt

von Deiner Gretel.

8.3.1935

Lieber Vater!

Herzlichen Dank fĂŒr deine liebe Karte. Als ich von der Schule nach Haus kam, und Mutter mir dieselbe zeigte, dachte ich zuerst, eine Karte aus den Schweiz wĂ€re gekommen. Doch als ich die Moschee links sah, wußte ich sofort, daß sie von Dir war.

Gestern fiel ich im Turnen von der Leiter herunter, wovon mir heute noch alles weh tut. Heute gingen wir mit Fachlehrer Bartel und Rhöne in das Technische Museum. Der Herr Direktor ging nicht mit, denn er ist krank. Es gefiel mir sehr.

Hoffentlich habt Ihr nicht, so wie wir, so ein schlechtes Wetter. Über Nacht schneit es und unter Tags scheint die Sonne und der ganze Schnee fĂ€ngt zu schmelzen an.

Uns geht es allen sehr gut und hoffentlich bist Du auch nicht krank.

Viele Busserln, Dein Robert.

9.3.1935

Dem heutigen Mittagsbericht zufolge, hab ich mich gestern verhört. Nicht Bulgarien sondern die TĂŒrkei soll die Soldaten aufgestellt haben. Doch wurde das GerĂŒcht heute dementiert.

Gretel

Sofia, den 9.3.1935

Meine Lieben!

Bin nun heute, Gott sei Dank, den letzten Tag in Sofia. Unser Waggon mit dem Werkzeug ist bereits hier eingelangt und im Zollmagazin fĂŒr die Zollschau ausgeladen.

Da habe ich nun wieder mein Rad gesehen, das hat mich gefreut. Auch die RĂ€der von Finny und Fritz sind da.

Dachte heute von Euch etwas zu bekommen, doch leider war’s nix.

Also morgen geht es wieder weiter nach Stara-Zagora und dann nach weiterem zweitÀgigen Aufenthalt nach Russe, wo ich mich dann hÀuslich niederlasse.

Das Wetter war hier in den letzten Tagen sehr schlecht. Meist Schneefall in der Nacht, kalt und mittags warm, so daß nachmittags und abends meist Quatsch ist. Bin schon neugierig, ob es in Russe besser ist.

NĂ€chste Woche, zu Ende wahrscheinlich, ist die Abnahme des Netzmaterials, da kommt H. Schedlbauer, das ist auch ganz nett, anfangs April kommen dann voraussichtlich schon Fritz und Finny. Na, Ihr könnt mir glauben, daß ich mich darauf schon sehr, sehr freue. Das wird dann ein anderes Leben werden im Vergleich zu jetzt.

Heute nachmittag war ich spazieren und der Markt war wieder ein Geschreie in den Gassen. Es tut mir so leid, daß Ihr das nicht sehen könnt. Da gibt es aber auch alles und ich glaube, wir könnten mit dem alten GerĂŒmpel, das wir auf den KĂ€sten und im Keller haben, bestimmt auch so einen Stand aufmachen. Und zu diesem Geschrei die Leute dazu, die verschiedenen Typen, Zigeuner, Mazedonier, TĂŒrken, vermischt mit den Stadtleuten, dazwischen Tragesel und Wagen mit Pferden bespannt, die aber weit kleiner sind als unsere, sie erinnern mich an die kleinen Russenpferde in Sibirien.

Nun werde ich essen gehen und nachsehen, vielleicht ist mit der Abendpost etwas gekommen. Möchte doch schon wissen, wie alles zu Hause geht und was es Neues gibt. Lese jetzt tĂ€glich das Tagblatt, so daß ich wenigstens die VorgĂ€nge in Österreich weiß.

Also, der nÀchste Brief kommt schon von Russe. Viele, viele Busserln schickt Euch

Vater.

Weidlingau,11.3.1935

Herzliebster Mann!

Eigentlich erwartete ich, traditionsgemĂ€ĂŸ, heute einen Brief von Dir zu erhalten. Ich sehne mich ja so sehr nach einem lieben Wort von Dir!

Ich war gestern vormittag in Wien. Fast dachte ich schon, ich könnte nicht weg. Samstag schickte ich Fredy schon nach Wien. Die Zahnbegutachtung ist fĂŒr ihn erledigt. Er hat 8 Plomben und zwei Wurzelbehandlungen. Ich sagte Fredy, ich komme Sonntag und bringe das Essen fĂŒr uns beide mit. Samstag abends, just vor dem Baden, legte sich Werner so ĂŒber die Sessel und schlief fast ein. War aber dann beim Bad wieder sehr vergnĂŒgt. Als ich mich niederlegte (er schlief auf Deinem Platz), spĂŒrte ich schon, daß er sehr heiß war. Es wurde auch eine ziemlich heiße Nacht.

Sonntagmorgentemperatur war 38.5, so daß ich schon erwog, ob ich nicht lieber Robert mit ein paar Zeilen zu Schw. Negrini schicken solle. Doch war der Kleine so gut gelaunt und verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig frisch, daß ich doch selbst fuhr. SelbstverstĂ€ndlich mit Auslassung des Besuches bei Wenty. Es scheint, ich soll dazu ĂŒberhaupt nicht kommen. Werde die momentane Bestellung schriftlich machen.

Gestern abends hatte Werner 40 Grad Fieber, auch nachts noch vielleicht höher. Gegen Morgen ist das Fieber gewichen und hat sich bis jetzt nicht wieder eingestellt. Dr. Allmeder, der heute morgens hier war, hat die liebenswĂŒrdige Äußerung getan: „Na, hoffentlich kriegts die ganze Familie, damit ma was z’tuan ham.“ Er hat Werner Aspirin, Hustenmedizin, Brusttee und LindenblĂŒtentee verschrieben und mir ĂŒber mein Ersuchen eine Einreibung. Mir geht’s nĂ€mlich schon eine ganze Zeit gar nicht gut. Olga, die heute hier war, meint, es sei auch das eine Art Grippe. Sie hatte auch jetzt dieselben Schmerzen wie ich. Doch waren sie bei ihr nach 14 Tagen wieder vorbei.

An, wenn wir jetzt schon bei dem Thema sind. Auch die alte Frau Artmann ist krankt. GedĂ€rmkatharrh. Schw. Pfabigan hat sich gestern den Fuß gebrochen und einige andere haben auch Grippe.

Br. Niedermeier war leider nicht da, weil seine Frau wieder im Spital ist, doch Br. Niederhauser war mit Gemahlin anwesend. Er hat sich innerhalb der 13 Jahre kaum ein wenig verĂ€ndert. Es scheint, er ist nicht einmal Ă€lter geworden. Er lĂ€ĂŸt Dich herzlich grĂŒĂŸen. Auch Br. Schick, Czip (Emmi fragte, warum wir denn gar nicht kommen, Elfi und der Bub haben Grippe), Schw. Hrubesch und Mathilde.

Nun, Schatzerl, mach ich fĂŒr heute Schluß. Ich muß mich ein wenig entschĂ€digen fĂŒr die zwei schlaflosen NĂ€chte! Also gute Nacht, wie gerne möchte ich Dir EIN wirkliches Busserl geben anstatt der vielen auf dem Papier.

12.3.1935

Liebstes!

Also Robert liegt schon mit 38 Grad Morgentemperatur und sehr starken Kopfschmerzem. Ich selbst schleppe mich mit 38.5 zur tĂ€glichen Arbeit. Habe morgens gleich fĂŒr uns alle LindenblĂŒtentee gekocht und fĂŒr Robert und mich Aspirin hineingegeben. Als Fredy fort war, legte ich mich wieder bis halb 10 Uhr zu Bett. Nach dem AufrĂ€umen um halb 12 wieder. Da kam kaum wenige Minuten spĂ€ter Dein lieber Brief vom 9.d. M.

Eigentlich versteh ich nicht recht, wieso Du so dringend auf einen Brief von uns gewartet hast, da Du doch am 7. oder 8. ein Schreiben bekommen haben mußt, auf das Du zwar Fredy und Werner, nicht aber mir geantwortet hast.

So wird also Fritz erst Anfang April hinunterfahren, das wird ihn gewaltig Ă€rgern. Und fĂŒr Dich ist es auch nicht gut, wenn Du so lang allein sein mußt.

Wenn Du ohnehin das Tagblatt liest, brauch ich Dir ja keine Annoncen mehr zu schicken. Ich wollte mir Sonntag etwas anschauen, doch war es schon vergeben. Sieben oder acht Wohnungen hat sich Hansi gestern angesehen und brachte mir Bescheid, als sie mittags kam, um Mutter abzuholen.

Nun weiß ich nicht, was ich tun soll. Soll ich wieder schreiben, daß jemand kommt? Ich glaube, es ist doch das beste, wir bleiben allein und verschleppen die Seuche nicht erst wieder. Ich werde morgen halt auch Fredy zu Hause lassen. Viel Pflege brauchen wir ja nicht und Appetit ist auch nicht vorhanden.

In zwei bis drei Tagen werde ich hoffentlich wieder auf dem Posten sein. Robert ist ja nicht so schlecht dran wie ich. Er hatte mittags gar keine Temperatur mehr, wÀhrend ich nachts vor Schmerzen nicht schlafen kann und mich heute das Fieber ganz kaputt macht.

Das ist jetzt ein ganzer Spitalsbrief geworden. Sei mir nicht bös, wenn ich jetzt nicht mehr schreibe, aber ich muß fertigkochen und dann gehe ich gleich wieder ins Bett.

Viele Busserl von uns allen,

Gretel.

15.3.1935

Du lieber, armer Mann!

Acht Tage wirst Du nun auf Post warten, aber dafĂŒr wirst Du doch nachher mehr bekommen. Olga und Hansi warten ja schon auf Deine Adresse. So wirst Du außer der hĂ€uslichen auch noch andere Post bekommen. Es tut mir ja riesig leid, daß Du den letzten Tag vor Deiner Abreise aus Sofia nichts mehr bekamst, doch schau, Kind, ich kann Dir doch nicht alle Tage schreiben, erstens ereignet sich zu wenig und zweitens kostet es zuviel.

Frau Artmann ist heute morgen um halb 3 Uhr gestorben. Sie soll einen furchtbaren Todeskampf gehabt haben. Ich konnte sie leider nicht mehr besuchen. Bin zwar gestern frĂŒh wieder aufgestanden, doch noch nicht hinausgegangen. Und als ich heute morgens um Wasser ging, erfuhr ich von der jungen Frau, daß es schon vorbei sei.

Nun, bei uns geht es wieder leidlich. Die Kinder sind wieder ganz beisammen. Robert war heute schon wieder in der Schule und Fredy hat gottlob nichts bekommen. Den Kleinen behalte ich auch morgen noch daheim.

Mir selbst ist auch bedeutend besser. Nur so matt bin ich, daß ich den ganzen Tag brauche, um nur halbwegs die Wohnung in Ordnung zu bringen. Dr. Allmeder hat mir etwas sehr Gutes gegen die Schmerzen gegeben (Adolorin), und es haben auch alle bis auf Kreuz- und RĂŒckenschmerzen aufgehört. Nun, ich will auch aufhören.

Wie geht es denn Dir, Schatz? Bist Du vielleicht auch krank gewesen? Ich sehe an allen Ecken und Enden ja schon sonst nichts mehr.

Fredys Schuhe kosten 24.50 S. Swatek hat ihm, nach Fredys Einlagen als Muster, Einlagen gleich hineingemacht. Er hofft, daß sich die Sache jetzt bessern wird. Sonntag hat er die Schuhe angehabt, doch sonst nicht. Es ist zu ekelhaftes Wetter, obzwar seit Tagen Sonnenschein.

Nun weiß ich nicht, ob mir auch fĂŒr Roberts Schuhe in diesem Monat genĂŒgend Geld bleibt. VorlĂ€ufig habe ich nur einen Sack Koks bestellt, noch hoffe ich, daß sich das Wetter noch Ă€ndert. Die Flamme war auch zu bezahlen. FĂŒr die Buben hab ich fĂŒr beide Karten zu den Meistersingern besorgen lassen, Fredy hat ja am 28. Geburtstag. Nun hab ich zwar noch 22 S vom Kassageld, doch weiß ich nicht, was noch kommt, vielleicht ist noch Koks zu kaufen oder dergl. Auf jeden Fall ist es mir eine Beruhigung zu wissen, daß noch Geld im Kasten ist.

Vielleicht ist nun schon H. Schedlbauer bei Dir und Du bist wieder ein wenig nicht so einsam. Und wenn Du dann wieder eine geregelte Wirtschaft und Arbeit und vor allem den Verkehr mit Störs hast, dann wird Dir ja alles leichter fallen. FĂŒr Dich ist’s um vieles schwerer, mir lassen die Kinder nicht viel Zeit zum spintisieren. Nur die Sonntagmorgen fĂŒrchte ich.

Bis auf weiteres sei innig umarmt und gekĂŒĂŸt,

von Deiner Gretel

Russe, den 15.3.1935

Mein Liebstes!

Diese Woche kommst Du schon sehr zu kurz. Eigentlich wollte ich Dir noch heute vormittag einen Flugpostbrief senden, aber es ging sich auch da mit der Zeit nicht aus.

Wir haben auch ganz schöne Arbeit geleistet von Montag ab. Alles rangiert und durchgeprĂŒft, so daß wir morgen schon mit dem Fernamt beginnen können. Na, aber den geschĂ€ftlichen Quatsch will ich Dir doch nicht schreiben, nur noch, daß wir am 24.d. M. die offizielle Einschaltung haben. Mein schwarzer Anzug wird bis dahin gottlob fertig.

Also die Sofioter Fahrt ist gut vorĂŒbergegangen, mit natĂŒrlich einem Drahrer noch zum guten Schluß. Mit der Ritterei und noch div. anderen Menschen. Das hĂ€tte wohl ausbleiben können, denn mich hat dies ca 500 Lewa gekostet, aber man kann nicht gut davon fernbleiben. Noch dazu kam ich erst um halb 6 Uhr frĂŒh nach Hause und um 8 ging der Zug. Kannst Dir vorstellen, mit welch blödem Kopf ich da gefahren bin. Aber endlich war nach 9 Âœ stĂŒndiger Fahrt auch Russe da, wo ich zu Hause, ohne etwas zu essen (außer Âœ kg Weintrauben) um 6 Uhr abends ins Bett ging und bis Ÿ 8 frĂŒh geschlafen habe. Das war fein.

In Sofia habe ich mir die Offenbach’sche Operette „Die schöne Helena“ in dem bulgarischen Nationaltheater angesehen, und ich war wirklich sehr angenehm ĂŒberrascht ĂŒber das gute Spiel und die geschmackvolle Ausstattung. Das war eine recht schöne Zerstreuung. Und guten Oberskaffee habe ich in Sofia getrunken, wenigstens 6 mal.

Nun ist mir in Russe trotz dem Alleinsein noch nicht langweilig geworden und meine guten VorsĂ€tze, Guitarrespielen, Memoirenschreiben und 10-Finger-System lernen, sind bis jetzt noch nicht ausgefĂŒhrt worden. Na - nach der Einschaltung. Die BĂŒcher liegen auch noch ungelesen, mit Ausnahme von Knut Hamsun, den ich in der Bahn las.

Ich denke jetzt sehr, sehr viel an Euch und die Wohnung, besonders an die traulichen Zeiten im ersten Zimmer. Sitzt Ihr noch darin?

(Schluß fehlt)

Sonntagnachmittag

Liebster!

Ich fĂŒhle mich so einsam ohne Dich! Die Kinder können mir ja doch Dich nicht ersetzen. Ich weiß, daß ich nicht raunzen soll, doch manchmal kann ich nicht anders.

Warum schreibst Du mir eigentlich nie, wie es Dir geht, was Du machst, wie Du die Kost vertrÀgst, wie Du wohnst u.s.f. Deine Briefe sind ja sehr interessant, doch durchaus unpersönlich.

Morgen beim BegrĂ€bnis Frau Artmanns werde ich jedenfalls mit Olga zusammenkommen und nachher zu Mitzi gehen. Olga wollte mich schon vorigen Montag dazu abholen, doch wurde die Sache durch Werners Krankheit vereitelt. Hoffe jedoch, daß wir morgen alle soweit auf dem Damm sind. Fredy ist heute mit dem Rad zu Mitzi gefahren. Ich bin herzlich froh, wenn die Buben eine Zeit nicht beisammen sind.

Montag sagte mir Olga, daß wir um 60 S die Möbel von Tante hĂ€tten haben können (Messingbett, 2 Kasten, eine Kohlenkiste), Du aber hĂ€ttest abgelehnt. Ja, sag einmal, warum? Nun haben wir um 50 S nur ein Bett und noch dazu eines, das nur 6 oder 8 Jahre zu gebrauchen ist; denn spĂ€ter ist es zu klein. Ich habe einmal drinnen geschlafen, konnte mich aber nicht ausstrecken. Und noch hoffe ich, daß unsere Buben groß werden.

Habe mittags den heutigen Wohnungsanzeiger durchgelesen. Aber ich glaube, so billig, wie wir vorher dachten, werden wir bei der Sache nicht wegkommen. Vielleicht etwas billiger als bei der Linzerstraße. Scheinbar ist auch der dritte Bezirk am teuersten, wenigstens nach den Anzeigen. Bin nur neugierig, wann die Sache mit der Kreitnergasse klar wird.

Hansi hĂ€tte mir vor einer Woche eine schöne Wohnung in der Neustiftgasse bei der Markthalle gefunden. 2 Zimmer, 5 x 5 m und etwas kleiner, ein Kabinett, Dienerzimmer, Vorzimmer, KĂŒche, alles sehr licht. Aber 1600 S Ablöse und 60 S Zins. Die Kinder genieren bei keiner Wohnung, die sie sich angesehen hat.

Mit Deinem Fortfahren sind, scheint mir, auch alle SonntagsgĂ€ste ausgeblieben. Wir sind jetzt immer allein. Soll aber keine Klage sein! Übrigens ist ja auch das Wetter immer miserabel. Heute ist’s schon wieder trĂŒb und trotzdem sehr kalt.

Ja, noch etwas: Kanntest Du vielleicht die Schwester von Fredys Freund Hellmut Gruber? Sie ist bei einem LawinenunglĂŒck ums Leben gekommen.

Nun, Liebstes, wĂŒnsch ich Dir, daß Dir wohler ist als mir. Und kĂŒsse Dich viel, viel tausendmal, auf dem Papier bringt’s Dir ja keine Gefahr. Ich sehne mich schon so, wieder richtig arbeiten zu können.

In Sehnsucht Gretel

Russe, 17.3.1935

Mein armes Liebstes!

Dein gestriger Brief hat mich sehr beunruhigt. Es ist ja nur das eine Gute, daß Ihr den Doktor doch so gleich zur VerfĂŒgung habt, aber mein Kind, Du sollst doch nicht so im Fieber herumarbeiten, denn da kannst Du Dich ja wirklich ordentlich ruinieren. Wenn man nur nicht so weit weg wĂ€re! Die Sorgen, die man sich macht, haben ja doch keinen Sinn, denn bis nur erst die Post kommt, kann wieder alles anders sein, aber sie sind eben da.

Ich sitze heute das erste Mal in einem Privatquartier. Ich habe hier ein Zimmer gefunden, ein wenig draußen, doch sehr nahe der Post. Jetzt, wo es taut, ist zwar ein großer Quatsch hier, aber im Sommer wird es kĂŒhl und grĂŒn sein, denn vor dem Hause ist ein Garten mit Wein und ObstbĂ€umen. Ich hĂ€tte wohl in der Stadt schöner eingerichtete Zimmer gefunden, doch freut es mich eben im Freien und was vielleicht ausschlaggebend war, sind hier zwei Kinder, MĂ€deln mit 6 und 8 Jahren beilĂ€ufig. Du kennst ja meine schwache Seite, wenn das ĂŒberhaupt Schwachheit ist. Von meinen 2 Fenstern sehe ich das MilitĂ€rkasino in der Abendsonne. Wir haben hier wunderschönes Wetter, ganz warm bei Tag, doch abends und besonders nachts - 10 bis - 15 Grad KĂ€lte. Russe gefĂ€llt mir sehr, besonders ist hier Leben und die Donau, die sehr anheimelt. Ich darf natĂŒrlich gar nicht daran denken, daß Du auch einmal hier mit dem Schiff herunterkommen wirst, denn wenn ich dabei auch an die LĂ€nge der Zeit denke, dann möcht ich am liebsten selbst abdampfen. Na, es kommen ja bald Fritz und Finny und auch ein gehöriges StĂŒck Arbeit, das hilft einem schon ein wenig hinweg.

Unser BaubĂŒro ist sehr schön, d.h. die RĂ€ume, denn die Möbel habe ich bis jetzt noch immer nicht. Hoffentlich werden sie morgen ausgeladen, der Waggon soll Samstag noch gekommen sein. Die Leute hier sind sehr liebenswĂŒrdig, wenn sie sich nicht noch spĂ€ter Ă€ndern. Ich meine von der Post. Mit meinen Hausleute, die gar nicht deutsch können, vertrag ich mich auch bis „jetzt“ ganz gut.

Eben bemerke ich, daß ich, wenn ich ein wenig schrĂ€g beim Fenster hinaussehe, auch die Donau erblicken kann.

Heute war ich vormittag spazieren. Zuerst am Hafen, wo heute, weil Sonntag, alles beflaggt war, dann durch die Stadt hindurch zum TĂŒrkenviertel. Das ist erst recht interessant, weil mehr als in Sofia. Ich freue mich schon so, wenn ich Dir alles zeigen kann.

Wegen der Wohnung, mein Schatz, glaube ich, daß Du schon selbst, vielleicht wöchentlich ein Mal, hineinfahren solltest. Du mußt halt monatlich einen Betrag von vielleicht S 10 zu diesem Zwecke verwenden. Da Du dabei auch einkaufen kannst - Du mußt aber nicht gleich mit dem Rucksack fahren - so wirst Du beim Haushalt vielleicht etwas ersparen können. Du kannst auch zu Hella schauen, vielleicht wissen Rommels was.

In Deinem letzten Brief schreibst Du, ein wenig vorwurfsvoll, wie mir scheint, daß Du Dich so nach einem lieben Wort von mir sehnst. Nun, mein Liebling, vielleicht habe ich Dir in den letzten Tagen von Sofia wirklich ein wenig nĂŒchtern geschrieben, aber es ist ja auch eine ganz verrĂŒckte Zeit dort gewesen.

Fortsetzung am 21.3.1935.

Wie es scheint, löst nun eine solche verrĂŒckte Zeit die andere ab. Ein Ereignis kommt auch hier nach dem andern. Die Abnahmekommission ist heute auch angekommen, so daß wieder nicht viel Zeit bleibt. Gehe jetzt um 7 Uhr ins BĂŒro und komme um 11 oder 12 nach Hause. Gestern sind sie von allen Seiten nach Russe gekommen. Schedlbauer von Sofia, Nikoloff von Varna, und Schmidt, der Netzmann, von Stava-Zagora. Die Abnahme verlĂ€uft bis jetzt ganz gut.

Ich habe mittlerweile von Sofia Deine Schreiben vom 8., 9. u.s.w. und auch Roberts Brief bekommen. Dieser Brief munterte mich wieder auf, es ist doch so schön, wenn so ein bißchen Frohsinn aus dem Schreiben herauskommt. Auch Roberts Zeilen freuten mich, aus dem Schreiben sieht man ja doch, daß er schon groß wird.

Damit Du nun endlich den Brief bekommst, mache ich Schluß, ich soll ja schon wieder im Gasthaus bei den Herren sein. NĂ€chste Woche ist alles vorĂŒber, dann wieder mehr. Bitte, schicke mir das Bild von den Kinder, wo sie am Teich im Garten beisammen sind.

Viele Busserln, Vater

Weidlingau, 19.3.1935

Liebstes!

Nun ist Frau Artmanns BegrĂ€bnis auch vorbei und die KlatschmĂ€uler haben wieder fĂŒr eine Zeit Nahrung. Sehr lobend wurde bemerkt, daß auch Herr Rejschek da war und Artmanns das Beileid aussprach. Dagegen unliebsam, daß Robert und Emma Boxkandl nicht erschienen waren. NachtrĂ€glich wurde mir allerdings gesagt, daß die beiden doch da waren und nur frĂŒher weggingen. Eigentlich ganz vernĂŒnftig. Auf jeden Fall waren sehr viele Leute und ich soll Dich auch grĂŒĂŸen. Erstens von der MĂŒhlndorfer Lentschi, die mir Olga vorgestellt hat. Sie hat mich in ihrem Äußeren ganz an Peperl erinnert, so lang und hager. Zweitens von Tolars. Frau Tolar hat sehr geweint. Sie sind schon nicht mehr in Grinzing, sondern in der Margaretenstraße 122, wieder nur provisorisch. Die beiden kennen Russe sehr gut. Frau Tolar meint, es sei dort sehr nett und auf jeden Fall schon bedeutend reiner als in den zunĂ€chst liegenden rumĂ€nischen Orten. Also ich bin schon neugierig, wie es Dir gefĂ€llt.

Nun, 5 S habe ich vom Kassengeld schon wieder ausgegeben. 2.50 S fĂŒr Blumen fĂŒr Frau Artmann und 2.50 S fĂŒr einen Birnenschalter und Isolierband. Werner hat nĂ€mlich in der Zeit seiner Krankheit den alten Schalter zerschlagen. Ich dachte, es sei nur außen, indessen war er auch innen ab und als ich heute mittag einschalten wollte, hatte ich auf einmal mehrere StĂŒcke in der Hand. Beinahe hĂ€tte ich die Geschichte gar nicht zusammengebracht. Der neue Schalter ist nĂ€mlich so kurz und hat außerdem ein viel kleineres Loch zum Einziehen des Drahtes, so daß ich ihn beinahe nicht hineinbrachte. Auch unser kleines Lamperl brennt schon 14 Tage nicht mehr, was mir besonders in den Tagen des Krankseins sehr unangenehm war. Das Lamperl selbst ist gut.

Heute hab ich mir mein Rad geputzt und eine Probefahrt unternommen. Beim Kloster bis zur BrĂŒcke und ĂŒber die Hauptstraße wieder nach Hause. Vorher hab ich mich samt den Buben ĂŒber eine Stunde geplagt, um das Gouvernal zu heben. Ist uns aber trotz aller Anstrengung, und obwohl wir alles aufschraubten, nicht gelungen. Auch der stĂ€ndig streifende KotschĂŒtzer irritiert mich, er bremst nĂ€mlich direkt.

Morgen frĂŒh will ich gleich zu Wentys fahren. Laut Ansage verschlechtert sich nĂ€mlich das Wetter wieder und es kommen nach dem heutigen herrlichen FrĂŒhlingswetter wieder Schauer und Frost.

Möchte mir nun aus meinem FrĂŒhjahrsmantel eine Schoß machen, gewendet. Wie sie wird, weiß ich noch nicht.

So, nun hab ich Dir wieder so ziemlich alles geschrieben. Aber nein, eine Hauptsache fehlt noch. Wir waren gestern bei Mitzi. Die Wohnung ist sehr nett, wenn auch kleiner, als ich sie mir vorgestellt hatte. Besonders das Schlafzimmer gefĂ€llt mir ausnehmend. Es wirkt durch das Fenster, ein dreiteiliges Eckfenster, direkt elegant. Zudem ist die Malerei wieder in Blau gehalten, aber sehr, sehr schön. Ich werde Dir wieder eine Skizze beilegen, soweit ich die Sache in Erinnerung habe. Sie haben sich ein neues Tischerl, einen normalen und einen BĂŒcherkasten machen lassen und Rudolf streicht nun sĂ€mtliche Möbel neu, so wie er die neuen gestrichen hat. Davon waren wir alle glatt begeistert. Die sind so schön. Du kannst Dir’s gar nicht vorstellen. Manchmal wĂŒnsche ich mir so sehr, Du hĂ€ttest auch so ein wenig von DER Seite Rudolfs. In allem anderen bist Du mir ja lieber.

Nun, ich muß mich ja doch so mit Dir abfinden, wie Du bist und ich wollte nur, ich hĂ€tte Dich lieber da, um Dich zu herzen und zu kĂŒssen, mein lieber Schatz. Gute Nacht! Wenn ich nur wenigstens einmal von Dir trĂ€umen könnte!

Deine Gretel.

[Mutters Brief vom 25.3. fehlt]

Russe, am 26.3.1935

Mein liebes Weib!

Nun ist der ganze Zauber wieder vorĂŒber und es ist wieder Ruhe eingetreten. Ich war beinahe jeden Tag bis 8 Uhr im BĂŒro, am Sonntag bis halb 3 Uhr. Außerdem war ich genötigt, abends meist bis 11 oder 12 Uhr zusammen mit den Herren zu bleiben. Samstag wurde es sogar halb 5 Uhr frĂŒh! Aber es war auch recht lustig. Zum Schluß machten H. Dr. Widl vom Kabelwerk und ich um 4 Uhr frĂŒh einer Dame, die wir einige Tage vorher kennenlernten und die uns damals um 1 Uhr nachts zum Tee in ihre Villa einlud, ein StĂ€ndchen mit „Dirndl, geh her zum Zaun“. Im Mondschein natĂŒrlich. Schedlbauer saß am Randstein und gab den Takt dazu. Ein bulgarischer Ingenieur aus Sofia hielt sich den Bauch ĂŒber das Bild. Und im Gasthause wurde ein bulgarischer Nationaltanz, ein Reigen, getanzt. Man wollte mich auch dabei haben, doch machte ich nicht mit. Schedlbauer und Dr. Widl sprangen wie VerrĂŒckte, bis sie nicht mehr konnten. Du siehst, es gibt auch Unterhaltung, es ist auch ganz schön, so ein oder zwei Mal. Heute bekam ich Deinen lieben Brief vom 19. und 21. d. M.

Daß Frau Artmann nicht mehr ist, kann ich gar nicht glauben. So vergeht die Zeit und die Menschen und schließlich auch wir. Na, aber erst wollen wir noch leben, gelt, mein Schatz!

Wenn Du kommst, dann machen wir eine feine Reise, Gott, wie ich mich schon darauf freue. Und doch ist die Freude wieder nur auf meiner Seite, denn Du schreibst ja, daß Du nur meinetwegen gern hierher fĂ€hrst. Na, wenn Du erst einmal da bist, dann wird es Dich schon freuen.

Mit meiner Wohnung bin ich recht zufrieden. Die Hausfrau, eines Advokaten Witwe, und die beiden Kleinen sind ganz lieb, soweit man das bei der schlechten VerstĂ€ndigung sagen kann. Die grĂ¶ĂŸere heißt Katja und ist 9 Jahre, die kleinere Wesela, abgekĂŒrzt Etzi, ist 7 Âœ. Dunkel sind die alle beide, nur hat Etzi einen weißeren Teint. Das Zimmer hat fließendes Wasser und ist, bis auf ein paar Bilder, ganz nett, ca 4.25 m im Quadrat (Skizze). Die Fenster gehen nach Osten, im Sommer wird mich wohl die Sonne aufwecken. Aber das Haus liegt hoch und vom Westen her, wo nahe unter uns die Donau fließt, kommt auch, wie ich höre, im Sommer immer KĂŒhlung.

Mein lieber Schatz, ich muß immer lachen, wenn Du mir so ĂŒber jeden Schilling Bericht erstattest, das ist doch wirklich nicht nötig. Wegen Deines Rads fĂ€llt mir eben ein, bitte, laß Dir in Weidlingau ein Kettenglied einsetzen, damit das Rad nicht schleift, denn es wird ja schließlich die Pneumatik hin. Das wird gewiß nicht viel kosten.

Ich werde mir hier. so weit ich jetzt sehen kann, ca. 4000 Lewa pro Monat ersparen können, das sind 240 S, d.h. bis November ca. 2100 S. Wenn man nun fĂŒr unseren Urlaub 2000 bis 3000 Lewa abrechnet, so bleiben immerhin noch ca. 1900 S, ohne Deine Ersparnisse. Ich glaube, damit können wir uns schon etwas schaffen.

Gestern erhielt ich ein Schreiben von Fritz, worin er schreibt, daß, nach den heutigen VerhĂ€ltnissen zu schließen, der Mieterschutz ja doch bald fĂ€llt. NatĂŒrlich wĂ€re es da Unsinn, fĂŒr die Ablöse eine Menge Geld auszugeben, wenn man dann schließlich doch den erhöhten Zins zahlen muß. Nun, Du wirst ja sehen, wie es am besten ist, nur möchte ich schon, daß wir mit dem auszugebenden Geld möglichst fĂŒr uns viel zweckmĂ€ĂŸiges erreichen.

Auch stand gestern in einer bulgarischen Zeitung, daß Starhemberg die RegierungsgeschĂ€fte ĂŒbernommen hat, diese Nachricht wurde wohl von unserem Gesandten dementiert. Na, es kann schon etwas Wahres daran sein.

Vorgestern wollten wir nach Giurgiu (RumĂ€nien) hinĂŒber. Leider war die Sache schlecht organisiert, so daß alle Herren erst um 5 Uhr beisammen waren, das war schon zu spĂ€t, weil drei Bulgaren noch nach Sofia wollten. Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Heute erfuhr ich, daß man hier fĂŒr ein Fahrrad Steuer zahlen muß, ca.350 Lewa. Das ist eigentlich eine Wurzerei. Fritz wird wohl schauen.

Werners Karte mit dem Schiff folgt nach, sein Brief hat mich wieder sehr gefreut. Es gibt hier so viel zu sehen, daß mir’s immer leid tut, daß die Kinder nicht hier sind.

Wie geht es denn den Kindern in der Schule? Und machen sie Dir nicht Ärger? Hast Du das Zahngeld fĂŒr Werner schon bekommen? Was macht Trude in dem Kurs fĂŒr Fortschritte, wie geht es Großmama und Hansi?

Alle Abende beim Schlafengehen denke ich besonders an Dich und wie schön es wÀre, wenn Du bei mir wÀrst. Aber, da kann man halt nix machen. Viele Busserln an Euch alle,

Vater.

Weidlingau, 28.3.1935, morgens

Mein sĂŒĂŸes Lieb!

Weißt Du, was heute fĂŒr ein Tag ist? Fredys Geburtstag! Als ich morgens noch im Bette lag und darĂŒber grĂŒbelte, daß ich um ein Haar damals mein Leben verlor, da ĂŒberkam mich ein inniges DankgefĂŒhl, daß es nicht so wurde. Es wĂ€re ja ein ganz schmerzloses Sterben gewesen, fast könnte man sich’s schöner nicht wĂŒnschen, aber - das Leben mit Dir, mein Lieber, war doch so viel schöner! Und sind auch wĂ€hrend der 10 Jahre trĂŒbe und bittere Stunden fĂŒr uns beide gekommen, die guten und herzlichen wiegen sie wohl 10fach wieder auf. Gelt, mein Lieb!? Ich kann Dir ja nicht so ganz klar machen, was ich empfinde, aber ich glaube, Du wirst mich auch so verstehen. Es ist in mir solch dankbares GlĂŒcksempfinden ĂŒber Deine Liebe und unsere Zusammengehörigkeit. Und solch heißes Sehnen und ZĂ€rtlichkeit fĂŒr Dich, daß ich manchmal glaube zu vergehen. Und das hat’s mich jetzt gedrĂ€ngt Dir zu sagen, mein einziges, sĂŒĂŸes, goldiges Lieb.

Und jetzt will ich wieder ganz vernĂŒnftig an die Arbeit gehen.

30.3.1935

LIEBER VATER ICH BIN SCHON ALLEIN IM PENDLER GEFAHREN. DIE MUTTER IST AUF DEM DAMM GEGANGEN. WERNER

Liebster!

Es ist zwar schon 22 Uhr, doch wird heute gegen 23.30 die Moldau gespielt und ich will versuchen, bis dahin aufzubleiben, wenn mich die KĂ€lte nicht frĂŒher ins Bett treibt. Ich muß nĂ€mlich verflixt sparen, um wenigstens fĂŒr morgen mit dem Koks auszukommen. Vielleicht wird’s bis ĂŒbermorgen doch wieder wĂ€rmer. Derzeit haben wir Temperaturen um 0 Grad mit Schauern und ganz tĂŒchtigen Morgenfrösten.

Heute kam Dein lieber Brief vom 26.d. M. Er hat uns alle sehr belustigt. Dieses nĂ€chtliche StĂ€ndchen muß ja recht nett gewesen sein. Wie hat sich denn die betreffende Dame dazu verhalten?

Auf jeden Fall ist es sehr gut, daß Du nicht nur Arbeit sondern auch VergnĂŒgen hast. Schatz, ich gönne es Dir von Herzen. Ein wenig werden Dich auch die kleinen MĂ€dels ablenken. Sie sind genau so alt wie die Chana-MĂ€dels waren, als wir hinkamen. HĂ€ngen sie nicht schon sehr an Dir?

Kind, ich freue mich doch auch mit Dir auf unseren Urlaub. Warum ist die Freude also wieder nur auf Deiner Seite? Weißt, Schatz, das ist just so wie zu Weihnachten, „Geben ist seliger denn Nehmen“. Und der Gebende bist doch Du! Soll es Dich wundern, wenn Deine Freude die grĂ¶ĂŸere ist?

Gut ist, daß Du mit Deiner Wohnung so zufrieden bist. Ist auch scheinbar recht nett, das Zimmer. Was bezahlst Du dafĂŒr? „Sie denkt immer nur an’s Materielle“, wirst Du Dir nun wieder sagen.

Aber es geht nicht allein Dir so. Auch Wenty klagte ĂŒber den wenig ideellen Sinn der Frauen und sonderbarerweise war 2 - 3 Tage spĂ€ter im Consum ein ganz Ă€hnliches GesprĂ€ch im Gange. Ich scheine also immerhin keine Ausnahme sondern ein Durchschnittsmensch zu sein. Ob nicht das weibliche Geschlecht als junge Menschen vielleicht zu ideal veranlagt ist und nur durch EnttĂ€uschungen ins Gegenteil verkehrt wird?

Mit meinem Rad werde ich warten, bis Richard einmal Zeit hat. Es streift jetzt nicht, nachdem ich mit einem langen Schaubenzieher die letzten Reste alten Kotes aus dem KotschĂŒtzer putzte. Es war kaum der Rede wert, hat aber doch genĂŒtzt. Weißt, Schatz, diese kleinen Ausgaben muß ich meiden, um fĂŒr die großen desto mehr Geld zur VerfĂŒgung zu haben. Es sind noch so viele Dinge, die ich nicht nur kaufen möchte, sondern muß.

Du hast ja gesehen, als Du wegfuhrst, wieviel Geld aufgeht, wenn man nur ganz wenige Anschaffungen macht.

Etwas will ich sowieso von dem Geld kaufen, das ich eigentlich weglegen soll, Roberts Rad. Ich habe mit Frau Hadraba gesprochen, wegen Peperls Rad. Sie wĂ€re gar nicht abgeneigt, es mit zu ĂŒberlassen, nur hat sie ein Herrenrad in Aussicht um 80 S und nun wollte sie natĂŒrlich diese 80 S von mir. Ich sagte ihr aber, mehr als 70 S bezahle ich unter keinen UmstĂ€nden. Du sagtest zwar einmal, Du wĂŒrdest nur 50 S geben, doch da Du fĂŒr Fredys Rad 75 S bezahlt hast, ist das ja wohl der ĂŒbliche Preis. Es wĂŒrde aber in dem Monat nochmals der Sparbetrag wegfallen. Hoffentlich zum letzten Mal. Die Sachen, die ich noch brauche, wenn ich zu Dir fahre (Mantel, Hut, Schuhe), möchte ich ja von dem normalen Geld beschaffen. Na, in dem Monat ist das Geld weg bis auf 70 g. Ich wollte mir zwar morgen Per Gynt anschauen, aber wie Du siehst, geht es nicht. Vielleicht ganz gut. (Robert hab ich’s ja auch versprochen, also minus 30 g.) Ich habe gestern ein Buch gelesen, das ein ganz Ă€hnliches Thema behandelt wie Schaffners „Weisheit der Liebe“. Es hat mich so angegriffen, daß ich lange nicht schlafen konnte. Und heute hörten wir im Radio ein Wiener Sittenbild, nicht weniger aufregend. Na, und alle Tage will ich ja schließlich nicht weinen.

Fritz kann wohl recht haben mir der Aufhebung des Mieterschutzes, dann mĂŒssen wir aber mit einem Mindestzins von 80 S rechnen, nach den Erfahrungen, die ich bis jetzt auf dem Gebiet habe. Daß ich so vor- und umsichtig als möglich handeln werde, kannst Du sicher sein.

Aufgeben kann ich den Brief erst am oder nach dem Ersten.


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