Grete Schröfl - Robert Schröfl: Korrespondenz


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6.7.1935

Mein Lieb!

Du mußt ja gewaltig bös sein, da ich bis heute noch keine Antwort auf meinen Brief vom 28.6. habe, trotzdem Rommel schon diesbezĂŒglich Nachricht von Dir hat. GenĂŒtzt haben Dir ja die drei krĂ€ftigen FlĂŒche auch nichts. Na, aber wenn es Dir Erleichterung brachte, soll’s mir recht sein.

Nun, ich sehe dagegen immer mehr ein, daß es gut war, daß ich nicht frĂŒher fahren kann. Denn ich wĂ€re bis zum 10. nicht einmal mit all der Lauferei fertig geworden. Der Paßreferent auf dem Kommissariat machte mich gleich aufmerksam, daß ich ein Ausreisevisum brauche und um dieses zu erlangen eine BestĂ€tigung des zustĂ€ndigen Steueramtes, daß ich (es ist direkt zum lachen) keine SteuerrĂŒckstĂ€nde habe. „Den Paß bekommen Sie erst am Dienstag abends, besorgen Sie sich das am Steueramt lieber gleich in der Zwischenzeit, damit Sie dann gleich zum Paßamt gehen können, um das Ausreisevisum.“ So seine Worte.

Ich ging also gleich den nĂ€chsten Morgen in die Seidengasse. Da hieß es: „Ja, ham S’ a Gesuch? Da miassn S’ a Gesuch bringen mit an Schillingstempel und anahalb Schilling Stempel beilegen.“ Auf meine Frage, wie lang das dauern wird bis zur Erledigung erhielt ich die wenig liebenswĂŒrdige Entgegnung: „Des waaß i net.“ Ich ging also zu Stapler in der Kirchengasse, weil etwas umzutauschen war, dann zu Mutter, das Gesuch schreiben und am RĂŒckweg gleich einreichen.

Da teilte mir Mutter mit, daß an dem Tag (es war vorgestern) in der Zeitung stand, daß man die SteuerbestĂ€tigung nur bei einer Reise nach Jugoslawien braucht. Ich ließ mir trotzdem von Trude das Gesuch schreiben und ging wieder in die Seidengasse. Dort hatte sich die Situation in der Zwischenzeit, ca. eineinhalb Stunden, so weit geĂ€ndert, daß die eineinhalb Schillinge nicht mehr beizulegen waren. War nur gut, daß ich die Stempel noch nicht gekauft hatte.

Ich machte den Beamten nun aufmerksam, daß ich nach Bulgarien fahre, nicht nach Jugoslawien, ob ich die BestĂ€tigung trotzdem brauche. Die wieder sehr liebenswĂŒrdige Antwort war: „Se kennan’s ja probieren, ob S’ es so kriagn, i bin ka Prophet.“ Daraufhin reichte ich das Gesuch ein, es wurde gestempelt retourniert und ich damit in ein anderes Zimmer gewiesen. NatĂŒrlich ĂŒberall ein endloses Warten. Doch wurde ich dort wenigstens mit liebenswĂŒrdigem Humor empfangen. Nur fand der Beamte uns nicht eingetragen, da der Stichtag der 31. Mai 1934 war. Er meinte zwar, ich werde die BestĂ€tigung so nicht brauchen, riet mir jedoch, zur Vorsicht beim Paßamt telephonisch anzufragen.

Dies tat ich nun heute, weil ich die Leutchen erst wollte etwas zur Ruhe kommen lassen, um eine halbwegs vernĂŒnftige Antwort zu bekommen. Leider hieß es, ich brauche den Schein doch, so daß ich gezwungen bin, Montag nach Purkersdorf zu fahren. Eine ganz verrĂŒckte Geschichte, wenn man bedenkt, daß ich ja ĂŒberhaupt nicht steuerpflichtig bin. Ich glaube, wenn Dir alle diese Dinge untergekommen wĂ€ren, Du wĂ€rst schon lĂ€ngst aus der Haut gefahren. Ich habe aber immerhin eine gesunde Dosis Humor (wenn Du mir den auch immer abstreiten willst), mit der lĂ€ĂŸt sich solch Ungemach leichter ertragen.

Wenn ich nun Dienstag den Paß bekomme, kann ich Mittwoch auf den Deutschmeisterplatz gehen. Dort soll das Anstellen so ungefĂ€hr 6 bis 8 Stunden dauern. Muß natĂŒrlich nicht wahr sein, ist aber vorstellbar, wenn man weiß, wie lange man schon auf dem Kommissariat sitzt. Donnertag gehe ich dann abermals zur Schiffsgesellschaft. Und wenn die ganze Paßgeschichte bis Sonntag den 14. geregelt ist, kann ich noch von GlĂŒck sagen.

Donnerstag wird Fritz auch die 5000 Lewa von der Firma bekommen. Er dachte es schon heute zu haben, doch war’s natĂŒrlich auch nichts, als ich hinkam. DafĂŒr aber sind schon die 500 S vom „Saturnus“ gekommen.

Nun schlaf wohl, mein Lieb! Weißt Du, was mich am meisten Ă€rgert? Daß wir just am Montag morgens in Russe ankommen.

Morgen, wenn das Wetter halbwegs annehmbar ist, fahre ich mit Robert nach Kritzendorf. Heute regnete es hÀufig und ist die Temperatur auf 17 Grad gesunken. Wenn ich alljÀhrlich an meinem Geburtstag 500 S bekÀme, das wÀre fein!

Viel, viel Busserl!

Gretel

Russe, den 6.7.35

Mein Liebes!

Heute frĂŒh habe ich Deinen Brief vom 2.d.bekommen. Robert soll mit Wenty fahren, ich bin damit vollkommen einverstanden. Warum Dir die Firma den Überschuß nicht bezahlte, ist mir nicht verstĂ€ndlich. Bin neugierig, was man Rommel sagt. Nun, das mit dem Paß ist wirklich zum schießen. Bin ja froh, daß nicht durch diesen Unsinn Deine Fahrt vereitelt wurde, da hĂ€tte ich mich erst geĂ€rgert. Hoffentlich hast Du die 500 S schon bekommen, oder sie kommen Montag.

Wenn Du denkst, daß Spielsachen passender fĂŒr die Kinder sind, dann bring sie. Ich weiß nur nicht, mit was die Kinder hier spielen. BĂ€lle haben sie. Ja, Kind, heute ist Dein Geburtstag und ich sitze hier allein und morgen ist wieder Sonntag, wo man nicht weiß, was anfangen. Das war wohl das letzte Mal, daß ich so weit fort auf Montage gehe. Es steht wirklich nicht dafĂŒr. Es ist schon wegen der vielen Torten.

Hier kann man sich gar nicht vorstellen, daß bei Euch noch so wenig Obst ist, oder was wahrscheinlicher ist, daß es so teuer ist. Bei uns ist jetzt Marillenzeit, sie kosten von 20 bis 30 g per Kilo.

Robert schreibt mir, ob mir seine Bilder gefallen. Ich habe, ganz zufĂ€llig, nur das Bild von Werner gefunden. Besser wĂ€re gewesen, wenn Ihr die Bilder gesondert in ein Papier eingeschlagen hĂ€ttet. Es ist möglich, daß sie in dem Kuvert geblieben sind, es ist ja schade darum, umsomehr als ich schon einmal gebeten, daß Ihr mir Bilder von Euch schicken möchtet. FĂŒr den Brief danke ich Robert und wĂŒnsche ihm viel Schönes. Beim Radfahren soll Robert immer vernĂŒnftig sein. Wo ist denn der Zirbitzkogel?

Auch Fredy wĂŒnsche ich einen guten Aufenthalt in Rottenbach. Beide Buben sollen uns hier herunten nicht vergessen und manchmal schreiben.

Wegen der Kombines mache Dir keine Sorgen, kauf eben, was Du bekommst.

Viele Busserln

Robert

Wien, 7.7.1935

Mein lieber Schatz!

Vor einer halben Stunde sind wir von Kritzendorf beziehungsweise von Nußdorf gekommen. Draußen geht alles so weiter wie immer; Mutter Slavitinsky wie auch Mitzi sehen ganz gut aus. Konitzky Mitzi und Rosi waren auch da. Übermorgen bringt mir Frl. Mitzi das Kleid fĂŒr Fini und die Guitarreschule. NĂ€heres dann in 14 Tagen.

Am RĂŒckweg waren wir bei Richard, besser gesagt eigentlich bei seiner Schwiegermutter. Sie hat uns sehr nett aufgenommen; wir mußten nĂ€mlich fast eine Stunde auf Richard warten. Er war mit Gretel und dem Buben spazierengegangen. Erwartet haben wir sie dann aber doch noch. Sie lassen natĂŒrlich herzlich grĂŒĂŸen.

In Kritzendorf erfuhr ich auch, daß Störs wirklich in Varna sind. So bist Du Armes nun ganz allein und ich kann nicht bei Dir sein. DafĂŒr habt Ihr aber schon wieder eine Festlichkeit. Vielleicht wird Dir da doch die Zeit etwas vergehen.

Na, ich bin schon neugierig, wie warm es bei Euch ist. Guttun wird’s mir wahrscheinlich, trotzdem mir hier meine Beine erst zweimal wehgetan haben. Da eine Mal, als ich nach Weidlingau fuhr und das andere Mal vor einem heftigen Gewitter.

Nun fĂŒr heute wieder Gute Nacht. Ich habe sehr Kopfschmerzen (ĂŒbrigens auch selten jetzt) und lege mich nieder. Morgen möchte ich noch die Post abwarten, ehe ich den Brief befördere.

8.7.

Habe die Post abgewartet, doch nichts bekommen als einen Brief von Schw. Huber. So lieb und nett, daß es mich wieder ein wenig tröstet darĂŒber, daß von Dir nichts kam.

Also leb wohl mein Lieb! Jetzt fahre ich nach Purkersdorf. Hoffentlich nicht wieder umsonst. Leider muß man ja fast jeden Weg doppelt oder dreifach machen.

Auf baldiges Wiedersehen!

Gretel

Ja! Die Zeugnisse der Kinder sind gut. Fredy hat nur in Schreiben 2. Robert hat 5 Zweier und in Englisch 3.

Russe, den 11.7.35

Lieber Schatz!

Aus Deinem Schreiben vom 6./7./8.d. Mts. ersehe ich, daß ein Brief von mir, ich glaube von 2.7.35 verloren gegangen sein muß. Böse war ich ja tatsĂ€chlich ĂŒber Dein Nichtkommen, aber daß ich Dir deswegen nicht schreibe, das sollst Du mir eigentlich nicht zutrauen. Auch bist ja nicht Du die Ursache, sondern die Schiffahrtsgesellschaft. Da hast Du auch wahrscheinlich meine GeburtstagswĂŒnsche auch nicht bekommen, gerade diesmal, wo ich nicht vergessen habe.

Nun hoffe ich, daß Deine Paßangelegenheit noch rechtzeitig fertig wird, damit Du wenigstens am 19. abfahren kannst. Wenn ich Deinen Bericht ĂŒber all die Rennereien lese, so bekomme ich Angst, ob Du ĂŒberhaupt fertig wirst.

Eine Besorgung mußt Du noch machen, mein Lieb. Meine Hausfrau hat mich auch gebeten, daß Du ihr eine Kombine mitbringst. Einen Zettel lege ich bei. StrĂŒmpfe und Kombine sollen ganz gute QualitĂ€t sein. Letztere soll auch einen schönen Einsatz haben (vorne bei der Brust). Bitte wasche das Zeug aus, damit Du keine Schwierigkeiten bei der Zollkontrolle hast. Ziehe vielleicht die schönste Kombine an.

Die Firma schrieb mir, daß sie an Rommel S 429.92 fĂŒr Dich auszahlte. Da Du auch vom Saturnus S 500.- bekamst, so könntest Du vor Deiner Abfahrt noch einiges anzahlen, damit das Geld nicht zuhause bleibt. Auch soll Robert ĂŒber seine Ausgaben Buch fĂŒhren! Und alle zwei Wochen schreiben!

Rommel hat auch bei Slavitinski’s erzĂ€hlt, daß er Dir S 150.- gegeben oder geborgt hat. Da Du diesbezĂŒglich nichts schreibst, weiß ich nicht, wie sich dies verhĂ€lt. Wenn Du kommst, können wir dies besprechen, Stör kennt sich auch nimmer aus. Solltest Du die Schuld an Stör zurĂŒckzahlen, so bitte NUR AN ROMMEL.

Vorgestern war ich auf der Saturnus. Habe mir dort ein Nußdorfer Bier gekauft und dabei das Schiff besichtigt. Wirklich fein. Freue mich, daß Ihr’s so schön haben werdet. Raste Dich nur gut aus. Zwei LiegestĂŒhle werde ich voraussichtlich nĂ€chste Woche leihweise bekommen, das ist gut so, denn nach Hause nehmen kann ich sie ja doch nicht.

Habe eben nochmals wegen des Kombines angefragt. Es soll dies ein Hemdrock sein, nicht Hemdhose. Vielleicht könntest Du auch fĂŒr Finny ein oder zwei Paar StrĂŒmpfe mitbringen, es wĂ€re dies eine kleine Revanche fĂŒr ihre Arbeiten, die sie hier fĂŒr mich macht.

Und jetzt mache ich Schluß, weil ich den Brief noch befördern will, damit Du ihn noch Samstag bekommst.

Auf Wiedersehen!!!

Robert

Wien, 15.7.1935

Mein herzliebster Mann !

Heute habe ich zwei Briefe von Dir zu beantworten. Hoffentlich bist Du nicht schon bös geworden. Brief ist keiner verloren gegangen, er kam nur einen Tag spÀter, als ich den Meinen abschickte.

Deine GeburtstagswĂŒnsche sind ganz rechtzeitig angekommen; Du hast sie nĂ€mlich schon vor dem Brief vom zweiten geschickt, wĂ€hrend dieser selbst erst am 6. von Russe abgegangen ist. Na, ist ĂŒbrigens belanglos.

Also, Schatzerl, morgen hole ich die Schiffskarte. Alles andere ist jetzt erledigt. Wie, werde ich Dir dann erzĂ€hlen. Ich habe heute zum letzten Mal gewaschen vor der Reise und bin ziemlich mĂŒde. Obzwar das Waschen natĂŒrlich kein Vergleich ist, mit dem in Weidlingau.

Ich hoffe nur, ich vergesse keinen Deiner AuftrĂ€ge. Daß Du Fini ausgerechnet StrĂŒmpfe geben willst, als Revanche, kommt mir zwar sehr sonderbar vor, doch - Dein Wunsch ist mir Befehl. Vielleicht sind meine Ansichten veraltet.

Der Auftrag fĂŒr Deine Hausfrau ist mir gar nicht angenehm. Denn erstens verstehe ich das Wort „garsse“ nicht und zweitens nicht, was sie sich unter „ganz gute QualitĂ€t“ vorstellt. StrĂŒmpfe gibts ja von 2 bis 30 S. Auch die GrĂ¶ĂŸe der Kombination ist nicht angegeben. Ich werde halt kaufen, was mir gut dĂŒnkt, nicht?

Wegen des Zolles habe ich eigentlich keine besondere Angst. Denn wenn man in ein solch mondÀnes Bad fÀhrt, braucht man auch die entsprechende WÀsche.

Über alle Geldangelegenheiten werden wir dann sprechen. Ich habe von Rommel nichts geborgt, doch weiß ich, wie die Sache mit den 150 S ist.

Solltest Du leihweise keine LiegestĂŒhle bekommen, dann laß es. Wir sind ja nicht sooo erholungsbedĂŒrftig.

Eben schlĂ€gt es 10. Es freut mich nur, daß Dir meine spĂ€tere Ankunft nun gĂŒnstiger erscheint. Im Übrigen, Schatz, hĂ€tten wir auch anderenfalls am 4.oder 5. August erst nach Varna fahren können. Mir ist das doch gleich. Wenn ich nur bei Dir bin, Liebstes; alles andere ist Nebensache.

Von Fredy habe ich wohl aus Linz Nachricht, aber noch keine aus Rottenbach.

Heute in 8 Tagen sind wir schon bei Dir! Dann Fortsetzung! GrĂŒĂŸe Fini und Fritz. Ich freue mich schon, wenn ich Finis Handtuch erblicken werde.

In inniger Liebe

Gretel

Russe, 25.7.1935

Mein lieber Bub!

Nun bin ich erst den vierten Tag in Russe und doch scheint es mir schon sehr, sehr lange.

Das StĂ€dtchen ist recht nett gelegen. Vorne die Donau; im Hintergrund liegen HĂŒgel. Eben schreit wieder jemand. Ich verstehe nur „Iiiia“. Ob das Wort auch Mitlaute hat, weiß ich nicht, auch nicht, was es bedeutet, doch höre ich jeden Tag das Schreien.

FĂŒr Euch Buben wĂŒrde es wohl einiges Interessantes hier geben. Die TĂŒrken mit ihren Eseln. Die Tiere sehen ĂŒbrigens alle schrecklich verhungert und verwahrlost aus. Sie bekommen nichts zu fressen als das Gras und die Disteln, die sie am Wege finden. Mit den Pferden ist es genau so. Außer ein paar MilitĂ€rpferden, die tatsĂ€chlich sehr gut gepflegt sind, sehe ich nur solche „Krepierln“. Sie werden im allgemeinen sehr schlecht behandelt.

Gegessen haben wir bis jetzt im Gasthaus, doch koche ich ab heute selbst. Auf die Dauer tut’s mir doch nicht gut und Zeit hab’ ich ja genug. Nach Varna oder besser gesagt nach Svate Konstantin fahren wir erst am 4. August. Im Großen und Ganzen ist’s mir auch gleich. FĂŒr Vater wird die Ruhe gut sein. Trotzdem ich finde, daß er sehr gut aussieht.

Heute kommt der Chef der Berliner Amtsmontage. Da gibt es wieder ReprĂ€sentationspflichten, das heißt, bis weiß ich wann im Gasthaus sitzen. Jetzt ist es gut, daß ich Werner mit mir habe, da kann ich doch nach Hause gehen.

Eine Einladung hatten wir gleich am Dienstag zu dem hiesigen Postmeister Herrn Ing. Nikoloff. Herr Nikoloff spricht etwas deutsch, Frau Nikoloff gar nicht. Beinahe fĂŒrchtete ich die Unterhaltung. Es ging aber besser als ich dachte. Herr Stör spricht ziemlich gut französisch, Herr Nikoloff desgleichen, so ging es in dreierlei Sprache leidlich. Wir haben sogar sehr viel gelacht.

Die Kinder unserer Hausfrau sind sehr nett, besonders die Kleine. Aber sie gefĂ€llt einem wohl nur besser, weil sie hĂŒbscher ist. Lieb sind sie alle beide sehr. Und riesig gefĂ€llig. Auch alle anderen Kinder scheinen nett zu sein. Ich habe wĂ€hrend dieser Tage in ganz Russe noch niemand raufen gesehen. Kannst Dir denken, wie wohl mir das tut.

Ihr seid nun wohl mit der Bahn gefahren, denn Freitag morgens hat es ja greulich geregnet. Bei unserer Fahrt bis nach Bratislava. Dann hat es sich ausgeheitert und abends fuhren wir bei sternhellem Himmel auf das hell erleuchtete Budapest zu. Da hat’s mir wirklich leidgetan, daß Du nicht dabei sein konntest. Die Illumination ist direkt großartig. Wohl alles auf Fremdenverkehr berechnet.

An und fĂŒr sich waren die ersten zwei Tage Fahrt ziemlich eintönig; so ungefĂ€hr wie zwischen Kritzendorf und Tulln. Der dritte Tag war dafĂŒr umso schöner. Davon werde ich Dir noch erzĂ€hlen.

Als wir Montag frĂŒh gegen Russe kamen, ging eben hinter den HĂ€usern die Sonne auf. Da gefiel es mir sehr gut und als Vater und Frau Stör vom Bahnhof aus krĂ€ftig winkten, winkte ich ebenso krĂ€ftig zurĂŒck. Wie sie mir dann erzĂ€hlten, dachten sie aber schon wieder, ich kĂ€me nicht, und das winkende Wesen sei ein Schiffsoffizier. Na, dafĂŒr war die Freude dann umso grĂ¶ĂŸer. Vater hat Werner gar nicht erkannt.

Hoffentlich bekommen wir bald Nachricht von Dir, wenn Du vom Zirbitzkogel zurĂŒckbist. Bitte, laß Tante Olga den Brief auch lesen, sonst muß ich alles drei Mal schreiben. Trude soll berichten, wie es ihr im GeschĂ€ft geht. Und wie fĂŒhlt sich Großmama?

Viele Busserl an alle!

Mutter

Vienna, the 17 of august, 1935

Dear Mother,

I thank you very much for your nice card, which I receives this week. I hope you, father and Werner are quite well, and had a fine time on the sea.

On monday I made a trip. I came through LAXENBURG-TRAISKIRCHEN- PFAFFSTÄTTEN-BADEN-HEILIGENKREUZ-ALLAND-KLAUSENLEOPOLDSDORF-PRESSBAUM-REKAWINKEL-PURKERSDORF-WEIDLINGAU-VIENNA. In Laxenburg I went to see the park of the castle. This was splendid. There I saw some squirrel, one wood-pecker, three hares, and one roe. At Baden i stoped the second time. I bought a quarter pears, for it was just market-day. After a ride of one and a half hour I reached Heiligenkreuz, from where I came to Alland over a little montain. Tell father, the smithy, where he let repair his steelhorse, is adapted now. Between Alland and Klausenleopoldsdorf I took a bath in the river there. In Klausenleopoldsdorf I had my lunch, which contained of soup, meet and salad, only for the price of S 0,70. Over Hochstraß it went to Preßbaum. At 4 o’clock I arrived Weidlingau, and at 8 o’clock I was at home again.

Good night! Sleep well!

[Anfang fehlt]

18.8.35.

Bericht vom Zirbitzkogel, Fortsetzung. 6. Tag, Freitag, 26.7.

Alle, außer Herr Wenty und ich, gingen nach St. Wolfgang einkaufen. Wir beide gingen an diesem Tag auf Granatensuche aus. Das Ergebnis war: 23 Steine (Granaten von ein halb bis dreieinhalb ccm und Herrn Wenty’s als Meißel verwendetes gebrochenes Messer. Wir gingen um 8 Uhr von der HĂŒtte fort. Entlang eines der vielen BĂ€che, die es dort gibt, zu einer, von uns schon vorher aufgesuchten Granatenstelle, wo wir auch wirklich viele fanden. Von dort gingen wir noch auf dem Oberbergkogel, wo ich beinahe abgestĂŒrzt wĂ€re. Das war so: Der Weg war dort nur 30 cm breit und ging steil hinunter. Auf einmal lag ein großer Stein am Weg und ich rutschte und hielt mich gerade noch an einem GrasbĂŒschel fest. Ich dachte mir nĂ€mlich, daß es da mindestens 2 m tief hinuntergehen mĂŒĂŸte. Zum GlĂŒck sahen wir dann, daß es in Wirklichkeit nur ein Viertelmeter war. Nachher kamen wir ĂŒber eine Schneemulde wirklich in die HĂŒtte. Abends kamen auch die anderen von Wolfgang herauf. Sie erzĂ€hlten uns, wie schön es war.

7. Tag, Samstag, 27.7.

Heute ging es auf den Kreiskogel. Wir brachen um 6 Uhr auf, denn wir dachten uns, daß es ein sehr weiter Weg werden wĂŒrde. Wir gingen ĂŒber die Frauenlacken, wo die jungen Grasfrösche wie Heuschreckem umherhĂŒpften. Dann ging es ein wenig steil zu dem VorlĂ€ufer des Kreiskogels. Dort fanden wir wieder sehr viele Granaten, aber nicht in Steine eingeschlossen, sondern lose am Weg liegen. Wir sammelten natĂŒrlich fleißig, bis wir alle SĂ€cke vollgestopft hatten. Auch sahen wir stark verwitterten Gneis, welcher wie Kalk aussah. Auf dem Kreiskogel warfen wir Kieselsteine auf den unter uns liegenden Ochsenbodensee. Wir sahen auch oben die EinschĂŒsse der ArtilleriegeschĂŒtze, welche vor uns hier waren und Übungen abhielten. Dann gingen wir in das Winterleitenschutzhaus auf eine Jause. Von dort ging es dann heim.

8. Tag. Sonntag verbrachte ich die ganze Zeit in der NĂ€he der HĂŒtte.

9. Tag. Wir gingen ĂŒber die Schmelz zur Savaty-Alm. Dort kamen wir um 10 Uhr hin. Wir aßen dort zu Mittag, dann ging es wieder heim.

10. Tag. Da es ein 8 Stunden langer Weg gewesen wĂ€re, blieben Frau Wenty, Trude, noch zwei Leute und ich in der HĂŒtte. Wir gingen Erdbeeren suchen und fanden auch 2 Liter.

11. Tag. Abstieg von der SeetalerhĂŒtte nach Judenburg. Wir kamen um 11 Uhr nach Judenburg, um 12 Uhr 30 ging unser Zug. Bis St. Michael ging es im Triebwagen, dort mußten wir ein halbe Stunde warten und dann ging es weiter nach Bruck. Dort mußten wir 4 Stunden auf Anschluß warten. Wir sahen uns mittlerweile die Stadt Bruck an. Sie hat einen Ă€hnlichen Glockenturm wie Graz. Um halb zwölf Uhr nachts kamen wir in Wien an. Am nĂ€chsten Tag ging ich zur Großmama.

30.8.35

Liebe Mu!

Nun wurde der Bericht vom Zirbitzkogel endlich fertig. Vorigen Samstag war ich mit Tante Olga auf der WallbergerhĂŒtte. Wir gingen durch den Tiergarten. Zum ersten Mal sah ich dort eine Bache frei. Sie kam, als sie uns sah, nĂ€her, denn sie dachte wahrscheinlich, daß wir ihr etwas mitgebracht hĂ€tten. Dann ging es beim Dianator hinaus und ĂŒber die WallbergerhĂŒtte, Baunzen, Weidlingau, Eden zum „Sanften Heinrich“. Morgen gehen wir wieder fort. Wahrscheinlich auf die Sophienalpe.

Bei uns ist das Wetter sehr unsicher. Heute regnete es den ganzen Vormittag und jetzt um 4 Uhr ist es wieder sehr schön.

Viele Busserln an Euch alle drei

Euer Robert

30.8.35

Liebe Tante und Onkel!

Über Deinen letzten Brief haben wir uns sehr gefreut, weil er sehr interessant war. Sehr erstaunt warten wir ĂŒber die billigen Lebensmittel- und Marktpreise. Mir imponiert am meisten der billige Honig. Schade, daß man da keinen mitbringen kann. Hier ist es heuer mit dem Einkochen nichts, das Obst ist viel zu teuer. Marillen sind unter einem Schilling ĂŒberhaupt nicht zu bekommen gewesen. Vielleicht wird es aber noch etwas mit Zwetschken. Jetzt kosten sie -.35.

In der Wohnung ist alles in Ordnung. Die Betten nehme ich auch auseinander. Hab 2 „StĂŒcker“ bis jetzt gefunden. Vorgestern habe ich den kleinen Trog in den Hof gestellt und ihn mit Wasser angefĂŒllt. NatĂŒrlich ist er nicht ganz dicht gewesen. Aber ich ließ ihn auch ĂŒber Nacht stehen, da hat es geregnet und nun rinnt er nicht mehr. Ich geb ja sowieso immer das nasse Ausreibtuch darĂŒber.

In der Schule geht es mir gut. Auf die letzte Schularbeit hatte ich 1 bis 2, also eine „sehr gute Arbeit“. So sagte nĂ€mlich meine Lehrerin. Heute haben wir wieder eine Schularbeit. Hoffentlich geht es ebenso gut. Alle Bekannten spanne ich ein zum Diktieren.

Nur wollen sie nicht alle. In Deutsch und Mechanik brauche ich auch jemanden zum ÜberprĂŒfen. Nun, da opfert sich Schw. Körbler. Morgen wird sie mich in Grammatik prĂŒfen. Ich hoffe, ich kann etwas, denn sie ist sehr streng, wenn ich nichts kann. Im allgemeinen bin ich mit mir zufrieden. Wenn’s die PrĂŒfungskommission auch sein wird, dann ist alles gut. Tante, ich freue mich schon sehr, wenn Du kommst. Nun muß ich in die Schule.

Lebt wohl, alle Drei, und noch recht eine schöne Zeit! GrĂŒĂŸe an Familie Stör. Viele innige Busserl

Eure Trude

Lieber Onkel und liebe Tante!

Ich habe immer gewartet, bis Robert endlich fertig geschrieben hat, nun ist’s seit Freitag so weit, aber da ich glĂŒcklicherweise seit zwei Wochen wieder Arbeit habe, kann ich erst heute meinen „Tee“ dazugeben. Gestern war ich bei Siemens, Frl. Strauß hat mir das Geld gegeben, da Herr Rommel vorgestern auf Urlaub ging, dann schickte mich Ing. Kretschmar, zu Herrn Markus ins PersonalbĂŒro wegen der ArbeitgeberbestĂ€tigung fĂŒr Roberts BĂŒcherbogen; letzterer Herr ist recht hochmĂŒtig und ließ mich unnötig lang warten, ich wĂ€re bald aus der Haut gefahren vor Ungeduld.

Morgen schicke ich das Geld fĂŒr Fredl, da er schon 10 Jahre alt ist, muß er die ganze Karte bezahlen und es kostet im Personenzug S 13.70 von Linz bis Wien, fĂŒr das Rad ist per angefangene 5 kg S 0.50 zu zahlen, so wird es also samt den 2 S fĂŒr Fredls VerfĂŒgung mit S 30 ausgehen. Ja, Tante, das wollte ich Dir auch schreiben, Anny hatte bei der eintĂ€gigen Schiffahrt von Budapest nach Wien jetzt 7 Stunden VerspĂ€tung. Wenn Du bei den normalen 5 Tagen Fahrt auch jeden Tag so 6 bis 7 Stunden spĂ€ter dran bist, geht’s mit dem Schulanfang gar nicht mehr aus.

Frau Hochberg kann ich nun nicht besuchen, aber Emma geht jetzt fleißig zu ihr ins Spital und kocht fĂŒr Albert und den Stiefvater. Jetzt tut ihr die Mutter doch leid, die Arme hat auch GebĂ€rmutterkrebs und kann, weil sie zuckerkrank ist, nicht operiert werden. Eine Neuigkeit: Die zwei Schwestern Przybyla haben am gleichen Tag entbunden, und zwar am 17.8., Adele einen Buben, Steffi ein MĂ€del. Lustig, was? Am selben Tag geheiratet und nun auch dies. Rosa lĂ€ĂŸt herzlich fĂŒr die schöne Karte danken und lĂ€ĂŸt Euch herzlich grĂŒĂŸen.

Der Marktbericht hat mich sehr gefreut und der Mund wĂ€sserte mir. Pflaumen kosten jetzt 35 g, Trauben 80 g, Birnen und Äpfel ca 40 bis 50 g. Also, das geht ja auch schon an.

Seid herzlich gegrĂŒĂŸt von

Eurer Hansi und Großmama

Russe, den 8.9.35

Mein Herzlieb!

Unser Abschied wurde ja durch die anderen Leute leichter. Es war dies ja wirklich sehr lieb von ihnen. Herr Mildner und Rahn wollten mich noch in ein Kaffeehaus mithaben, doch lehnte ich ab.

Ich ging dann ĂŒber den Weg beim Kasinogarten nach Hause und sah noch Euer Schiff, dann, nach 10 Minuten verschwand es hinter den BĂ€umen unserer Insel.

Zu Hause war es wohl recht einsam, aber es war ja spĂ€t und ich schlief gut bis halb 8 Uhr. Ich gab die Tasche mit den Weintrauben zurĂŒck, aß natĂŒrlich auch viel davon und Butterbrot mit Honig und ging dann zur Post, wo ich Fritz traf und spĂ€ter mit ihm spazieren ging. Mittag gab’s, wie Du ja weißt, Paprika mit Paradeissauce. Und danach schliefen wir bis 4 Uhr, ich in Finnys Bett. Das war sehr gut, denn ich hatte schon den ganzen Tag Kopfweh, trotz 2 Aspirin. Dann schauten wir uns „100 Tage Napoleon“ an. Mir gefiel es ausgezeichnet. Fritz war natĂŒrlich weniger begeistert, weil er alles von der deutsch-nationalen Seite ansah. Nachher gingen wir bis zum Ende der Allee und durch den Park, wie wir vor 2 Wochen, wieder zurĂŒck. In der „Slaca Gruscha“, wo wir gestern abends waren, haben wir Nachtmahl gegessen und jetzt, um halb 10 Uhr, bin ich schon zu Hause.

Das Zimmer schaut recht leer aus, da der Diwan schon fort ist.

Mein Liebes, Du. Ihr werdet wahrscheinlich schon schlafen. Hoffentlich war Euch heute nicht zu kalt, denn bei uns war es sogar in der Sonne kĂŒhl. Wenn Ihr nur auch weiter bezĂŒglich des Übernachtens GlĂŒck habt.

Schreib mir, mein Schatz, wie alles war.

Viele 1000 KĂŒsse

Russe, den 12.9.35

Mein Schatz!

Du bist, wenn die Fahrt nicht zu viel VerspĂ€tung hatte, nun schon daheim. Das wird wohl eine große Freude gewesen sein!

Ich wollte Dir schon frĂŒher schreiben, damit Du, wenn Du nach Hause kommst, schon einen Brief hast, aber es ging nicht. Wir haben jetzt nĂ€rrisch viel zu tun, da die Netzabnahme im vollen Gange ist. Und dazu noch die weiteren Verpflichtungen abends. Montag kam der Abnahmebeamte, abends Markoff bis 12 Uhr. Dienstag Dr. Widl, Markoff und Bulgaris, 2 Uhr. Mittwoch der Generaldirektor von Sofia, Markoff, Bulgaris, 4 Uhr. Heute kam Dir. Thieß von Berlin, Gott sei Dank ohne Markoff. Wenigstens einmal wieder ausschlafen.

Deine Karte vom Lom erhalten, schönen Dank dafĂŒr, muß nach der Karte sehr schön gewesen sein. Bin schon recht neugierig auf den Bericht und wie Ihr auf dem kleinen Schiff untergebracht wart.

Mittwoch frĂŒh kamen Hr. u. Fr. Tank, Frau Lindner und noch andere RumĂ€nen zurĂŒck. Vielleicht habt Ihr sie gesehen.

Liebes Kind, mir fallen schon die Augen zu, gute Nacht!

Viele Busserln an Euch

Vater

13.9.35, 7 Uhr frĂŒh

Liebes Kind!

Oh, das ist fein, wenn man ausgeschlafen ist! Will schnell noch ein paar Worte schreiben, denn die halbe Seite leer lassen, das geht doch nicht. Dann geht’s zur Post. Heute kommt um 9 Uhr Dir. Thieß, eine große Persönlichkeit von Berlin, in Bezug Montage. Hoffentlich geht auch da alles gut. Heute ist zwar der 13. und noch dazu Freitag, aber aberglĂ€ubisch bin ich nicht.

GrĂŒĂŸ die Kinder mit vielen Busserln

Vater

Wien, 13.9.1935

Mein Liebstes!

Nun geht also die Schreiberei wieder los. Lieber wĂ€r’s mir, es wĂ€re geblieben, wie es war. Andererseits aber fĂŒhle ich mich doch wieder wohl in meinen vier PfĂ€hlen. Die Kasten sind wirklich sehr schön geworden und auch so ziemlich passend. Allerdings etwas dunkler als die Originalmöbel.

Hansi und Robert haben mich abgeholt. Und wir sind mit dem Taxi nach Hause gefahren. Tut mir eigentlich sehr leid, denn die Geschichte kostete 6 S. Aber nun ist es schon geschehen. Budapest kostete mich auch ca. 6 S. War aber eine sehr ausfĂŒhrliche Rundfahrt. Dreieinhalb Stunden. Ich glaube, es gibt sicher nichts Interessantes mehr, das man nicht gesehen hĂ€tte. Außer einigen GebĂ€uden wie Parlament, Fischerbastei u.s.w. sieht es wohl so Ă€hnlich aus wie in Wien. Nur ist der Ring kaum halb so breit, die Oper bei gleicher Bauart halb so groß wie hier. Was Budapest so schön macht, sind die steil neben dem Donauufer aufragenden HĂŒgel. Zwei großartige Badeanstalten haben wir auch innen besichtigt. Die Stadt hat nĂ€mlich eine Menge Heilquellen. Die wĂ€rmste hat eine Temperatur von 86 Grad.

Mein Bett am „Jupiter“ war beide NĂ€chte frei. Auch auf der „Budapest“, auf der wir weiterfuhren, gehörte ich zu denen Ausnahmen, die Kabine hatten. Zwar das Oberbett, aber es ist leidlich gegangen. FĂŒr die Mehrzahl der Passagiere wurden abends im Speisesaal Notbetten aufgeschlagen. Kannst Dir den Rummel abends und morgens vorstellen! Die beiden ersten Tage hatte wir sehr kalten Wind; am dritten Tag regnete es. War natĂŒrlich noch kĂ€lter. DafĂŒr war man am vierten Tag ganz ĂŒberrascht, Schönwetter anzutreffen, sogar verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig warm. Und ja nĂ€her wir Wien kamen, desto wĂ€rmer wurde es. Angekommen sind wir mit einer VerspĂ€tung von 20 Minuten.

Die Zollgeschichte wickelte sich ziemlich glatt ab. NatĂŒrlich aber sehr langsam. Die Trauben haben sich zum Großteil gehalten.

Ja, etwas wollte ich Dir schreiben. Der Herr, der auf dem Schiff mit uns am Tisch saß, war von Siemens-Schuckert, Berlin. Seit 5 Jahren lebt er in Salzburg, 28 Jahre war er bei der Firma.

Auch daß ich mit Frl. KĂ€the (unserer Hausfrau) nach Hause fuhr, war vielleicht ganz gut. Man wurde dadurch etwas nĂ€her bekannt. Sie findet ja, daß unsere Kinder sehr gut erzogen sind. Jedenfalls die bravsten vom ganzen Haus, was sagst Du nun?

Die Kinder alle vier sind sehr erfreut ĂŒber ihre Geschenke. Wegen Roberts SchulbĂŒchern ist eingereicht. Ich war noch am Abend des Ankunftstages beim FĂŒrsorgerat, weil er AuskĂŒnfte wollte. Viel Hoffnung hat er mir ja leider nicht gemacht.

Fredy hat am 16. nur Einschreibung in die Klasse. Am 18. ist erst Kirchengang. Wegen Werner weiß ich gar nichts. Die Spielschule auf der JosefstĂ€dterstraße ist vorlĂ€ufig gesperrt. Bei der Kirche die Spielschule ist, wie ich vermutete, katholisch und von Schwestern geleitet. Robert muß nun wirklich in die Zeltgasse gehen.

Wie ist es Euch ergangen bei der NetzĂŒbergabe? Wahrscheinlich ja gut. Bin aber doch neugierig, wie lange es gedauert hat. Wieviele Gelage Ihr hattet. Wer von Wien kam.

U.s.w.

Zwei Filme haben wir zum Entwickeln gegeben. Bin schon neugierig, wie sie werden. HauptsÀchlich ja Dein Bild.

14.9.

Nun haben wir die Filme schon. Sie sind im allgemeinen gut. Du machst ein sehr liebes Gesicht. Von der Strecke Kazan - Russe und Beograd - Kazan habe ich Aufnahmen gekauft, je 10 StĂŒck zu S 1.50. So gut und billig kann man sie ja selbst gar nicht machen.

Trude bekam gestern die VerstĂ€ndigung, daß sie am 28. zur PrĂŒfung zu kommen hat. Damit natĂŒrlich nicht alles glatt geht, sagte man ihr vorgestern auf der chirurgischen Klinik, daß sie einen mehr als fingerlangen Bruch hat (Leistenbruch). Muß natĂŒrlich operiert werden. Hoffentlich werden die Schmerzen jetzt nicht gar zu arg, so daß man die Operation wenigstens bis nach der PrĂŒfung aufschieben kann.

Schw. Körbler hat nun wirklich Aussicht, was Kleines zu bekommen. Ist schon drei Monate schwanger. Selbstredend ist das strengstes Geheimnis.

Fredy ist leider derselbe geblieben, der er war. Wenn er nicht gerade Robert oder Werner neckt, sitzt er irgendwo und findet etwas zum Weinen. Und ich kann nicht entdecken, was der ewigen Heulerei zu Grunde liegt. Im FrĂŒhjahr dachte ich, er wird sich ĂŒber den Sommer erholen. Robert macht eben ein Bild von Dir, Fredy und ihm. Ich werde es gleich beilegen.

Nun, Schatzerl, leb wohl! GrĂŒĂŸe Störs und alle anderen Bekannten. Unsere MĂ€dels ganz besonders. Sag Frau Kallinova, ich werde dieser Tage wegen Gummihandschuhen schauen.

Viele 1000 heiße Busserl, von Deiner

Gretel

Russe, den 17.9.35

Lieber Schatz!

Vor 14 Jahren, mein Lieb, waren wir in Weingart! Das war doch wunderschön, wie wir denn nach Grimmenstein, Prigglitz und am Schneeberg gewandert sind. Weißt noch, Liebes, unsere Übernachtung in Grimmenstein? Das Fenster aufs Dach heraus, der Mond hat ein wenig geschienen. Und wir beide waren so glĂŒcklich. Schön war’s. Aber wir sind uns in diesen Jahren noch viel lieber geworden und das ist das Allerschönste. Gelt, Schatz! Vielleicht in 5 Wochen bin ich schon bei Dir und den Kindern.

Die Bilder und den Brief bekam ich heute. Freue mich, daß Du und Werner es auf dem Schiff halbwegs gut gehabt habt. Um das Geld fĂŒr Budapest braucht Dir wohl nicht leid zu sein. Ich bin froh, daß Du so viel davon hattest. Seid Ihr in Adda Kaleh ausgestiegen? Von Taufs hörten wir, daß Eure Schiffe in Belgrad nebeneinander gestanden sind. Hat Werner bei Dir geschlafen, auf der „Budapest“? Die Kopien Eurer Aufnahmen sind nicht sehr gut. Es wĂ€re vielleicht gut, wenn Ihr mir die Negative senden wĂŒrdet. Auch wenn sonst noch Kopien zu machen sind.

Unsere Abnahme geht gut vonstatten. Morgen oder ĂŒbermorgen werden wir fertig. Diese Woche, Dr. Widl ist Sonntag weggefahren, bin ich wieder solide und gehe zeitig schlafen. Gestern war ich sogar nicht mit Störs im Kino. Beide wollten im „Royal“ „Ball im Savoy“ sehen, doch kostete der Balkonplatz Lw.21. Da sind sie lieber ins Freiluftkino gegangen.

Meine guten VorsĂ€tze, das Nachtmahl zu Hause zu essen, sind beim Teufel. Solange Du da warst, habe ich eine ganz andere Vorstellung vom Daheim-Alleinsein gehabt. Aber jetzt freut’s mich nicht, außer wenn ich Dir schreibe, so wie heute. Da Du Fini gesagt hast, daß ich abends mir selber etwas kaufen will, hat sie sich gar nicht getraut, mir zu sagen, ob sie fĂŒr mich auch das Nachtmahl nehmen soll. Morgen Mittag gibt ĂŒbrigens eine Ente, weil Fritz Geburtstag hat. Und da erinnere ich mich eben, daß wir vor drei Jahren auf der Hohen Wand waren.

Noch einmal die Bilder. Fredy ist furchtbar. Bitte nehmt ihn nochmals auf. Aber laßt doch frĂŒher die Haare trocknen. Und ein bißchen lachen könnte er auch.

Schade, daß Du nicht doch die ganzen Weintrauben mitgenommen hast. Vielleicht wĂ€ren sie doch bis Wien gut geblieben. Sie kosten im ĂŒbrigen noch immer Lw.2 bis 2,5. GemĂŒse wird schon ein wenig teurer.

Herr Schmidt muß nun doch in Sofia bleiben. Es ist dies natĂŒrlich beiden nicht recht, doch was soll man denn machen. In Sofia wird es doch auch ein Sanatorium geben. Frau Weiß geht es ein wenig besser. Samstag fahren Durschmied, Beciste und Weiß nach Hause.

Wir werden mit unserem Amt schon fertig, so daß, wenn am 1.10.die Kommission kommt, wir am 12. bis 15.10. fertig sein könnten. Ob es da bis zu meinem Geburtstag ausgeht, weiß ich nicht bestimmt, aber wenn’s auch einige Tage spĂ€ter ist, gelt, das macht schon nichts mehr aus. Wir sollen im ĂŒbrigen ab 1. November einschalten, so daß mein Urlaub nicht ganz ausgenĂŒtzt sein wird.

Ich fahre jedoch offiziell nach Wien, da ich doch bei der Firma verschiedenes erledigen will. Auch könnte man mich ja doch sehen, das wĂŒrde nicht gut ausschauen.

Du hast recht, das Briefschreiben ist nicht das Richtige, doch was soll man sonst machen, um mit dem Liebchen zu plaudern. Schreib mir bald das Maß vom Robert.

GrĂŒĂŸe und kĂŒsse die Kinder, dem Werner noch extra eine „Lego Noscht“.

Viele Busserln

Robert

Wien, 17.9.1935

Herzlieb!

Weißt Du, was heute ist? Der erste Hochzeitstag, den ich ohne Dich verbringen muß. Und mir ist doch so bang nach Dir. Ich wußte ja, daß es doppelt schlecht wird, nachdem ich wieder spĂŒrte, wie schön es mit Dir ist.

Dank fĂŒr Deinen lieben Brief, den ich gestern erhielt. Du armer Kerl! Konntest ja fast die ganze Woche nicht schlafen. Jetzt wo Du Dein Bett wieder so alleine hĂ€ttest. Da ist es ja mir noch besser gegangen.

Na, hoffentlich war auch am Freitag den 13. alles gut. Ich warte schon wieder sehr auf weitere Nachricht.

Werner ist in der Spielschule aufgenommen. Doch fangen die neuen SchĂŒler erst nĂ€chsten Montag an. Die Schule ist wenigstens dem Aussehen nach Montessori-Schule. Alles sehr nett. Es ist wöchentlich ein Beitrag von 1 S zu bezahlen. 50 gr Besuchsbeitrag und 50 gr fĂŒr Kakao. Außerdem jeden ersten Montag des Monats 50 gr Elternbeitrag. Bin schon neugierig, wie es ihm gefĂ€llt. Erst wollte er ja gar nicht gehen, als wir aber dann einschreiben waren, gefiel es ihm scheinbar sehr gut.

Nun gute Nacht, mein Lieb! Ich bin so schlÀfrig.

18.9.

Liebstes! Wieder nur ein paar Zeilen. Robert bekommt die BĂŒcher von der Schule. Es ist heute bereits der Bescheid eingelangt. Mit Fredy gehe ich morgen kaufen. Kann sein, daß er auch einige Sachen aus der SchĂŒlerlade entlehnen kann, doch weiß ich’s noch nicht.

Morgen kommen Deine Leute. Allerdings ohne die Richards. Richard und Annerl sind weg. Bernhard war gleich Freitag da; den ganzen Tag wie gewöhnlich. Die Zig. an Frl. Strauch habe ich noch nicht abgeliefert.

Dieser Tage fiel mir ein, daß ich den Ziegel aus Messemvria vermisse. Erinnerst Du Dich, daß wir ihn neben der Bank hinlegten? Wahrscheinlich hat ihn doch Frau Kallinova, als unnĂŒtz, befördert.

Es ist erst 10 Uhr, aber ich schlafe schon wieder halb. Ich weiß nicht, macht das jetzt die KĂ€lte? Es ist nĂ€mlich erbĂ€rmlich kalt. Vorgestern regnete es den ganzen Tag. Gestern war’s schön, heute ist’s verĂ€nderlich, mit sehr kĂŒhlem Wind. Ich friere stĂ€ndig.

Schlaf gut, mein Lieb, ich geh ins Bett!

Sei innig und heiß umarmt

von Deinem Weib

19.9.35

Mein lieber Mann!

Unsere GĂ€ste sind eben weggegangen. Es war ganz nett. Ich glaube, so viel auf einmal habe ich noch nie geredet. Olga, Bernhard und Rudolf sind unverĂ€ndert. Mitzi ist so dick wie ein Faß.

Heute habe ich Fredys BĂŒcher gekauft. Wir haben alles antiquarisch bekommen, bis auf den Atlas und das Sprachbuch. So kommt die Sache jetzt auf 48 S. NatĂŒrlich nur die BĂŒcher. Was nun noch an Heften und sonstigen Dingen kommt, weiß ich nicht. Als Freigegenstand wird bei Fredy Handarbeit, Gemischter Chor und Kirchenchor gerechnet. FĂŒr die beiden ersten GegenstĂ€nde ist er angemeldet. Französisch ist 5 Stunden in der Woche.

Jedenfalls kommt mir vor, daß sie nicht allzuviel Unterricht haben. Drei Mal pro Woche bis 12 und dreimal bis 1. Die Freistunden sind noch nicht eingeteilt.

Roberts Stundenplan ist noch nicht fix.

Weißt Du, daß wĂ€hrend meiner Abwesenheit der schlechteste Teil unseres Hauses (die Veranda oberhalb der SĂ€ulen) ganz so gestrichen wurde, wie ich’s immer im Sinn hatte. Mit Ölfarben in dem Ton wie das Apollo. Die Fensterrahmen auch frisch weiß, so schaut’s jetzt ganz nett aus.

Ich habe Frl. KĂ€the gefragt wegen des Maria-Theresien-Schlössls. Sie erklĂ€rte mir die Sache so: Es stand hier in der NĂ€he ein Schlössl. Ihr Großvater hat es gekauft und mit denselben Ziegeln im selben Stil hier wieder aufbauen lassen. (NatĂŒrlich, nachdem es demoliert war.)

Mir scheint, ich muß aufhören. Ich mache vor lauter Schlaf schon einen Fehler nach dem andern.

Morgens werde ich immer zu frĂŒh wach, und schlafe ich nochmals ein, verschlafe ich mich. So muß ich eben wach bleiben.

Nun muß ich Fredys wegen wahrscheinlich nochmals ins GeschĂ€ft zur BestĂ€tigung des Gehaltes. Es ist wegen des Schulgelds einzureichen. So wird vielleicht Frl. Strauch eher zu ihren Zigaretten kommen.

Viele Busserln

Gretel

Wien, 24.9.1935

Mein Liebling!

So erfreut wie Dein letzter Brief hat mich schon lange nichts. Daß Du doch an unseren Hochzeitstag gedacht hast! Und wie recht hast Du, Kind, daß wir einander nur immer lieber bekommen. Je lĂ€nger wir einander haben, desto weniger kann ich mir vorstellen, daß es einmal anders sein könnte. Heute nacht habe ich von Die getrĂ€umt und diesmal warst Du auch im Traum sooo lieb. In mir wird alles so eng, wenn ich daran denke.

Aber heute kann ich beinah nicht schreiben. Fredy ist heute wieder so ausgelassen, daß man aus dem Lachen nicht herauskommt. Wenn er eben nicht weint, dann lacht er ohne Ende. Ist mir jedenfalls lieber.

Nun, Kind, zu Deiner Beruhigung: Mir ist wirklich nicht leid um das Geld fĂŒr Budapest. Wer weiß, wann sich sonst wieder Gelegenheit bieten wĂŒrde, diese Stadt zu sehen. Noch dazu hatten wir fast 4 Stunden fĂŒr die Rundfahrt, wĂ€hrend sie manchmal in 40 Minuten erledigt werden muß.

In Adda Kaleh sind wir natĂŒrlich ausgestiegen und war mir nur leid, daß Herr Schmied nicht mehr bei uns war. Es gibt dort sehr viele interessante Ruinen. Viel mehr als in Messemvria. Auch ist manchmal oben darauf gebaut. Einzelne sind auch direkt bewohnt.

Daß das Gegenschiff in Belgrad neben uns stand, wußte ich nicht. Abends bin ich schlafen gegangen bevor wir nach Belgrad kamen und morgens war das andere Schiff wohl schon weg, als ich an Deck kam. Werner mußte leider bei mir schlafen, noch dazu in einem Oberbett. Na, ist ja vorbei.

Unsere Aufnahmen sind durchwegs nicht besonders. Ich werde Dir einige Negative beilegen, ein andermal wieder welche. Der Fotograf meint, die Filme hÀtten zu wenig Silber gehabt. Das Bild vor der Poststiege freut mich sehr, denn es ist sehr gut.

Nun Schatz, wenn ich Fini von Deinen guten VorsĂ€tzen erzĂ€hlte, meinte ich bestimmt nicht, daß Du sie noch in der Zeit ausfĂŒhren wĂŒrdest, wo Störs unten sind. Das war doch selbstverstĂ€ndlich erst fĂŒr spĂ€ter gemeint.

Daß die Trauben noch immer so billig sind, freut mich fĂŒr Euch; bei uns kann man doch keine kaufen, da sie mindestens S 1,30 kosten. Bei Frau Slavitinsky hat der Mehltau viele vernichtet. Ich war Sonntag mit Robert draußen. Leider konnten wir erst nachmittag wegfahren, weil Werner wieder einen Brechdurchfall hatte. Hat aber nicht lĂ€nger gedauert als in Russe. Nachmittags kam dann Hansi und wir fuhren ab. Als wir gegen 3 Uhr hinauskamen, sagte uns Fr. Slavitinsky: „Die san grad in Wald ganga.“ Frl. Mitzi, Frl. Fleischmann und Hr. Zahlmann nĂ€mlich.

Robert ging sie zwar suchen, aber ohne Erfolg. So mußten wir um halb sechs wieder fortfahren, ohne außer Fr. Slavitinsky jemand gesehen zu haben.

Fr. Slavitinsky erzĂ€hlte mir hauptsĂ€chlich von der Krankheit der Katze. Sie werden sie vertilgen mĂŒssen. Ich weiß nicht, ob Du Fini etwas davon sagen sollst.

Sonst ist draußen jetzt alles in Ordnung. Rosi hat sich in ihr Amt als HausmĂŒtterchen bereits gefunden und meistert ihren Vater.

Daß Hr. Schmidt nun doch nicht heimkann, tut mir fĂŒr die beiden leid. Denn wenn es auch ein Sanatorium gibt in Sofia, was wird mit Marlenchen?

Frau Weiß ist ja nun schon in Wien und wird sich hoffentlich hier wieder erholen.

Wenn Eure Kommission nur auch am 1. kommt und nicht wie jetzt um 8 oder 10 Tage spÀter. Wir freuen uns doch schon alle sehr auf Dein Kommen.

Gestern war ich bei Siemens. Habe Frl. Strauch und Fritz gesprochen. Das FrĂ€ulein lĂ€ĂŸt sich natĂŒrlich sehr bedanken und will die Zigaretten absolut bezahlen. Na, das könnt Ihr Euch dann ausmachen. Viel hab ich natĂŒrlich dort nicht gesprochen. Fritz und Hella werden einmal herĂŒberkommen. Auch gehe ich Montag abend hin. Einen Sprung war ich auch gestern bei Hella. Sie sieht ganz gut erholt aus.

Finis Fußböden hat Mutter sehr schön gestrichen. Auch der umgearbeitete Kasten ist schön geworden, doch sah ich ihn nur ungestrichen.

Unser Honig ist leider, leider zu Ende. Und es geht mir so wie frĂŒher zu Hause. Ich möchte etwas und weiß nicht was. Das GefĂŒhl kannte ich in der Honigperiode gar nicht. Und nun las ich seltsamerweise gestern bei einem HoniggeschĂ€ft, Honig ist gesund fĂŒr Kranke und Kinder. Besonders gegen NervositĂ€t und Magenleiden. Vielleicht war’s wirklich gut fĂŒr mich, denn ich habe in der Zeit sehr wenig SalzsĂ€ure gebraucht.

Die Geldverrechnung mit Fritz erfolgt am 1.10. Allerdings hat mir Hella vorlÀufig 140 S gegeben.

Nun, mein Lieb, leb wohl und schlaf gut! GrĂŒĂŸe mir Störs und Kalinows.

Deine Gretel

Russe, 26.9.35

Mein liebes Butzerl!

So schreibunlustig war ich Dir gegenĂŒber schon lange nicht. Ich mache mir schon VorwĂŒrfe, daß Du so lange warten mußt. Je nĂ€her die Zeit kommt, wo wir uns wieder haben werden, desto weniger will ich schreiben. Es ist aber auch gar nichts los bei uns. Oder aber doch, denn das Netz ist gut ĂŒbernommen worden.

FĂŒr Fini ist wieder Unterhaltung, denn es beginnen wieder die Turnstunden und Frauenstunden und NĂ€hstunden u.s.w. Störs lassen Dich und alle schön grĂŒĂŸen. Gestern waren wir wieder einmal im Kino, zu dritt sind wir hingegangen, zu viert nach Hause, denn Fini hat wieder eine Wanze, die sie schon im Kino tĂŒchtig gebissen hat, nach Hause genommen. Das StĂŒck war schön, mit Luise Ullrich, ein Wiener StĂŒck, Fritz hat wieder kritisiert - na, Du weißt ja. Man hĂ€tte Heimweh bekommen können, wenn die Heimfahrt nicht so nahe wĂ€re.

Ich habe eben ein wenig Wasser in die FĂŒllfeder eingefĂŒllt.

Den Stoff habe ich schon zum Schneider getragen. Bis zum Ersten hole ich ihn. Aber weißt, ich habe eine Hose fĂŒr Robert, eine fĂŒr mich machen lassen, macht’s was? Mir gefĂ€llt der Stoff sehr gut. Am Ersten kaufe ich mir den schwarzen Stoff und lasse mir den Anzug gleich machen. Die Maße waren richtig.

Obwohl ich selbst ein sehr schlechtes Gewissen habe, warte ich schon sehr auf ein Schreiben von Dir. Trude hat ĂŒbermorgen ihre PrĂŒfung, schreibt mir gleich wie’s ging. Wie geht’s den Kindern in der Schule? Das ist fein, daß Robert die SchulbĂŒcher bekommt. HĂ€tte es mir eigentlich nicht gedacht.

Frau Kallinova und die Kinder und Hr. Baranoff lassen Dich sehr grĂŒĂŸen. Die Gummihandschuhe werde ich dann nach Russe mitnehmen.

Bis jetzt war es bei uns noch leidlich warm, heute nachmittag kamen wieder, das erste Mal nach Deiner Abfahrt, Wolken, es geht ein Wind, na, den Staub kannst Du Dir vorstellen, und abends hat es auch ein wenig geregnet. Ich habe jetzt ein Telephon zu Hause (automatisch) und kann fein aufgeweckt werden, wenn ich mich verschlafe. Bei dem kĂŒhlen Wetter ist’s leicht möglich. Und bei dem alleinigen Bett. Aber Kind, ich möchte es gern mit Dir teilen.

Viele 1000 Busserln an Euch

Robert

Wien, 1. Okt 1935

Mein Schatz!

Dein Brief hat uns zwar etwas in Unruhe versetzt, aber nichtsdestoweniger recht herzlich Dank dafĂŒr. Weißt Du, daß ich Samstag vormittag wirklich sehr enttĂ€uscht war, als ich heimkam und kein Brief von Dir im Postkasten lag? Just zuvor dachte ich, ich sei immer noch so dumm wie als junges MĂ€dchen. Und dann, als das Erwartete nicht da war, war ich auch ebenso enttĂ€uscht wie ein junges MĂ€dchen; nicht wie eine alte Frau.

Samstag nachmittag war ich mit Werner bei Wentys. Dann gingen wir zu Großmama schauen, ob Trude schon von der PrĂŒfung zurĂŒck sei. Da sie noch nicht da war, gingen wir nach Hause und verfehlten die Buben, die mir Deinen Expreßbrief nachgetragen hatten.

Bei Wentys ist natĂŒrlich alles im alten Geleise. Wenty selbst war nicht daheim, sondern in Heidenreichstein.

Gestern war ich bei Rommels. Fritz gefĂ€llt die Bluse sehr gut. Hella durfte sie nicht sehen, weil es ein Weihnachtsgeschenk ist. Die Schuld an Störs ist jetzt restlos beglichen. Fritz gab mir 150 S, das sind die 3000 Lewa, von denen Du mir schon gesagt hast. Außerdem vom 26.9. eine Kontoabrechnung von 101 S und vom 30.9. eine Ausgleichskontoabrechnung von 54 S. Allerdings meint Fritz, daß Du wahrscheinlich tatsĂ€chlich ein Minus hast. Na, wir werden schon sehen.

Was ich Dir letztes Mal vergaß zu schreiben: FĂŒr Fritz Stör ist das Verbleiben bei der Firma gesichert. Du wirst dann Pendeldienst haben zwischen 
 und Werlitz. Wie steht es jetzt mit Deinem Kommen? Den Radioapparat habe ich nicht bestellt. Ich denke, es ist am besten, wenn Du das selbst besorgst, da Du nun doch offiziell kommst.

Ja, weißt Du, was Du mitbringen könntest? 1. Wieder 2 Glas Honig. 2. Noch ein Paar bulg. Hausschuhe, aber Nr.40, denn in dem Paar, das ich habe, tut mir meine linke große Zehe weh. Und Robert sind sie gar nicht viel zu groß. (Ich sage aber vorlĂ€ufig nichts.) Vielleicht, wenn’s Dir nicht zu viel ist, fĂŒr die MĂ€dels je eine Edelweißbroche wie meine ist. 30 Lewa. Trude hat mich schon in allen Tönen darum angegangen, ihr meine zu schenken und Hansi sagt zwar nichts, aber ich habe schon bei den ArmbĂ€ndern bemerkt, daß ihr auch das zarte Trudes besser gefallen hĂ€tte. Olga wĂ€re ja bestimmt eine Gans das liebste Geschenk, nur weiß ich nicht, ob und wie Du sie bringen könntest. Ich sagte Olga bisher nichts, daß Du ihr etwas bringst, denn ich habe sie nur einmal im Beisein von Mitzi gesprochen, bei der Familienzusammenkunft. Da wollt ich davon nicht reden.

Die Handschuhe fĂŒr Frau Kallinova habe ich bereits gekauft (2 S), bin aber sehr froh, wenn ich sie nicht schicken muß.

FĂŒr Schulsachen haben wir im Monat September ca 95 S gebraucht. Wegen Fredys Schulgeld ist eingereicht. Gleich anfangs waren 50 gr Versicherungssumme zu bezahlen. 2 S kostet im Semester die Handarbeit. Robert mußte fĂŒr Handarbeit eine SchĂŒrze haben, da kaufte ich einen Rest und machte Fredy gleich auch eine. Robert lernt heuer politieren. Nun werden hoffentlich die Ă€rgsten Schulausgaben erledigt sen.

Gerade frĂŒher habe ich eine Anzeige gelesen, daß morgen im Dorotheum Feldgasse ein kleines Lotterbett (55 S) und zwei moderne LotterbĂ€nke (60 S und 70 S) versteigert werden. Leider hatte ich weder gestern noch heute Zeit hinzugehen und mir etwas anzusehen und nun ist’s wahrscheinlich zu spĂ€t. So weiß ich nicht, wie die Dinge aussehen. Eigentlich bin ich ja immer nur auf der Suche nach einer Kohlenkiste.

Heute mittag war Frl. Mitzi hier. Sie war eigentlich die erste, die sich nach dem Preis des Fuchses erkundigte. Ich bin natĂŒrlich ausgewichen, um Fini nicht entgegen zu sein.

Was ist mit unseren Kindern? Spielst Du manchmal mit ihnen? Ich sehne mich zuweilen ein bißchen, die beiden plaudern zu hören.

Gib ihnen von Werner und mir ein Busserl und grĂŒĂŸe Frau Kallinova und Herrn Baranoff von Herzen wieder. Die Leute sind mir in der kurzen Zeit sehr lieb geworden.

Heute hab ich Zwetschken eingekocht. Fini kannst Du sagen, in puncto einkochen ist fĂŒr sie gesorgt, wie wenn sie zu Hause wĂ€re.

Nun, die Antwort auf diesen Brief bringt mir wohl schon Deine Nachricht: „Ich komme am 
 um 
 Uhr.“ Aber ich hole Dich absolut nicht ab, wozu auch? „Man kann sich doch erst daheim richtig begrĂŒĂŸen.“ So sagtest Du doch?!

Schlaf gut, mein Lieb! Und komme bald! In Sehnsucht

Deine Gretel

Sonntag waren wir bei Czieps, um endlich den versprochenen Besuch einzulösen.

Trudes Zeugnis: Maschinschreiben sehr gut, maschinschriftliche Anordnung sehr gut, kurzschriftliche Aufnahme und Wiedergabe genĂŒgend, Maschinenkunde gut, Deutsche Sprache gut

Am Schipkapaß, am 2.10.35

Mein lieber Schatz!

Was denkst Du, wo ich bin? 1300 m am Schipkapaß. Ich habe die freien Tage bis zur Übernahme benĂŒtzt, um Tirnowo, Gabrowo und den Schipkapaß zu sehen. Es ist herrliches Wetter, jetzt um 5 Uhr abends leuchten die Berge im Abendglanz, es ist wie bei uns in den Voralpen. Man könnte Heimweh kriegen. Der Weg hierher fĂŒhrte durch wundervolle BuchenwĂ€lder, er erinnerte mich an den Weg am Richtberg. Ich sitze in einem schutzhausĂ€hnlichen Haus, der Wind saust um die HĂŒtte, es ist ganz kalt.

Das Papier ist ein Wegweiser, den mir Fritz gemacht hat und der mir gute Dienste geleistet hat. Ich habe aber kein anderes bei mir und schreiben will ich Dir doch. Gestern mittag bin ich von Russe weggefahren und um halb 3 in Tirnowo gelandet. Das ist eine sehr interessante Stadt. Die frĂŒhere Hauptstadt von Bulgarien. Eine Remise war frĂŒher das Schloß des ersten Bulgaren-Königs. Die Stadt selbst ist auf einem beinahe kreisrunden Felsen gebaut, der jetzt fĂŒr ein Tunnel der Bahn durchbrochen ist. Die Stadt frĂŒher war wohl eine großartige Festung fĂŒr diese Zeit. Und heute nimmt sie sich gut aus, durch die terrassenförmige Anordnung der HĂ€user, besonders abends, wenn die vielen Lichter angezĂŒndet sind. Ich bin neugierig, wie die Bilder ausgefallen sind. Gabrowo ist eine Fabriksstadt, aber es liegt sehr schön zwischen Bergen. Vielleicht hast Du hier gehört, wie sparsam diese Leute sind. Ich glaube es auch bemerkt zu haben, denn an Reinlichkeit lĂ€ĂŸt vieles zu wĂŒnschen ĂŒbrig, trotzdem viel Wasser da ist. Der Weg hierher ist sehr schön, wie bei uns. Hohe BuchenwĂ€lder, schöne Aussicht. Abends um halb 5 Uhr war ich hier.

3.10.35

Liebes!

Bin gestern noch zum Denkmal (Befreiung Bulgariens) gegangen, auf dem Berg, wo die große Schlacht mit den TĂŒrken war. Auf der SĂŒdseite sieht man in ein breites Tal (Rosental Kasanlik). Man sieht dort die kreisrunden HĂŒgel, wo die Soldaten zu Hunderten gemeinsam begraben sind. Nach der Entfernung zu schließen, mĂŒssen diese 3 bis 4 Stock hoch sein. Die Sonne ging unter, eine wunderbare Abendstimmung. Auch eine schöne Luftspiegelung habe ich da gesehen. Im Osten waren rosarote Strahlen, wie wenn die Sonne dort aufginge, wahrscheinlich eine Reflexion des Abendrotes. Heute frĂŒh habe ich schöne Aufnahmen gemacht. Eine karakal-turk-Familie. Das sind Nomaden, die im Sommer am Balkan, im Winter in Mazedonien leben. Auch ein MĂ€del mit Spinnrocken habe ich aufgenommen. Fein, wenn sie gut werden.

Heute geht’s nach Gabrowo, oder, da ich noch einen Tag Zeit habe, irgendwo in ein Balkandorf.

Ich werde den Brief aufgeben, ob ich ein Kuvert bekomme, weiß ich nicht. Die Marken sind auch noch eine Frage.

Mein Lieb, leb wohl, ich hoffe daß Du den Brief noch diese Woche bekommst. Viele GrĂŒĂŸe an alle und Busserln

Robert


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