Grete Schröfl - Robert Schröfl: Korrespondenz


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Russe, 5.1.36

Meine Lieben!

Nun bin ich hier wieder glĂŒcklich angelangt und habe alles eigentlich wie frĂŒher angetroffen. Die Mechaniker und Herr Muradian haben mich abgeholt und sehr freudig empfangen. Auch Frau Kallinowa und die Kinder hatten Freude, besonders ĂŒber die beiden NĂ€hschachteln. Herr Baranow war in Gabrowo und kam erst heute nach Hause. Hier herrscht Weihnachtsstimmung und es ist fĂŒr mich recht sonderbar, wo ich ja eben diese Feiertage bei Euch verbrachte.

Herr Nikoloff ist noch immer in Sofia, so daß mein Schreiben, in welchem ich mitteilte, daß ich erst am 3. JĂ€nner komme, seinen Adressaten nicht fand. Man wußte daher nicht, daß ich spĂ€ter eintreffe und erwartete mich zu Sylvester, wo man eine kleine Neujahrsfeier vorbereitet hatte. Leider wurde, weil ich nicht kam, nichts daraus.

Die Fahrt ging gut von statten, mein Fahrtgenosse war ein Franzose, der aber kein Wort Deutsch konnte. In Herrmannstadt stiegen einige SiebenbĂŒrger Sachsen ein, darunter eine Familie aus Konstanza mit einer achtjĂ€hrigen Inge. Da hatte ich natĂŒrlich wieder Unterhaltung.

Heute ist hier der Goldene Sonntag, die ganzen GeschĂ€fte sind offen, auch gibt es hier richtige ChristbĂ€ume, die wohl nicht so schön sind wie unsere, aber es ist doch weihnachtlich. Das Radio ist bei mir gleichfalls wieder in Aktion und ich bin durch den Zeitunterschied gezwungen, lĂ€nger im Bett liegen zu bleiben, wenn ich z. Bspl. das Karlsbader Kur-Konzert hören will, denn die Zeit Âœ 8 bis Âœ 9 ist ja bei uns Âœ 9 bis Âœ 10. Na, ich halte das schon aus, ĂŒberhaupt bei diesem Wetter, das nicht um ein Haar anders ist als oben. Nebel mit Quatsch, der sich ja hier besonders auswirkt, so daß das Erste war, Galoschen zu kaufen. Sie kosteten Lewa 140.-, also doch noch um Lw.20 billiger, denn in Wien kosten sie S 8.--

Diesen Brief sende ich per Luftpost. Fredy, gib mir gleich Bescheid, ob Du mit dem Verkauf Deiner Ganzsache GlĂŒck hattest, weil ich dann gleich einen zweiten nachsende. Aber gebt acht beim Aufmachen, daß das Kuvert nicht beschĂ€digt wird. Am besten, Ihr schneidet dieses mit der Schere auf.

Wenn Du das Marken-Album weitermachst, so verwende auch dieselbe Sorgfalt darauf wie bei Österreich. Ich werde vielleicht hier alte bulgarische Marken bekommen. Auf alle FĂ€lle werde ich hier alle Bekannten darum ansprechen.

Die Aufnahmen, die ich in Wien gemacht habe, sind gut geworden. Wenn ich die Kopien bekommen habe, werde ich sie vielleicht diesem Brief noch beilegen.

Eben erfahre ich von Muradian, daß ich morgen Mittag von seinen Eltern zu Tisch eingeladen bin. Der Hauptfeiertag der Armenier ist nĂ€mlich schon morgen, sie sind den Bulgaren um einen Tag voraus.

Ich glaube, alle Menschen bedauern mich, daß ich an solch hohen Feiertagen allein sein muß. Nun, mir macht das gar nichts, weil unsere ja schon vorĂŒber sind. Gestern abends war ich wieder einmal bei Kaudelka, wo ich mit einem Hallo empfangen wurde. Es waren anwesend: Herr MĂŒller, Fischer und Tank. Letzteres Frau wird vielleicht auch anfangs Februar nach Deutschland fahren und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie mit mir fĂ€hrt.

Ich gehe jetzt in die armenische Kirche zur Weihnachtsfeier, bin schon neugierig, wie dort alles vor sich geht.

Viele GrĂŒĂŸe

Vater.

Lieber Fredy!

Es ist nicht so leicht, hier jetzt zu den Feiertagen einen Brief aufzugeben. Gestern war nun schon um 10 Uhr Schluß, so daß ich, weil ich weiß, daß normal die Luftpostbriefe bis 11 Uhr angenommen werden, zu spĂ€t kam. Auch morgen ist noch Feiertag und die Post geschlossen, so daß der Brief erst Samstag nach Wien kommen wird. Also sei nicht zu ungeduldig! Ich habe mittlerweile bulgarische Marken bekommen und lege sie diesem Brief bei.

Gestern war hier der Heilige Abend. Man sah ChristbĂ€ume in den Stuben brennen, auf der Straße zogen Kinder meist zu zweit umher und sangen Weihnachtslieder. Alle hatten sich vorne an die Kappen ImmergrĂŒnzweige, die mit Goldfarbe ĂŒberspritzt waren, gesteckt; das soll GlĂŒck bedeuten. Auch Gesangschöre von den Schulen zogen aus und sangen bei der Wohnung ihrer Lehrer. Das dauerte bis 11 oder halb 12 Uhr. Und was das sonderbarste ist, die Leute wĂŒnschen sich dabei ein frohes Neujahr.

Heute bin ich bei Herrn Nikoloff, der mit seiner Frau schon in Russe ist, zu Mittag geladen, morgen gleichfalls zu Mittag zum Chef unserer Post. Gestern war ich mittags bei Susi und ihrer Familie. Da habe ich einmal armenisch gegessen. Es ist nicht viel Unterschied, nur das ist sonderbar, daß Susi und ihre Ă€ltere Schwester nicht bei Tisch sitzen durften, sondern eigentlich nur im Hintergrund herumstanden. Das ist hier so Sitte, daß, wenn GĂ€ste hier sind, die JĂŒngsten nicht zu Tisch dĂŒrfen. Auch waren noch dort ein armenischer Schriftsteller und ein alter armenischer RevolutionĂ€r, der in der Zeit der ersten Revolution in Rußland von 1903 bis 1906 nach Sibirien verbannt wurde. Trotzdem ich mich leider, mit Ausnahme in bulgarisch, mit den Leuten nicht verstĂ€ndigen konnte, herrschte doch eine wirklich harmonische Stimmung.

7.1.36

Liebe Gretel!

Jetzt bekam ich vom hiesigen Herrn Nikoloff die Hiobsbotschaft, daß Schmid in Sofia Sonntag gestorben ist. Ich will es nicht glauben, aber es ist doch Wahrheit. Seine Frau fuhr heute mit seiner Leiche nach Deutschland, wahrscheinlich zu ihrer Mutter, wo sie ja wahrscheinlich doch bleiben kann.

Ich kann Dir sagen, daß mir das mehr als ich dachte, nahegeht, weil Schmid bei unserer Zusammenarbeit so nett und freundschaftlich war. Ich habe mich schon darauf gefreut, wenn wir in Sofia wieder beisammen sein können. --

Nun muß ich immer an die Frau mit den zwei kleinen MĂ€derln denken. Wenn das seine Schwiegermutter gewußt hĂ€tte, wĂ€re sie gewiß noch hiergeblieben.

Ich schreib Dir morgen weiter. Heute brauche ich Dich mehr denn je! Viele KĂŒsse

Schröfl

Wien, 8.1.1936

Liebstes!

Morgen sind es schon wieder 8 Tage, daß Du fort bist, also, Gott sei Dank, nur mehr 4 Wochen!

Kind, wenn ich auch noch so tapfer bin, bin ich doch froh, wenn die Sache ein Ende hat. Immer wieder, wenn Du gehst, ist mein Herz fĂŒr Wochen nicht in Ordnung.

Deine Karte aus Bukarest ist gestern gekommen. NatĂŒrlich freut sich Fredy ĂŒber die Marken und wartet schon sehnsĂŒchtig auf seine 50 Lewa-Marke.

Neues gibt’s eigentlich kaum. Außer daß ich gestern bei Schwester Czernys BegrĂ€bnis war. Sie liegt auf dem Meidlinger Friedhof. 79 Jahre ist sie alt geworden. Nun muß ich immer wieder an Mutter denken. Aber es hat ja keinen Sinn, sich den Kopf voll und das Herz schwer zu machen. Schließlich muß man ja froh sein, wenn man mit 40 Jahren immer noch eine Mutter hat.

Gestern und heute sind bei Euch die Feiertage und ich bin schon recht neugierig, wie sie im allgem. verbracht werden und was Du gemacht hast. Wie waren die Kinder mit ihren AusnÀhschachteln zufrieden?

Eben hörte ich die Leonorenouverture, ob Du sie auch hörtest? Es war sooo schön. Manchmal empfinde ich so schöne Musik direkt schmerzlich. Auf jeden Fall löst sie ein unendliches Sehnen aus, unbestimmt wonach.

Das ist ja ĂŒberhaupt so sonderbar. Ich bin so glĂŒcklich mit Dir, Liebstes, ich glaube, so glĂŒcklich als man eben sein kann und doch kommt manchmal dieses Sehnen ĂŒber mich, genau wie bei der Musik. Ich weiß nicht woher, ich weiß nicht wonach. Ob’s Dir wohl auch so geht, mein Lieb!

Werner hat von der Spielschule noch einen kleinen Holzbaukasten bekommen, ein BĂŒcherl zum Ausmalen und ein Papierkörberl voll Zuckerback. NatĂŒrlich hat er sich sehr gefreut. Heute hab ich beim Herausgehen mit der Frau Leiterin gesprochen, sie sagt, daß Werner sehr brav ist.

Eigentlich wollte ich Dir gestern schreiben, habe aber a conto meines langen Feierns bis 10 Uhr abends gewaschen und mußte mir noch den Großteil des Schwemmens fĂŒr heute aufheben. Nun bin ich froh, daß das wieder hinter mir liegt. Diesmal hab ich mich direkt gefĂŒrchtet vor dem Waschen.

Heute war wie gewöhnlich Bernhard da und abends auch Olga. Sie möchte ihr Kleid bis 18.d. M. haben, weil sie da auf einen Ball geht. Na, mir ist’s ja auch recht, wenn ich das Kleid genĂ€ht habe. Nur Roberts Schihose möchte ich sobald als möglich nĂ€hen. Bis jetzt habe ich erst ein Nachthemd fĂŒr Robert und fĂŒr mich ein Nachthemd und drei Taghemden gemacht.

Mache fĂŒr heute Schluß. Mit tut mein Arm wieder sehr weh, wahrscheinlich von dem kalten Wasser beim Schwemmen. Alles kann ich ja doch nicht wĂ€rmen.

Es kĂŒĂŸt und umarmt Dich in heißer Liebe

Deine Gretel.

Wien, 14.1.1936

Mein lieber Mann!

Vielen Dank fĂŒr Deinen lieben Brief, den wir Sonntag vormittag erhielten.

Liebstes, mir ist’s wohl nicht anders gegangen als Dir, als ich von Schmids Tod erfuhr. Fritz war Freitag abends bei mir und erzĂ€hlte mir davon. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil auch ich immer an die arme junge Frau mit den beiden Kindern denken mußte. Und doch ist’s noch besser so als wenn ihr gar nichts von dem geliebten Mann geblieben wĂ€re. Die Kinder werden ihr ein wenig darĂŒber hinweghelfen.

Jedenfalls aber ist es einem unfaßlich, daß solch ein junger, anscheinend doch krĂ€ftiger Mensch ausgelöscht sein soll, gerade er, der so an seinen Kindern hing.

Eigentlich scheinen mir alle Worte darĂŒber so leer gegen das was ich fĂŒhle. Auch ich wĂŒrde Dich so sehr hier brauchen, Kind!

Eben singt jemand im Radio „In diesen heil’gen Hallen“; das klingt so beruhigend.

Fredy hat bezĂŒglich der Marke eigentlich einen Unsinn gemacht, wie Du aus seinem Brief ja ersehen kannst. Ich hĂ€tte ja nichts dagegen gehabt, daß er zu Adolf ging um Adressen von Sammlern zu erfahren. Aber daß er ihm selbst gleich die erste Marke ĂŒberließ, war mir nicht recht. Denn so weiß am ja erst nicht, wieviel man beim HĂ€ndler bekommt. Es ist aber jetzt auch nichts mehr zu machen, da der Bub doch sonst auch GefĂ€lligkeiten von Adolf beansprucht. Mehr als den tatsĂ€chlichen Kurswert (Lewa-Kurs) der Marke ließen wir uns natĂŒrlich bei Gebauers nicht bezahlen. DarĂŒber hatte ich ja mit Fredy schon gesprochen, falls Du fĂŒr Adolf einmal eine Marke schicken wĂŒrdest.

Daß es schon wieder so viele Einladungen fĂŒr Dich geregnet hat, beweist natĂŒrlich nur wieder Deine Beliebtheit in Russe. Nun ist ja scheinbar bei Nikoloffs wieder alles in Ordnung, wenn Frau Nikoloff wieder da ist. Die armenische Tischsitte bezĂŒglich ihrer jĂŒngsten Familienmitglieder finde ich sehr sonderbar, wenn diese jĂŒngsten doch schon ĂŒber zwanzig Jahre zĂ€hlen.

Wie hat Susi das Buch von Storm gefallen?

Heute habe ich angefangen, Olgas Kleid zu nÀhen; morgen kommt sie zur Probe. Hoffentlich wird die Kunde zufrieden sein mit mir.

Schatz, ich bin so froh, daß Du schon in drei Wochen auf immer kommst.

Ich glaube, Fritz hat sich schon ein wenig an den Gedanken des Nachwuchses gewöhnt. Seinen Urlaub hat er schon unter diesem Einfluß auf Ende August angesetzt. Er freut sich ja doch und fĂŒrchtet nur das Geschrei in der Nacht. Na, ich denke, er wird sich daran gewöhnen und ruhig dabei schlafen, wenn das Kind so ungefĂ€hr normal ist. Meinst Du nicht auch?

Körbler freut sich jedenfalls mehr auf seinen SprĂ¶ĂŸling, ihm strahlt das ganze Gesicht, wenn er von den Erwartungen spricht. Es gibt nun also wieder kleine Ware in Bekanntenkreisen. Ist mir jetzt schon lieber als bei uns selbst.

Gestern und heute hat man im Albertkino „Die Heilige und ihr Narr“ gespielt. Aber außerdem, daß ich schon viel zu tun habe, bin ich auch noch gesĂ€ttigt von dem letzten Film, in dem wir beide waren. Auch ist’s ja gar nicht schön, wenn ich allein dort bin, so bin ich nicht gegangen.

Die Kinder schlafen schon, und ich habe mir das Radio ganz leise eingestellt, so daß es just wie eine Spieluhr klingt. So still und friedlich ist’s um mich, daß ich mir einbilden könnte, ich sei wieder jung und irgendwo allein im Wald. Die jetzt gehörte Melodie könnte auch eine deren sein, die ich einst getrĂ€umt und empfunden. So vieles Schöne, das mir einst zu eigen war, ist verlorengegangen im Lauf der Zeiten, untergegangen in der Prosa des Alltags! Aber ich wollte gar nicht klagen, wenn ich nur in den Kindern ein wenig von alldem erwachen sehen wĂŒrde. Bis jetzt aber sind sie jeder Kunst gegenĂŒber empfindungslos. Gut ist’s nur, daß sie wenigstens fĂŒr die Natur richtig empfinden.

Gute Nacht, mein Lieb! Ich kĂŒsse Dich innig und heiß!

Dein Weib.

Russe, den 15.1.1936

Mein Liebes!

Nun erwarte ich schon die Antwort Fredys wegen der Marken. Werde dann Samstag eventuell wieder einen Flugpostbrief senden.

Nun wird ja die Zeit immer kĂŒrzer bis zu meiner Abfahrt und ich erwarte diese ebenso sehnsĂŒchtig wie Du, mein Schatz. Jetzt, wo in Russe weniger zu tun ist und ich das nahe Ende schon in mir spĂŒre, ist es mir schwerer wie im Anfang, wo ich doch fremd war. Das schönste ist, abends im Radio zu hören. Der Vortrag Dr. Bergauers war gestern ganz hĂŒbsch und auch interessant. NatĂŒrlich muß ich dabei immer denken, ob ihr wohl auch hört?

Mit der Musik, mein liebes Kind, geht’s mir genau so wie Dir. Aber ich glaube, dieses GefĂŒhl kann nur dann befriedigt werden, wenn man selbst diese Musik spielen kann. Vielleicht ist es dabei so wie mit einem schönen Wunsch. Man sehnt sich danach, aber wenn er erfĂŒllt ist, schwĂ€cht sich doch die Freude darĂŒber ab. Mit dem VerhĂ€ltnis, wie wir miteinander glĂŒcklich sind, hat das, glaube ich, direkt nichts zu tun. Freilich, wenn wir zusammen das Schöne hören oder sehen können, dann wird uns nachher leichter sein, als jetzt, wo wir beide immerhin schon eine Sehnsucht in uns haben. Nun aber wird dies ja bald nicht mehr sein.

Ich glaube, bis zum 31.d. Mts. hier zu sein. Am 1. Feber fahre ich nach Pleven, wo ich einen Kollegen von Konstantinopel habe, den ich besuchen will. Am 3. wĂŒrde ich dann nach Sofia fahren. Am liebsten möchte ich von dort nach Wien fliegen, denn spĂ€ter wird ja wenig Gelegenheit dazu sein. Oder ich fahre ĂŒber Agram und Graz, das ich, ersteres, auch noch nicht gesehen habe. Ich mache halt PlĂ€ne, wie Du siehst! Nach Hause wĂŒrde ich dann im ersten Fall Dienstag den 4., oder wenn ich per Bahn komme, Mittwoch den 5. Feber kommen. NatĂŒrlich schreibe ich noch genau darĂŒber.

Samstag

Mein lieber Schatz!

Freilich war es nicht ganz gut, daß Fredy gleich die Marke an Adolf abgibt. Aber damit wir nicht zuviel Zeit verlieren, so kann Fredy doch nachfragen, wie hoch der Wert der Marken ist, ohne daß er sie verkauft! Ich werde dieses Schreiben doch erst am Montag aufgeben, denn es kommt per Bahn auch nicht frĂŒher an.

Außerdem möchte ich wissen, ob man die Marken hier kaufen und ganz einfach auf der Post stempeln lassen kann, eventuell auf ein Kuvert geklebt. Schreibt bitte bald, denn ich bin ja nicht mehr lange in Russe.

FĂŒr die angegebenen Marken hĂ€tte mir Fredy den Katalogwert angeben können, da dies beim Einkaufen nĂŒtzlich gewesen wĂ€re. Vielleicht kann er dies noch nachholen.

Und nun zu Deinem lieben Schreiben. Die letzte Zeit ist fĂŒrchterlich dumm. Beinahe elf Monate bin ich schon hier, aber noch nie fiel mir dies so schwer, wie jetzt, wo es doch so bald ein Ende haben wird.

Und dabei sind doch die Leute so lieb zu mir. Gestern war wieder ein BegrÀbnis eines Beamten von der Post. Der Mann war innerhalb einer Stunde tot, ein Herzleiden war das Ende.

Ich war auch bei der Beerdigung, obwohl, wie Du ja weißt, mir solche Zeremonien zuwider sind. Aber ich konnte mich nicht ausschließen. Im Hof des Trauerhauses war, wie ich hinkam, schon die ganze Post versammelt. Die meisten schauten sich den Toten an, ich verzichtete darauf. Die Leiche war zweiter Klasse, ein vierspĂ€nniger Leichenwagen, die Pferde mit schwarzen Trauerdecken, so daß nur die Augen herausschauten, an der Seite jeder Ecke hing ein Taschentuch. Der Wagen selbst ist an den Seiten offen. Ich habe eine Aufnahme gemacht, aber es war schon recht finster. so daß ich nicht weiß. was daraus geworden ist. Zwei Popen kamen, gleichfalls mit einem Taschentuch behĂ€ngt. Drinnen sangen sie, der eine hatte eine schöne Baßstimme. Dann wurde der Sarg herausgebracht. Aber ohne daß er geschlossen war. Im Wagen legte man nur so den Deckel auf die Leiche. Nun bildete sich der Leichenzug. Vorne zwei LaternentrĂ€ger, dann zwei Mann mit Fahnen, die aber aus Blech sind. Dann der Wagen und die nĂ€heren Verwandten. Die gingen trotz allem Kot immer hinter dem Wagen. Die anderen gingen zu beiden Seiten der Straße auf dem Gehweg. Vor der Kirche wurde wieder gesungen, dann ging’s hinein, vielmehr hinunter, denn die Kirchen, die noch aus der TĂŒrkenzeit stammen, mußten damals in ebenerdigen GebĂ€uden untergebracht werden. So grub man nach unten, um einen hohen Raum zu bekommen. Die Kirche selbst ist sehr schön innen. Ein Thron fĂŒr den Zaren und einer fĂŒr den KirchenfĂŒrsten ist da. Orgel gibt es nicht, das besorgt beim Gottesdienst ein Chor. Auch gibt es nicht einen eigentlichen Altar, oder er war, Ă€hnlich wie in der armenischen Kirche, durch VorhĂ€nge verdeckt. Drei Luster hĂ€ngen von der Decke, der eine davon ist ein PrachtstĂŒck. Er ist ganz aus Glas, aber nicht geschliffen, sondern geblasen und gegossen. Nun hatte man den Sarg nach vorne in die Mitte des Raum gestellt, die NĂ€chsten des Toten saßen auf Stockerln, die anderen standen. Eine alte Frau drĂŒckt mir wie allen anderen eine Kerze in die Hand, die man, angezĂŒndet, tragen mußte. Der Sarg, der wieder offen war, wurde rundum mit kleinen Kerzen besteckt. In die HĂ€nde des Toten gaben die Leute auch kleine Kerzen. Das Bild war ein sehr feierliches. Nun las der Pope wieder, dann sangen sie, und zum Schluß wurde der Tote und alle Anwesenden angerĂ€uchert. Dann kĂŒĂŸten viele nochmals den Toten, ein Kirchendiener gab jedem der drei Luster einen Stoß, daß er pendelte (das ist so eine Sitte, auf den Ursprung konnte ich leider nicht kommen) und der Zug ging wieder aus der Kirche. Nun ist es zum Friedhof, wo wir einmal zusammen waren, nicht weit, aber der Leichenzug muß unbedingt ein StĂŒck ĂŒber eine Hauptstraße fĂŒhren. So ging es auf die Alexandroffska und dann auf den Friedhof. Mittlerweile wurde es schon finster. Am Grab sprach wieder der Priester, dann unser Nikoloff (von der Post), der dabei auch an Schmid erinnerte, aber schließlich nicht weitersprechen konnte, weil er zu erregt war. SpĂ€ter Ă€rgerte er sich darĂŒber. Nun wurde von zwei Frauen Brot und Cognac herumgereicht und zwei Postler stellten den Sarg in die Grube. Dann erst wurde der Deckel draufgelegt und das Grab gleich bis hinauf zugeschĂŒttet. Die Witwe muß nun drei Tage lang auf das Grab gehen und nimmt die nĂ€heren Verwandten mit. Nach neun Tagen kommt wieder der Pope und singt und betet. Nach vierzig Tagen ist wieder ein grĂ¶ĂŸerer Besuch mit Popen und geladenen Leuten. Jetzt wird das Grab, das mittlerweile eingefallen ist, gleichgemacht. Der Pope hat dazu eine kleine Schaufel, es wird eine Öllampe angezĂŒndet und die Erde mit Wein begossen. Auch ißt man am Grab Fisch, Gerste mit NĂŒssen und trinkt auch. Nach drei und sechs Monaten und nach einem Jahr sind wieder offizielle Besuche mit Essen, Trinken und dem Popen.

Diese Vorschriften mĂŒssen genau beachtet werden, da schaut schon die Mitmenschenschaft drauf.

Und jetzt wollte ich eigentlich zu Deinem Schreiben schreiben und wieder bin ich zu was anderm gekommen.

Nochmals wegen der Marken. Ich habe gestern hier eine Markenhandlung entdeckt, wo man billige Marken kaufen kann. Ich habe auch schon drei SĂ€tze, alle doppelt gekauft, weil ich denke, daß Adolf sie gewiß auch haben will. Je drei SĂ€tze kosten 50 Lewa. Schreibt mir, ob ich noch etwas kaufen soll und den Preis dazu.

Die gewĂŒnschten Flugpostmarken vom Jahre 1932 kosten per Satz (3 StĂŒck) 200 Lewa. Soll ich auch diese kaufen und wieviele SĂ€tze?

Schade daß ich keinen Katalog hier habe, denn ohne diesen kann man die Preise nicht gut schĂ€tzen, auch daß ich diese Markenhandlung erst jetzt entdeckte, ist dumm.

Aber jetzt aus mit den Marken. Susi hat das Buch, glaube ich, noch nicht gelesen, denn es gab hier eine besonders ermĂ€ĂŸigte Fahrt nach Varna, und sie ist dahin zu Verwandten gefahren. Aber morgen kommt Susi zurĂŒck, weil sie in unser BaubĂŒro in Sofia aufgenommen wird. Ritter braucht momentan Löterinnen und da habe ich sie empfohlen. Auch ganz gut fĂŒr sie, weil dort vielleicht lĂ€nger Arbeit ist.

FĂŒr Fritz freue ich mich, ich glaube aber, in einem Jahr denkt er auch anders darĂŒber. Im Sommer kann er ja nachts ausziehen. Aber er wird schließlich gar nicht wollen.

Aber, da hast Du recht! Wir sind doch ein wenig zu alt, ĂŒber die Zeit hinaus, fĂŒr kleine Kinder.

Den Film, den Du wieder versĂ€umt hast (aber mir ist es doch recht, weil wir ihn dann miteinander sehen) schauen wir uns an. Mein liebes, gutes Kind! Du willst nicht klagen, tust es aber doch. Alles das, was Du und ich und alle jungen Menschen einmal fĂŒhlten, von dem bleibt uns freilich nur die Erinnerung, die aber wieder die Vergangenheit in viel freudigeren Farben erscheinen lĂ€ĂŸt. Wie könnte man sich sonst in eine Zeit zurĂŒcksehnen, die in der Gegenwart unertrĂ€glich schien? Das ist das Schöne, daß das Vergangene verklĂ€rt wird. Und dann Ă€ndert sich der Mensch in seinem Inneren ja auch, selbst solche Menschen, die die „Prosa des Alltags“ nicht so zu fĂŒhlen bekommen. Siehst, Lieb, meine TrĂ€ume, die ich als junger Mensch hatte, ich sehe sie auch nicht in dem Maße verwirklicht, wie ich eben trĂ€umte. Man schafft sich im Traum einen Idealzustand, in dem man einmal leben wird, fast möchte ich sagen, ein Gartenlaubenbild. Ich sah mich immer in einer Familie, die um einen schöngedeckten Tisch sitzt, alle mit freudestrahlenden Gesichtern. Ob ich dasselbe Gesicht gemacht habe, weiß ich nicht. Wahrscheinlich auch. Aber da ich es eben in Wirklichkeit nicht mache, darum ist es auch bei uns nicht immer so. Das ist natĂŒrlich nur ein Beispiel. Wenn jeder von uns beiden manchmal so wĂ€re, in demselben schönen Zustand, wie man das Leben frĂŒher gesehen, dann wĂ€re vieles ein wenig anders.

Bei mir ist es gerade die Unmöglichkeit, das Leben so zu schaffen, wie es mir am besten scheint, die Ursache, daß ich manchmal so zuwider bin. Weil ich sehe, daß es mit ein bißchen gutem Willen möglich wĂ€re. Aber natĂŒrlich ist das nicht wieder ein Vorwurf fĂŒr Dich. Ich weiß ja, dieser gute Wille fehlt mir ja geradeso und auch den Kindern. Wir werden es immer wieder versuchen, gelt, mein Schatz!

Und das Schöne, was Du einmal Dein Eigen nanntest, ist bestimmt nicht verloren gegangen. Lieb, Du fĂŒhlst es nur nicht mehr so, weil Du davon viel uns gegeben hast. In unseren Kindern lebt dieses Schöne bestimmt fort. Und wenn es auch nicht immer sichtbar ist, lasse einige Jahre vergehen und Du wirst es selbst noch in ihnen erleben.

Wo, mein Lieb, hatten denn die Kinder bis jetzt Gelegenheit, dieses zu begreifen, ja vielleicht nur zu sehen? Die Natur, die ja auch sehr schön ist, lieben sie. FĂŒr die Musik sind die Kinder in dem Alter noch nicht so empfindlich. Aber warte, wenn ich in Wien bin und mit Robert einige Male in die Oper gehen werde, dann wird, so glaube ich, in ihm selbst der Wunsch wach werden, öfter zu gehen.

Freilich denke ich da auch auf das Materielle. Aber da darfst Du eben nicht wieder auf das Praktische zu viel eingestellt sein. Es ist ja nicht umsonst, und ich bin noch heute dankbar, daß mir meine Leute, einmal gerade in diesem Punkt, öfters Gelegenheit gaben, das Schöne zu hören.

Auch fĂŒr die Natur muß die Liebe wachgerufen werden. Das hat mir mein Papa fĂŒrs Leben mitgegeben, und wahrscheinlich ist dies wertvoller als Geld. Und den Kindern habe ich auf allen unseren Wanderungen das Schöne gezeigt und Du tatest dasselbe.

Ich erinnere mich an die Zeit gerne, wo ich, statt in die Kirche zu gehen, wie ich es eigentlich von der Schule aus machen sollte, in den Wald gegangen bin, und mich dann auf der Ersten Wiese am RĂŒcken ins Gras gelegt habe und der Natur, dem Singen in der Luft, dem Zirpen der Insekten und Summen der Bienen und Hummeln gelauscht habe. Wenn ich dann zum Mittagessen nach Hause ging, traf ich meistens die MĂŒhlndorfer, die von der Kirche kamen. Der alte Herr MĂŒhlndorfer fragte mich da oft: „Na, Robertl, wo warst du denn heut schon wieder?“ Ich war aber zu froh und sagte nur „wieder im Wald!“

Das waren selige Stunden, aber die Hauptsache, ich war jung.

Nun habe ich heute wieder einmal viel philosophiert.

Sonntag

Heute war in Russe Wasserweihe. Höchst feierlich. Die ganze Garnison rĂŒckte aus. Infanterie, Marine, Artillerie, die Schipka-Veteranen und auch die Feuerwehr waren am Platz zwischen Bahnhof und Donau versammelt. Vier Kanonen standen auf dem Weg von uns, beim MilitĂ€r-Club. Die Schulen kamen geschlossen, der Bahnhof selbst war gesperrt. Der Zug von Sofia, der um 1o Uhr kommt, mußte auf der freien Strecke halten, was natĂŒrlich fĂŒr die aussteigenden Passagiere sehr unangenehm war. Aber der Festlichkeit mußte alles weichen.

Der Bischof kam mit großem Pomp und hielt auf einem Ponton eine Messe. Dann warf er mit großem Schwunge ein Kreuz in die Donau. Zugleich ertönten alle Schiffspfeifen und die Artillerie feuerte elf SalutschĂŒsse ab. Und von einem Kahn sprang ein Mann ins Wasser und holte das Kreuz heraus. Dieser darf nun morgen zu allen Leuten sammeln gehen, und wird voraussichtlich ganz schön verdienen. Nun war ja heuer das Wetter nicht so kalt (die Sonne scheint recht warm auf die Maschine und mein Gesicht), wenn es aber, wie normal, 10 oder 15 Grad KĂ€lte hat, ist das Holen nicht sehr angenehm.

FĂŒr heute schließe ich, es ist der vorletzte Sonntag in Russe. Viele, viele Busserln

Robert

Der Post-Nikoloff sagte mir, daß mich die Generaldirektion fĂŒr eine Auszeichnung beim Zaren vorgeschlagen hat. Also ist es doch was. Wie lange die Erledigung dauert, weiß ich natĂŒrlich nicht. Weiters will Niko. mein 25jĂ€hriges DienstjubilĂ€um unbedingt noch hier feiern und es soll hier stattfinden. Schreibe mir bitte dringend, wann ich bei Schuckert eingetreten bin, am 11. oder 14. April 1911.

Wien, 22.1.1936

Liebstes!

Vielen Dank fĂŒr Deinen so lieben ausfĂŒhrlichen Brief. Schreibe Dir jetzt auch gleich per Flugpost zurĂŒck, damit Du das Datum Deines Eintrittes noch rechtzeitig erfĂ€hrst. Ich vermute ja, daß Du’s am 25. wissen willst.

Also laut Zeugnis war der 12. April 1911 der Tag Deines Eintritts.

Radio hören wir natĂŒrlich auch jeden Abend und haben auch mir die letzten VortrĂ€ge Dr. Bergauers sehr gut gefallen.

Du magst wohl recht haben, Kind, daß die gewisse Sehnsucht, die uns gute Musik gibt, erst dann zur Ruhe gelangt, wenn man diese Musik selbst ausfĂŒhren kann. Doch glaube ich nicht, daß die Freude (ich möchte es eher das GlĂŒcksgefĂŒhl nennen) darĂŒber, je abnehmen kann.

Fredy war jetzt eben mit Herrn Adolf in der Markenhandlung. Er bekommt fĂŒr die 50 Lewa, oder fĂŒr die 20- und 30-Lewamarken zusammen, wie Du’s auf dem heutigen Brief hattest, je 3 S. Es wĂ€re also ein Profit von 50 g. Ob sich das lohnt?

Fredy wie auch Adolf sagen, Du sollst nichts mehr kaufen, außer Flugpostmarken. Und zwar eine 50 Lewa fĂŒr Fredy, natĂŒrlich auf einem Brief extra, weil es als Ganzsache mehr Wert hat.

Dann fĂŒr Adolf eine 20 Lw und eine 30 Lw., und eine 12 Lw. kannst Du auf einen Brief kleben. Fredy braucht außerdem eine 12, eine 2 und eine 6 Lewamarke Flugpost.

Der 1932er Flugpostsatz ist um 200 Lewa, um 50 g teurer als in Wien. Die SĂ€tze, die Du gekauft hast, sind nicht ganz gut, aber das ist jetzt belanglos. Adolf hat die seinen jedenfalls genommen.

Deine Berichte ĂŒber das LeichenbegĂ€ngnis , wie ĂŒber die Wasserweihe, waren sehr interessant. Aber ich finde es gut, daß man bei uns etwas weniger umstĂ€ndlich ist. Wozu alle diese FormalitĂ€ten; Menschen, die man liebt, leben doch ewig in uns weiter, ob sie auch gleich tot sind. Wozu diese ganzen UmstĂ€nde also!

Liebstes, Deine letzten oder besser vorletzten Worte in dem Brief haben mir so wohl getan. Nur, daß es mit „ein wenig gutem Willen“ ginge - Kind, ich habe und hatte so viel guten Willen, aber anscheinend nicht die FĂ€higkeit, aus unseren Kindern und unserem Leben das Beste zu machen. Ich habe ja so oft darĂŒber nachgedacht, was bei uns fehlt und kann es doch nicht finden. Robert ist grantig, Fredy raunzt um geringfĂŒgiger Ursachen willen, na, und der Kleine ist allein ja ganz nett, in Gesellschaft der anderen aber unausstehlich (gilt von den beiden Großen ĂŒbrigens auch). Und ich habe das zu bessern gesucht, mit GĂŒte oder Strenge, es hilft nichts. Noch hoffe ich, daß die Kinder spĂ€ter doch vernĂŒnftiger werden.

Gestern kam Trude und hatte eine Anweisung auf zwei Freikarten fĂŒrs Stadttheater. Ich ging mit Fredy, mußte aber fĂŒr diese 2 Karten 1.70 S bezahlen, d.i. um 17 g pro Karte weniger als normal. Aber es war sehr hĂŒbsch. Man gab „Der Bettelstudent“ als Festvorstellung in ganz neuer Ausstattung. Jedenfalls ist das Theater preiswert.

Und nun kommt noch etwas. Am 27.d. M. gehe ich zum Ball der Mormonenpfadfindergruppe. Ich habe Trude zwar gesagt, ich gehe nur, wenn sie mir vorher modern tanzen lernt. Nun ist aber scheinbar die ganze Woche keine Tanzmusik, außer in den spĂ€ten Abendstunden. So werd’ ich tanzen mĂŒssen, ohne gelernt zu haben. Macht auch nichts.

Du siehst, mein Schatz, ich mache heute sogar Schreibfehler. Denn auf einer Seite quatscht Fredy ĂŒber die Marken, auf der andern muß ich Robert bei einer englischen Vorbereitung helfen. FĂŒr mich auch schon bald eine schwere Sache.

Lieb! Glaubst Du wirklich, ich sei gern so auf das Praktische eingestellt? Vielleicht wirst Du noch darauf kommen, wenn unsere VerhĂ€ltnisse derart sind, daß ich’s nicht mehr nötig habe, immer zu bremsen, wenn sich’s um Ausgaben handelt, die nicht unmittelbar zur Befriedigung des allernotwendigsten gehören.

Na, leb wohl, mein lieber Mann! Ich freu mich schon sehr, Dich bald wieder bei mir zu haben! Sehne mich doch unsagbar nach Dir!

In innig-heißer Liebe,

Deine Gretel

Russe, den 27.1.36.

Liebe Gretel!

Nun ist die letzte Woche in Russe da. Fast möchte ich es nicht glauben, daß ich nun auf Nimmerwiedersehen wegfahre. Die Leute sind hier in letzter Zeit so lieb, daß mir beinahe das Herz schwer wird, trotzdem ich mich doch schon so auf meine Heimfahrt freue und die Zeit, besonders die letzte, nicht mehr erwarten konnte. Gerade in der letzten Woche habe ich zwei Familien kennengelernt, eine aus Ober-Österreich, eine von hier und es tut mir leid, daß die Bekanntschaft nicht schon frĂŒher war.

Zu uns in die Telefonzentrale kommen jetzt viele Exkursionen, darunter war auch die französische Schule. Ich wurde von unserem Postchef den Lehrerinnen vorgestellt und ging dann wie gewöhnlich mit. Im Gang kommt ein MĂ€del zu mir und sagt: „Sind Sie nicht der Herr Schröfl?“ „Ja“, sage ich „und wer bist denn du?“ Sie erzĂ€hlte mir dann, sie wĂ€re Österreicherin und mit ihrer Mutter, Großmutter und Schwester hier. Nach dem Ende der Besichtigung lud sie mich ein, zu ihr zu kommen. „Na, kannst du mich denn einladen, was wird denn deine Mutter dazu sagen?“ Sie ist 11 Jahre alt! „Weißt, sag das erst deiner Mutter und wenn sie einverstanden ist, so komme ich.“ „Nun, am besten wird es sein, Sie kommen am Sonntag zu uns, ich werde Sie noch telefonisch verstĂ€ndigen.“

Und am Freitag hat sie angerufen und gestern war ich bei ihrer Familie. Eine alte, aber noch rĂŒstige Frau von 78 Jahren ist ihre Großmutter. Diese war schon zur tĂŒrkischen Zeit in Russe. Die Mutter dĂŒrfte 45-47 Jahre alt sein, und war recht erfreut, daß sie wieder einmal einen Österreicher bei ihr hatte. Sie selbst hat noch drei Söhne in Wels, die die Maschinenfabrik ihres Vaters, der vor 7 Jahren gestorben ist, fĂŒhren. Sie heißen Rafetseder, ein echt ober-österreichischer Name. Das Ă€ltere MĂ€del ist 13 Jahre. Ich fĂŒhlte mich dort sehr wohl, wir spielten und sangen und es war schade, daß ich schon um 6 Uhr fort mußte, weil ich wieder bei Nikoloffs eingeladen war. Dort war auch die Familie eines Postbeamten, die mich noch um Âœ 10 Uhr zu sich einlud. Dort sind auch zwei MĂ€dels, eine 18, die andere 16 Jahre, die Ă€ltere eine Violetta, welche mit der Dir bekannten Violetta befreundet ist. Die ganze Familie ist sehr musikalisch. Bei BĂ€ckerei und Wein wurde der schöne vorletzte Sonntag in Bulgarien abgeschlossen, um 12 Uhr.

Dienstag gehe ich wieder zu den kleineren MĂ€deln und werde zugleich bei Moskopf einen Besuch machen, da dies in der NĂ€he ist.

Gestern vormittag war ich in der Kirche bei einer Hochzeit. Nach dem Gottesdienst, wĂ€hrend welchem sich die Brautleute, bei einem Tisch sitzend, am Chor aufhalten, wird vorne im Mittelschiff ein Tisch aufgestellt. Darauf kommen ein Buch, zwei Kronen und ein Glas Wein. Die Brautleute, die durch eine SeitentĂŒr hinten hereinkamen, wurden dort von einem Priester empfangen, der ihnen aus einem Buch vorlas. Dann gehen alle zu Tisch. Braut und BrĂ€utigam haben lange brennende Kerzen in der Hand. Bei dem Tisch wird auch gelesen und vom Priester gesungen. Dann nehmen die Kranzeldame und der BrautfĂŒhrer die Kerzen und die Brautleute wechseln die Ringe. Dann werden beiden die Kronen aufgesetzt und sie bekommen von dem Wein zu trinken, dann nehmen sich die vier bei den HĂ€nden und gehen dreimal um den Tisch,wobei jeder im Vorbeigehen das Buch kĂŒĂŸt. Dann ist es zu Ende, eigentlich viel weniger feierlich als bei uns.

Nun, Lieb, das wird wohl der vorletzte Brief sein. Ich sende ja noch einen, mit den Flugpostmarken.

Mein derzeitiges Programm ist folgendes:

Am 29.d. Mts. Unterhaltungsabend der Post.

Am 30.d. Mts. Feiertag, Geburtstag des Zaren.

Am 31.d. Mts. Einladung durch die Mechaniker zum Mittagessen.

1.2. vorm. JubilÀumsfeier in der Post.

nachm. Bankett als Abschiedsfeier der Post.

2.2. Bankett, von mir gegeben.

3., 12 Uhr Abfahrt von Russe

19 Uhr Ankunft in Mesdra, wo ich Herrn Prohaskoff, mit dem ich in Konstantinopel gearbeitet habe, besuchen werde.

4., 12 Uhr Abfahrt von Mesdra

15 Uhr Ankunft in Sofia

5. und 6. in Sofia

6. oder 7. Abfahrt von Sofia

8. Ankunft in Wien, wann ist noch unbestimmt.

Ich werde Dir dann von Sofia telegrafieren. Falls schönes Wetter ist, fliege ich vielleicht.

Unterhalte Dich gut auf dem Ball. Viele GrĂŒĂŸe an alle.

Viele Busserln!

Robert

Wien, 28.1.1936.

Mein lieber Schatz!

Will Dir heute gleich am Morgen schreiben, damit Du den letzten Brief noch bekommst, bevor Du Russe verlĂ€ĂŸt.

Übrigens bin ich ganz kreuzfidel und munter, trotzdem ich heute Nach nur 4 Stunden schlief. DafĂŒr habe ich wieder einmal getanzt, dreimal sogar modern. Einmal mit Herrn Schreinzer, einmal mit Otto Lejsek (kannst Du Dich an den Buben erinnern?) und einmal mit Miku-Fredel. Wie, kannst Du Dir ja beilĂ€ufig denken. Jedenfalls war ich heute Nacht wenigstens um 10 Jahre jĂŒnger als sonst.

Bei Euch wird’s ja auch Samstag wieder lustig zugegangen sein. Wer trug die Kosten Deines Vor-JubilĂ€ums? Ärgere Dich bitte nicht ĂŒber die Frage, aber mir ist immer ein wenig bang, daß wir uns’re Schulden nicht werden bezahlen können. Hier zu Hause steht’s ja schlecht genug und hĂ€tte ich den Dollar nicht gehabt, wĂ€re ich auch auf das Fest nicht gegangen. Mit dem Wirtschaftsgeld ist es aber wie alljĂ€hrlich um diese Zeit, da muß ich regelmĂ€ĂŸig knausern und sparen und komme doch nicht draus. Im Sommer ist’s dann etwas besser, um im November von vorne zu beginnen. Sag mir aber nicht, daß ich raunze, ich konstatiere bloß Tatsachen. Zum Raunzen bin ich trotz der Misere zu gut gelaunt heute.

Also, liebes Kind, wenn alles gut geht, bist Du heute oder morgen ĂŒber 8 Tage wieder bei uns. Wie wir uns darĂŒber freuen, brauche ich Dir wohl kaum zu schreiben. Sag, soll ich Dir durch Fritz Speisekarten besorgen lassen oder geht das automatisch?

Lieb, Du sagtest, ich soll Dir noch schreiben, was Du mir mitbringen sollst! Nun, Schatzerl, fĂŒr mich ein oder zwei Netztaschen, sonst nichts. Sollte es aber möglich sein, so bringe fĂŒr Robert ein paar schwarze Halbschuhe Nr.38 möglichst breite Facon. Er möchte nĂ€mlich Lackschuhe. Ich finde das aber Ă€ußerst unpraktisch. Seine (Nr.37) sind ihm aber bereits zu knapp. Von Deinen alten Schuhen aber behauptet er, sie seien ihm viel zu groß. Haben eben alle so eine lange spitzige Form. Der Preis belĂ€uft sich hier von S 15,50 bis 19,50. Letztere sind schon sehr schön und richtige Knabenschuhe.

Ich habe mir von unserem Möbelgeld 10 S ausgeborgt. Gebe sie Mitte April vom Consumgeld zurĂŒck. Es war jetzt Inventurverkauf in allen SchuhgeschĂ€ften und ich kaufte mir zu meinem Seidenkleid ein Paar passende Schuhe um 9 S, die normal 16,60 S kosten.

Ich weiß nicht, ob Du von dem Los weißt, das Haas-Fritzl Robert geschenkt hat. Nun war der Bub wieder so furchtbar enttĂ€uscht, weil er nichts gewonnen hat, daß er sogar darĂŒber weinte. Da ist’s wohl besser, man hat gar kein Los.

Aber ich bin von dem Thema mitbringen wieder abgekommen. Die ArmbĂ€nder fĂŒr Frau Wenty und Frl. Emma (von Olga) darfst Du natĂŒrlich auch nicht vergessen. Ja mir scheint auch eines fĂŒr Frieda Axt. Und meine Schließe. Daß ich Dir wegen Schuhen schreib, weiß Robert nicht.

Gestern hat Hansi Herrn Wenty telefoniert wegen Molino fĂŒr Schw. Körbler. Wenty fragte gleich wieder, warum Robert Sonntag nicht dort war. Er möchte ihn scheinbar am liebsten ganz haben. Sonntag vor 8 Tagen waren wir alle bei Wentys, Robert schon vormittag, wir andern und Hansi nachmittag.

Frau Wenty begleitete uns dann bis zur Burggasse. Bei den beiden stimmt’s scheinbar schon ganz gewaltig nicht. Laut Frau Wentys Angabe will er nun absolut noch ein Kind; nach ihrer Ansicht allerdings nur um die Frau ans Haus zu fesseln. Na, man weiß dabei nicht, wie weit die Sache stimmt und helfen kann man wohl auch kaum. Die Zeit zwischen 40 und 50 Jahren ist halt doch scheinbar ĂŒberall in irgendeiner Weise kritisch. Entweder stirbt dann die Ehe daran oder sie geht gesund daraus hervor. Na, Schwamm drĂŒber.

Wenn Du den Brief bekommst, triffst Du wohl schon Reisevorbereitungen. Liebes, Du, bald werd ich Dich wieder haben!

Ich glaube, so ein Jahr Trennung wĂŒrde Wentys ganz gut tun.

Nun Schluß! Ich friere schon beim Schreibtisch ein, muß aber sehr sparen, denn ich habe weder Geld noch Kohle.

Auf ein baldiges Wiedersehen freut sich

Deine Gretel

Russe, den 31.1.36.

Liebe Gretel!

Nun habe ich schon ein wenig Reisefieber, umso mehr als mich auch die kommenden Feierlichkeiten beeinflussen. Vorgestern war Unterhaltungsabend der Post, doch war nicht sehr viel los. Aber es ging doch bis 6 Uhr morgens.

Gestern war ich nachmittags im Kino und dann geladen bei der Familie, von der ich Dir schon schrieb. Dort war auch ein Pope, den ich natĂŒrlich wegen meiner Fotosammlung geknipst habe. Es war recht nett dort, da die Leute sehr lieb sind. In meinem Nebenzimmer wird allerhand vorbereitet, na, ich bin schon neugierig!!

Es ist nun schon sicher, daß ich Montag mittag wegfahre. Einen halben Tag bleibe ich in Mesdra, komme Dienstag nachmittag nach Sofia und hoffe, schon am Donnerstag von dort abzufahren und Freitag abend nach Wien kommen zu können.

Ich sende eine große Kiste nach Wien, worin auch die Leiter ist. Die Kiste ist recht schön gemacht, so daß wir sie fĂŒr allerhand gebrauchen können. Was ich hineingebe, weiß ich noch nicht. Aber wie gewöhnlich wird diese schon voll werden.

Nun, Lieb, am Montag schreib ich Dir noch von hier, wie alles war.

Viele Busserln und heb die Aufnahmen gut auf!

Robert

Sofia, den 4.2.36.

Mein lieber Schatz!

Ich bin in schon in Sofia, die erste Etappe von der Heimfahrt ist erreicht. Meine Feierlichkeiten in Russe sind gut und fröhlich vorĂŒber. Es war wirklich sehr schön und imposant. Bei der offiziellen Feier war der BĂŒrgermeister von Russe und hielt eine Ansprache. Es war ein Bankett von 82 Personen im Gratsky-Kasino. Geschenke habe ich auch bekommen, und zwar kannst Du Dich schon freuen auf:

1 bulgarische Bluse von Tundaroff

1 Deck, Seide gestickt, von Susi (oder ein Schal)

1 Spitzendecke, ca 80 cm, von Susis Mutter

1 Spitzendecke, ca 100 cm, von Frau Steffi

1 Kaffeedecke, ca 100 cm im Quadrat, vom techn. Personal

6 Servietten, vom technischen Personal

1 Polster, von Violetta.

Ich habe alles so verpackt, daß es nicht auffĂ€llt, es kommt aber erst mit der Kiste in 2 bis 3 Wochen.

Wegen der JubilĂ€umskosten brauchst Du Dich nicht zu sorgen. 2000 Lw. wurden mir ja so bewilligt, und ich glaube bestimmt, daß die weiteren 2000 die Firma auch zahlen wird.

Die Schuhe bringe ich auch mit und werde diese morgen kaufen. Außerdem will ich Werner eine Schultasche, die es hier in sehr praktischer AusfĂŒhrung gibt, mitbringen, wenn ich sie hier in Sofia bekomme.

Am kommenden Montag in zwei Wochen kommt Frau Tank durch Wien, steigt jedoch nicht ab, weil dies ihre Reise verlĂ€ngern wĂŒrde.

Von allen Russinnen viele GrĂŒĂŸe.

Ich weiß nicht, ob ich Samstag oder Sonntag komme. Auf alle FĂ€lle verstĂ€ndige ich Dich noch.

Viele Busserln

Robert


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